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Junge oder Mädchen, LEGO oder Barbie?

Als Junge wird man mal Polizist oder Feuerwehrmann. Die Mädchen werden Prinzessin oder Hausfrau. Klingt komisch? Willkommen in der Spielzeugwelt. Dort sind die Geschlechterrollen ganz klar verteilt.
Kinderspielzeug
Blau oder pink? Als Kind muss man sich entscheiden

Schon vom Babyalter an gibt es für Kinder im Handel alles doppelt: blaue Schnuller für ihn und rosa Söckchen für sie. Das hört im Spielwarengeschäft nicht auf.

Konservative Spielzeugwelt

Hier wird nicht nur in rosa und blau unterteilt. Viele Spielwaren transportieren Geschlechterklischees und klare Rollenbilder. Während die Jungen mit Piratenschiffen auf Abenteuer gehen, werden die Mädchen in ihrem Tante-Emma-Laden brav zu Hausfrauen erzogen. Doch das passt nicht allen Eltern. Wer sich der zweigeteilten Spielzeugwelt entziehen will, ist bei Gunhild Steinhauer an der richtigen Adresse. Sie betreibt seit einigen Jahren ein alternatives Spielwarengeschäft, die Spielerei. Hier gibt es keine klar erkennbare Jungs- oder Mädchenabteilung. Die Spielerei setzt andere Akzente: Qualität, ökologische Standards und regionale Herstellung sind Ladenbesitzerin Gunhild Steinhauer wichtig. Das Angebot möglichst geschlechtsneutral zu gestalten, gelingt ihr aber auch nicht immer.

Es ist selbst bei alternativen Firmen so, dass da oft auch diese Angebote mit rosa und blau gemacht werden. Und ich denke, man kommt auch nicht ganz drum rum. Das finde ich schade, denn die Welt ist ja bunt und dann sollte das Spielzeug es dementsprechend auch sein.

Gunhild Steinhauer, Betreiberin der "Spielerei"

Ähnlich sieht das auch Nadja Mitzkat, Mutter von zwei Kindern. Ihr Sohn Kolja ist vier Jahre alt, Tochter Anikó 10 Jahre. Für sie kauft Nadja Spielsachen meistens online oder in alternativen Läden. Sie hat sich bewusst gegen die großen Spielwarenhäuser entschieden.

Ich finde es eine Frechheit im Grunde, um Geld zu machen, alles zweimal herzustellen. Das hört ja nicht beim Spielzeug auf. Aus Herstellersicht macht das Sinn, weil sie verkaufen so mehr, aber ich finde es nicht in Ordnung.

Nadja Mitzkat

Dass pink für ihn irgendwie nicht richtig sein könnte, weiß Kolja noch gar nicht, erzählt Nadja. Schließlich versucht sie ihre Kinder fernab von solchen Stereotypen zu erziehen. Darauf hat Nadja aber nur bedingt Einfluss. Schließlich wird das Verhalten von Kindern durch ein breites Umfeld wie zum Beispiel den Kindergarten beeinflusst.

Care-Gen versus Sozialisierung

Dass das Spielverhalten von Kindern gesellschaftlich geprägt ist, bestreitet Axel Dammler. Er ist Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Icon Kids und berät bis zu 70 Unternehmen im Kinder- und Jugendmarkt. Seiner Meinung nach gibt es ein Care-Gen bei Mädchen, welches dazu führt, dass Mädchen empathischer sind und so auch eher mit Dingen spielen wollen, bei denen das "sich kümmern" im Mittelpunkt steht.

Stevie Schmiedel von der Protestorganisation Pinkstinks ist da anderer Meinung. Aus ihrer Sicht gibt es keinen biologischen Zusammenhang zwischen dem Verhalten bzw. den Spielweisen eines Kindes und dessen Geschlecht. Derartige geschlechtsspezifische Verhaltensweisen seien durch die Gesellschaft konstruiert. Die Spielwarenindustrie scheint die Einteilung in Junge und Mädchen zu unterstützen. Dammler betont, dass der Markt das bedient, was von den Konsumenten gewollt ist. Geschlechtsspezifisches Spielzeug verkauft sich gut. Aber warum? 

Axel Dammler vs. Stevie Schmiedel

Der Erziehungswissenschaftler Johannes Nitschke nähert sich dieser Frage über die Bedeutung von Anerkennung. Anerkennung sei etwas, das Kinder wie auch Erwachsene brauchen. Deshalb inszenieren Kinder durch geschlechtsspezifisches Verhalten etwas, was für Erwachsene gut lesbar ist und so zu Anerkennung führen kann. Viele Inszenierungen würden so auch im Erwachsenenalter stabil bleiben. Der Ausschluss aus einer bestimmten Gruppe wird so vermieden.  

Auch Kinder haben grundsätzlich ein Bedürfnis danach sich adäquat zu verhalten, weil das mit Anerkennungsprozessen zu tun hat. 

Johannes Nitschke, Erziehungswissenschaftler

Laut Nitschke sind Strukturen für Kinder zwar hilfreich, die Einteilung in zwei Geschlechter sei jedoch nicht zwangsläufig notwendig für die Kindesentwicklung.

Wenn wir diese Ideen innerhalb der Sozialisationsprozesse aufbrechen und Vielfalt ermöglichen, dann glaube ich, dass sich auch diese Trennung zwischen geschlechtshomogenen Gruppen aufheben könnte.

Johannes Nitschke

Nitschke erklärt, dass Kinder schon früh in der Lage sind zu erkennen, welches Geschlecht sie haben und welche Charakteristika in der Gesellschaft damit verbunden werden. Seiner Meinung nach könnte man darüber auch mit Kindern ins Gespräch kommen. Wir könnten also z.B. versuchen Jungen zu erklären, dass es okay ist, mit pinken Puppen zu spielen.

Welche konkreten Auswirkungen geschlechtsspezifisches Spielzeug auf das Verhalten der Kinder hat, wird man wohl nie 100 prozentig wissen. Solange der Mini-Staubauger und das Mini-Bügeleisen fester Bestandteil der Mädchenecke sind, werden bestimmte Stereotype wohl weiterhin reproduziert.

Hören Sie dazu auch den Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Angela Fischer:

Ein Beitrag von Angela Fischer über gegendertes Spielzeug
Lego oder Barbie, Junge oder Mädchen

 

 

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Taiina Grünzig, Angela Fischer
06.07.2017 - 14:59