Musik-Highlights: KW 47

Kiffen, Tanzen, Pandemie

Es ist mal wieder Freitag, und unsere Musikredaktion hat keine Mühen gescheut, die neuesten und besten Releases zu durchforsten und vorzustellen. Diesmal unter Anderem mit von der Partie: AnnenMayKantereit, Ahzumjot und La Femme.
v.l. The Moore Family Band, Amaarae, La Femme, AnnenMayKantereit, Lost Horizons
Musikhighlights der Woche - KW 47

Frisch Gepresst: Unser Musiktipp ist diese Woche das Album "Vindicator" von Yukon Blonde. Eine ausführliche Rezension gibt's hier.

 

AnnenMayKantereit - "12"

Album-VÖ: 17.11.

Mit dem überraschenden Release ihres neuen Albums „12“ haben AnnenMayKantereit vermutlich die ganze Fangemeinde genauso kalt wie das Novemberwetter erwischt. Dabei hat die Band ein gesellschaftskritisches, düsteres Album hervorgebracht, welches das Leben während der Corona-Pandemie beschreibt.

Einsamkeit, Einengung und Endlosigkeit: ebenso minimalistisch wie die musikalische Varianz zeigen sich die Texte um den grauen Alltag im Lockdown. Das Zusammenspiel aus kurzen Refrains und deplatziert wirkenden Chorelementen bestimmt fast das gesamte Album - kommt aber besonders bei „Gegenwartsbewältigung“ zum Tragen und will vielleicht die Einschränkung der Kreativität zeigen, kann einem aber auch als Mangel dessen erscheinen. Selbst die schnellen Rhythmen in „Warte auf mich“ oder „Ganz egal“ haben durch die bedrückenden Zeilen einen bitteren Beigeschmack.

Das Gefühl von reiner Improvisation lässt einen während des gesamten Albums nicht los und die Prägung durch das Katastrophenjahr 2020 zieht sich durch jeden Song.

Phrasen, Versprechen, Parolen
So laut, so leer
Phrasen, Versprechen, Parolen,
ich will mehr, ich will mehr, ich will mehr
ich will mehr, ich will mehr, ich will mehr

AnnenMayKantereit - So laut so leer

Denn mitfühlende Worte lassen Musiker*innen auch nicht wieder auf ihre Bühnen zurückkehren. Ebenso wird in „Vergangenheit“ genau dieser Zustand der Ohnmacht thematisiert und geht dabei Hand in Hand mit der melancholischen Grundstimmung der gesamten Produktion.

Mit diesem kritischen und überaus ehrlichen Album setzen AnnenMayKantereit vor allem auf die Botschaft und verdrängen damit die bekannten groovigen Beats auf die letzten Stuhlreihen.

Lysann Uhlig

Amaarae – "The Angel You Don’t Know"

Album-VÖ: 13.11.

Die ghanaisch-amerikanische Künstlerin Ama Serwah Genfi hat das Zeug, im internationalen Popbusiness für einiges an frischem Wind zu sorgen. Aufgewachsen zwischen Atlanta und Accra hat sie sich unter dem Namen Amaarae schon auf zwei Kontinenten erprobt. Auf ihrem Debüt-Album „The Angel You Don’t Know“ arbeitet sich die Exzentrikerin nun an fast sämtlichen aktuell angesagten Sounds der westlichen Popmusik ab, verleiht ihnen dabei aber eine dezidiert afrikanische Perspektive.

So gibt es auf der sonnigen Single „Fancy“ einen Trap-Beat, den sich die Musikerin wohl aus dem „Dirty South“ abgeschaut hat. Schon auf dem nächsten Song in der Playlist, „Fantasy“, hört man dann einen RnB-Song mit klarer Latin-Färbung; an anderer Stelle gibt es Beats aus Dancehall und Tropical House. Begleitet werden die Tracks jedoch meist von einer sanft-traurigen Gitarre, die das Flair westafrikanischer Blues Musik in sich trägt, und von Amaaraes unverwechselbarem Gesang. Der klingt stets gehaucht und vordergründig zurückhaltend, wirkt mal unschuldig-verspielt, mal konfrontativ-verführerisch.

Die Musik auf „The Angel You Don’t Know“ muss sich dabei keine Sorgen machen in die heutzutage ohnehin unangenehm kolonialistisch klingende Schublade „Weltmusik“ gesteckt zu werden. Mit der fantastisch bunten Produktion, fettem Sound, wunderbar eingängigen Songs und Amaaraes einzigartiger Stimme klingt das Album vor allem nach absolut zeitgemäßer Pop-Musik. Mit nur noch einem kleinen bisschen Glück könnte Amaarae da schon bald zu den ganz großen Namen zählen.

Martin Pfingstl

The Moore Family Band - "Yelling Out of Tune"

Single-VÖ: 17.11.

An Skatepunk scheiden sich in der Punkszene gerne mal die Geister. Für die einen ist Skatepunk nichts weiteres als Partymusik, der die politische Dimension des „echten“ Punks fehlt. Für andere ist es Mittel zur Selbstidentifikation mit ihrer Subkultur. Als Mittel zur Selbstfindung kann vermutlich auch die neue Single „Yelling out of Tune“ von The Moore Family Band verstanden werden.

Die Band, die sich aus den drei Geschwistern Alyssa, Randy und Dylan Moore zusammensetzt, ist allerdings auch noch in einer Phase, in der jedes ihrer Lieder der Selbstfindung dient. Denn mit „Yelling out of Tune“ hat das Trio ihr gerademal drittes Lied veröffentlicht und kündigt damit ihr erstes Studioalbum „Missy“ an, das Anfang Dezember erscheinen soll. Die Musik der drei aber steht anderen, etablierteren Skatepunk-Bands in wenig nach. Die Stimme von Alyssa Moore erinnert an aktuelle Riot-Grrrl-Musiker wie etwa Tacocat und bietet eine angenehme Abwechslung in der männerdominierten Skatepunkszene. Die Gitarren und der Bass sind typisch aggressiv, die Melodien sind catchy und laden zum Mittanzen und -singen ein.

Ob das alles dem musikalischen Genie der Geschwister zugesprochen werden kann, bleibt ein bisschen zu bezweifeln. Denn schon früh hat The Moore Family Band angefangen, mit Pop-Punk-Legende Jeff Rosenstock zusammenzuarbeiten. Rosenstock, der mit seinen Bands The Arrogant Sons of Bitches oder Bomb the Music Industry! auf dem amerikanischen Musikmarkt Wellen schlagen konnte, gab den beiden letzten Liedern der Gruppe mit seiner Orgel oder an den Synthesizern den letzten Schliff.

Ob es nun an Rosenstock liegt oder nicht: den Spaßfaktor der Musik kann man nicht abstreiten. Und dass die Musik genauso in die Punkszene gehört wie politischere Acts wie NOFX oder Anti-Flag, steht absolut außer Frage. Jetzt gilt es abzuwarten, bis am vierten Dezember das Album rauskommt. Enttäuschen wird es wohl kaum.

Ruben Sträter

La Femme - "Cool Colorado"

Single-VÖ: 18.11.

Wem bei der französischen Sprache das Herz aufgeht, dem dürfte La Femme bekannt sein. Spätestens seit der beliebten Single „Où va le monde“ prägt die Band La Femme nicht nur die Popkultur Frankreichs, sondern ist auch international bekannt. 

Auch die neue Single lässt den für die Band typischen psychedelischen Rock erkennen, der aber auch einen Touch Surfermusik in sich hat. Der Song ist durch den Cannabiskonsum der Band zur Zeit seiner Entstehung geprägt. Auf ihrem Roadtrip durch Colorado, Utah und Wyoming genießen sie  vor allem die Weite, den Platz und die Einsamkeit, die zum Träumen einlädt. Sie schwärmen von der Freiheit und Gelassenheit, die sie in Colorado ausleben können. Diese Assoziationen gepaart mit psychedelischen Keyboardklängen sind Anreiz genug, schnell die Realität aus den Augen zu verlieren. Der langsame Takt, passt zum Lyrics wie die Faust aufs Auge:

Au beau milieu de nulle part, aujourd’hui je sens comme un vent de liberté
Et demain je repars vers l’Ouest

La Femme - Cool Colarado

Noch spannt die Band ihre Fans auf die Folter. Es bahnt sich aber, nach der zweiten Single dieses Jahr, langsam die Hoffnung auf eine Albumankündigug an.

Lia-Joana Fuchs

Ahzumjot ft. Lugatti & 9ine - "swipe up"

Single-VÖ: 20.11.

Independent und in die Fresse. So könnte man die Musik von Ahzumjot beschreiben. Auch auf seinem neuen Track „swipe up“ wird wieder ordentlich ausgeteilt.

Hierfür hat sich Ahzumjot Unterstützung von Lugatti & 9ine geholt. Die beiden Rapper aus Köln gelten in der Szene schon lange als vielversprechende Hoffnung für Deutschrap. Nach Kollaborationen mit den Jungs von BHZ, Kwam.E und Dexter (um nur ein paar zu nennen) hat sie jetzt auch Ahzumjot mit ins Boot geholt. Dabei ist der Hamburger sehr wählerisch, was seine Feature Gäste angeht. Denn vermutlich niemand steht der Deutschrapszene so kritisch gegenüber, wie Ahzumjot. Kein Wunder, dass der neue Track eine Kampfansage gegen all die möchtegern Rapper ist.

Nehm die Szene hops und film es für den Vibe
Du weißt Bescheid, mach Werbung für dein Album und ich schwöre keiner swiped

Ahzumjot - swipe up

Doch nicht nur textlich, sondern auch der Sound geht steil vorwärts. Direkt zu Beginn wird einem ein unglaublich harter und aggressiver Sub Bass reingedrückt, nur um dann von einer sehr hohen, melodiösen 808 abgelöst zu werden.

Bei „swipe up“ schafft es vermutlich niemand, nicht mit dem Kopf mit zu nicken. Besonders der Beat verleiht dem Track eine gewisse Hau-Drauf-Attitüde, was perfekt zum Text passt. Ob der Song so auf einem kommenden Album veröffentlicht wird, weiß man leider noch nicht, doch wir bleiben gespannt!

Emma Dressel

Lost Horizons ft. Porrige Radio - "One For Regret"

Single-VÖ: 17.11.

Vor kurzem hat das britische Duo Lost Horizons, bestehend aus Bella Union Gründer Simon Raymonde und Cocteau Twins Bassist Richie Thomas, ihr neues Album angekündigt. „In Quiet Moments“ soll am 26. Februar erscheinen und wird ganze 16 Songs beinhalten. Die ersten acht werden bereits bis zum 4. Dezember Stück für Stück veröffentlicht. Um ihren Sound für das neue Album neu zudenken, haben sich Lost Horizons für jeden Song Unterstützung von SängerInnen geholt, die ihnen in den letzten Jahren in Erinnerung geblieben sind. Dazu gehört nach Kollaborationen mit The Hempolics und John Grant, nun auch ein Song mit Dana Margolin von der britischen Indie-Rock Band Porridge Radio. „One For Regret“ ist ein ernster, verzweifelter Track, der von einem harten Schlagzeug und polternden, teils psychedelischen Gitarren-Sounds getrieben wird.

Entstanden ist der Song während Simon Raymonde auf altem Equipment herumexperimentierte. Die Lyrics und Stimmmelodie stammen aber aus Margolins Feder, nachdem sie das Instrumental zugeschickt bekommen hatte. Für sie sei das eine ganz neue Art und Weise gewesen, Songs zu schreiben. Die beiden Bands kennen sich schon seit ein paar Jahren und haben sich das erste Mal beim The Great Escape Festival in Brighton getroffen. „One For Regret“ zeigt, dass musikalische Zusammenarbeit auch in Zeiten der Pandemie fantastisch funktionieren kann.

Marie Jainta

 

 

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Direkt bei Spotify reinhören:

AnnenMayKantereit - "12"

 

Amaarae - "The Angel You Don't Know"

 

The Moore Family Band - "Yelling Out Of Tune"

 

La Femme - "Cool Colorado"

 

Ahzumjot ft. Lugatti & 9ine - "swipe up"

 

Lost Horizons ft. Porridge Radio - "One For Regret"