Theater

Karussell statt Koitus

Arthur Schnitzlers „Reigen“ löste zu seiner Uraufführung 1920 einen der gewaltigsten Skandale der Theatergeschichte aus. Auf der Hinterbühne im Schauspiel Leipzig bleibt davon nicht mehr als eine Praterparade.
Hokuspokus auf der Hinterbühne.

„Der Reigen“ war Regisseur Philipp Preuss nicht genug. Im Schauspielhaus spielt man Schnitzler in Verbindung mit dem Film „Vivre sa vie“ (auf deutsch „Die Geschichte der Nana S.“) von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1962. Beides zusammen ergibt dann „Der Reigen oder Vivre sa vie“ – ein Abend, bei dem es um Sex und Tod gehen soll. Wie gesagt: Soll.

Wie im Wiener Freizeitpark

Optisch bleibt man zunächst in der Wiener Moderne. Das Publikum betritt die Hinterbühne über eine kleine Gasse mit schmucker Ornamenttapete und kleiner Kaffeehauslampe (Bühne: Ramallah Aubrecht). Und auch akustisch spielt man Donaumonarchie. Man sagt Obers statt Schlagsahne und wienert sich durch den Abend. Das Publikum hat auf einem Podest Platz genommen und blickt auf den Eisernen Vorhang. Schon kurz nach Beginn fängt das Podest an, sich langsam, fast unmerklich zu drehen. Die Frau neben mir flüstert: „Wie im Freizeitpark!“ Die Drehbühne rotiert unaufhörlich wie das dortige Riesenrad, nur horizontal. Wie im Wurstelprater, möchte man meinen.

Mit Schlamm, auf dem Sessel oder mal ganz philosophisch

Auf dieser Fahrt erlebt man Schnitzlers „Reigen“, jenes Stück, das in zehn Bildern zehn Menschen nicht beim, sondern vor und nach dem Geschlechtsverkehr zeigt. Der Godard-Anteil wird gering gehalten, bis auf kurze Intermezzi ist von „Vivre sa vie“ nichts zu merken. Das erste Bild spielt man noch vor dem Eisernen Vorhang: Lisa Mies darf Denis Petković ordentlich mit Schlamm einsauen. Der brüllt dann ein bisschen vor sich hin, verführt in der nächsten Szene Daniela Keckeis, welche wiederum danach mit Felix Axel Preißler im Bett (oder besser auf dem Sessel) landet. Im Folgenden trifft dieser auf Bettina Schmidt und so weiter. Am Ende tritt noch Markus Lerch hinzu und präsentiert uns einen philosophischen Exkurs: „Ich habe das Gefühl, ich drücke mich nicht verständlich aus.“ Leider erfasst er mit diesem Satz auch weite Strecken der Inszenierung.

En passant gibt es noch einige Zirkusnummern zu erleben, sogar Tiere sind dabei: An einer Stelle trägt das Ensemble wunderschöne Tiermasken und da wir die Szene nur als Video (Konny Keller) verfolgen können, ist es, als schauten wir einen Kindertrickfilm, in dem Tiere sprechen können. Porno-KiKa sozusagen.

Ein Abend mit mehr Karussell als Koitus

Am Ende der gemütlichen Fahrt sitzt das Publikum den sechs mit schwarzen Kleidchen und billigen Perücken bekleideten Schauspielern gegenüber (Kostüme: Katharina Tasch). Man begutachtet sich gegenseitig und es entsteht einer dieser seltsamen Theatermomente, in denen das Publikum nicht weiß, ob das schon das Ende des Abends gewesen sein soll. Es dauert eine beträchtliche Zeit, bis sich ein Herr ein Herz fasst und zu klatschen beginnt. Und so endet dieser seltsame Abend – der sich nicht um den Koitus, sondern ums Karussell drehte – mit freundlichem, von einigen Jubelstimmen durchsetztem, Applaus.

 

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Julien Reimer
05.02.2014 - 07:35
  Kultur