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Jüdisches Leben in Leipzig

Der jüdische Beitrag zur Entwicklung Leipzig ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Bei einer Spurensuche durch die Innenstadt werden überraschende Details der jüdischen Vergangenheit sichtbar.
Fassade eines Hauses mit drei verschiedenen Gesichtern aus Stein
Asiate, Afrikaner, Amerikaner - in einer Hauswand vereinigt

Es dunkelt. Ich gehe zielstrebig auf die Ecke Nikolaistraße/Richard-Wagner-Straße zu. Um Simone Feldmeier, die den Spaziergang Jüdisches Leben in Leipzig leitet, hat sich eine kleine Traube gebildet. Ich bin spät dran. Die Teilnehmerinnen, es sind ausschließlich Frauen, stehend wartend in der Kälte. Meine Füße stellen sich dazu. Mein Kopf ist noch nicht ganz da. Vor ein paar Minuten saß ich noch im Sender, jetzt möchte am liebsten nahtlos in das jüdische Leipzig eintauchen. Ich möchte meinen Kopf abschalten und auf eine Zeitreise mitgenommen werden. Meine Erwartungen sind groß. Simone Feldmeier, der man die Routine anmerkt, verliert nicht viele einleitende Worte. Kurz fasst sie die wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinde in Leipzig ab dem 13. Jahrhundert zusammen.

 

Die Anfänge

Eine Erinnerungstafel zwischen den Pflastersteinen
Erinnerung an die Leipziger Pelzhändler (auch Rauchwarenhändler genannt)

Leipzig lag am Schnittpunkt der zwei bedeutendsten europäischen Handelsrouten des Mittelalters, erzählt sie. Als Zentrum des Fernhandels wurde Leipzig bald zu einer Messestadt in der viele Juden als Pelzhändler ihr Auskommen fanden. Simone Feldmeier zeigt auf einer Karte die Lage des alten jüdischen Viertels, etwa an der Stelle des heutigen Rainstädter Steinwegs. Doch vom alten Judenviertel sei nichts mehr übrig geblieben, beraubt sie mich gleich meiner Illusionen. Doch auch wenn das Stadtbild nicht viel hergibt, gelingt es Simone Feldmeier die jüdische Vergangenheit Leipzigs anschaulich zu erklären. In der Hand hält sie eine Bildmappe. Alle hören gespannt zu, dabei weiß jeder, dass diese Geschichte kein Happy End haben wird.

 

Am Brühl

EIne Hausfassade mit Pelztierdarstellungen neben veganem Supermarkt
Gegensätze Seit' an Seit': Pelztierdarstellungen und veganer Supermarkt

Nach ein paar Minuten gehen wir Richtung Innenstadt. Bereits an der Ecke Nikolaistraße/Brühl bleiben wir stehen. Ich schaue mich um. Passanten mit Regenschirmen eilen an uns vorbei. Baustellenabsperrungen rauben der Straßenecke das Flair. Meine Phantasie tut sich schwer damit, sich das jüdische Leipzig von damals vorzustellen. Simone Feldmeier kommt auf die Pelzhändler (auch Rauchwarenhändler genannt) zu sprechen, die sich in diesem Stadtteil konzentrierten. 50% von ihnen waren jüdischer Herkunft. Und immerhin ein Drittel des weltweiten Pelzhandels wurde in Leipzig umgeschlagen. Mich als Tierfreund nehmen diese Pelzhändler nicht besonders für sich ein.

 

 

Fassade eines Hauses mit drei verschiedenen Gesichtern aus Stein
Asiate, Afrikaner, Amerikaner - in einer Hauswand vereinigt

An der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes, sind Menschenköpfe aus Stein angebracht. Bei genauerem Hinsehen, ist zu erkennen, dass ihre Gesichtszüge sich deutlich voneinander unterscheiden. Ein Schwarzafrikaner, ein nordamerikanischer Ureinwohner und ein Asiate sind zu erkennen - Einwohner der Erdteile aus denen die Händler ihre Pelze bezogen. Am Haus daneben sind stilisierte Nachbildungen von Tieren angebracht –  von Pelztieren. In diese jüdisches Leipzig möchte ich nicht so recht eintauchen und bin froh, als wir weiter gehen.

Darstellung verschiedener Pelzkleidungsstücke
Pelze als beliebtes Kleidungsstück - Darstellung über einem Hauseingang

Juden in der DDR

An der Nikolaikirche, dort wo das Ende der DDR seinen Anfang nahm, nutzt Simone Feldmeier die Gelegenheit, auf das Schicksal der Juden in der DDR einzugehen. Zwar war das neue Regime nicht explizit antisemitisch, jedoch antireligiös, was Grund genug für erneute Diskriminierung und sogar Verfolgung war. Die Folge: eine weitere Schwächung der überlebenden jüdischen Gemeinde durch Abwanderung. Nur noch 35 Juden, davon die meisten Greise, gab es 1991 in Leipzig. Erst 1993 wurde nach langem wieder ein jüdisches Kind geboren. Man merkt Simone Feldmeier an, dass sie das, was sie erzählt, bewegt. Man kann ihr gut zuhören, auch wenn einen das, was sie sagt, teilweise sprachlos macht.

 

Leipziger Moderne

Die nächste Station ist das Krochhochhaus am Augustusplatz, leicht zu erkennen an der großen Glocke auf dem Dach. Auch dieses Haus erzählt jüdische Stadtgeschichte. Simone Feldmeier spricht über die Schicksale mehrere Mitglieder der Familie Kroch, einer abenteuerlichen und gefährlichen Flucht über Belgien nach Frankreich und erwähnt die Krochsiedlung im Norden Leipzigs. Die Glocke auf dem Dach schlägt gerade dreiviertel 7 als wir ins Opernfoyer treten um uns aufzuwärmen.

Hier erklärt Simone Feldmeier wie eng die Kultur- und Musikgeschichte der Stadt mit den Juden verbunden ist. Sie spricht auch über die Zerstörung und Wiederbelebung der Leipziger Oper und des Gewandhauses, und über die Wiederentdeckung des Bachschen Erbes.

Weiter geht es mit dem Königsbau, an dem eine Tafel an die Opfer der Reichspogromnacht erinnert. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum Messepalast Specks Hof. Leipzig, das 1933 Heimat von 13.000 Juden war, ist ein dankbares Pflaster für Stadtgeschichtsinteressierte. Aber jüdische Spuren muss man lange suchen. Jüdisches Leben habe ich mir anders vorgestellt. Simone Feldmeier spricht viel von Toten. Doch sie geht auch auf die derzeit in Leipzig lebenden Juden ein. Das sind etwa 1.300. Die meisten davon sind jedoch Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, überwiegend sowjetisch sozialisiert und damit wenig religiös. Die neuen Leipziger Juden scheinen nicht so recht an die spärliche, jüdische Tradition ihrer neuen Heimat anknüpfen zu können - zwei Welten, zwischen denen ein halbes Jahrhundert liegt.

 

Weitere Spuren

Simone Feldmeier, die sich nicht nur mit jüdischer Kultur gut auskennt, sondern offenbar auch mit der Architekturgeschichte Leipzigs, macht uns auf ein weiteres Detail aufmerksam, das man im Vorbeigehen normalerweise nicht erkennen würde:

Darstellung zweier jüdischer Händler über einem Torbogen
Motiv am Alten Rathaus

An der Nordfassade des alten Rathauses sieht man die zunächst unscheinbare Darstellung zweier jüdischer Händler - bei genauem Hinsehen an den typischen Bärten gut zu erkennen. Und in Barthels Hof schräg gegenüber ist unter einem Erker eine goldene Schlange zu entdecken, ein Motiv aus der jüdischen heiligen Schrift. Außerdem ist die Fassade mit Thorazitaten verziert. Vorbei am Mendelssohn Denkmal geht es zur letzten Station, dem Mahnmal für die zerstörte Synagoge: 140 Stühle, die an diesem nasskalten Abend nicht zum Hinzusetzen einladen. Jetzt noch ein paar Zahlen. Für weitere Fragen ist es den meisten zu kalt. Die Gruppe stiebt auseinander. Ich verabschiede mich und eile zurück in die Innenstadt. „So richtig spürbar ist das jüdische Leipzig nicht mehr“, denke ich bei mir. Wahrscheinlich hat es dieses Leipzig nach 1945 nie mehr gegeben. Auf dem Rückweg durch die Nikolaistraße merke ich jedoch, dass sich mein Blick auf Leipzig ein wenig verändert hat. Meine Blicke suchen unwillkürlich die Hausfassaden nach Rückschlüssen auf jüdisches Leben ab. Ich erkenne die Tierdarstellungen wieder, die mir vorher nie aufgefallen waren und ich merke, dass ich die Stadt nun mit ein bißchen anderen Augen sehe.

 

 

Kommentare

Guten Tag Alexander Finger,
ich fand den Artikel sehr interessant. Da ich für eine Veranstaltungsagentur arbeite und auf der Suche nach einer Gästeführerin bin, wollte ich gern nachfragen, ob Sie den Kontakt zu Frau Simone Feldmeier herstellen könnten.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen

Peggy Jost
insolite Germany GmbH
Liselotte-Herrmann-Straße 7
D 10407 Berlin
tel. + 49 30 44315857
e-mail: peggy.jost@insolitegermany.de

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