Rotes Sofa: Andreas Gößling

Jack the Ripper von Schwalbach

Nichts für Menschen mit schwachen Nerven oder zarten Mägen. Andreas Gößling erzählt einen realen Serienmord von 2016 nach. Das Ganze macht er so brutal und ehrlich, dass die Leser*innen manche Stellen am liebsten Seiten überspringen.
Ronja Pittorf und Andreas Gößling
Redakteurin Ronja Pittorf im gespräch mit Autor Andreas Gößling.

Im Nachlass von Alex Soltau tauchen fünf Fässer mit brutal zerstückelten Frauenleichen auf. Nicht nur die Ermittler sind von den unmenschlichen Morden erschüttert. Auch Soltaus Freunde und Familie können sich so gar nicht vorstellen, diese Leichen mit dem von allen respektierten, liebevollen Mann in Verbindung zu bringen. Doch je weiter die Ermittlungen verfolgt werden, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass Alex Soltau nicht der Mann war, für den er gehalten wurde. Die Leichen weisen erschreckende Merkmale und Gemeinsamkeiten auf und verleihen dem Täter eine wölfische Fratze.

'Diese stabförmigen Objekte in der Vagina des dritten Opfers - was ist das?'

Hünfeld fährt sich mit der Hand übers Gesicht. 'Zimmermannsnägel', sagt er und senkt den Blick. 'Insgesamt vierzehn. Wie das Verletzungsmuster zeigt, wurden sie in die Vagina der jungen Frau getrieben, als sie noch am Leben war. Und höchstwahrscheinlich bei Bewusstsein.'

"Wolfswut" von Andreas Gößling, S. 52

Die Gerichtsmedizin ist am Zweifeln, ob Soltau diese grausamen Taten alleine vollzogen haben kann. Kommissarin Hallstein ist sich sicher: Hier muss es noch einen Komplizen gegeben haben. Sie selbst kämpft ihr halbes Leben mit dem Verschwinden ihres kleinen Bruders und der Schuld, die sie jeden Tag begleitet. Das führt zu einem Hang, sich mit deutlich jüngeren Männern einzulassen. Auch zwischen Hallstein und dem Kollegen Lohmeyer knistert es ohne Unterlass. Als die Akten geschlossen werden sollen und der Täter vermeintlich feststeht, taucht die Leiche eines 16-jährigen Jungen auf, der exakt die gleichen Merkmale aufweist, wie die Frauenleichen aus den Fässern des toten Soltaus.

Aber der Schein kann trügen. Soltau hat das nicht allein gemacht. Er war vielleicht nicht mal die treibende Kraft.

"Wolfswut" von Andreas Gößling, S. 65

Hallstein und Lohmeyer begeben sich auf die Suche nach dem zweiten "Wolf", der es nun auf Jungs abgesehen zu haben scheint. Bei ihrer Suche verstricken sie sich immer weiter in einen Ring aus Perversion und Macht innerhalb Deutschlands.

Flüssig und anschaulich geschrieben, fällt es nicht schwer, sich den 527 Seiten hinzugeben. Auch sind die Einträge in Soltaus „Trophäenbuch“, in dem er den Prozess der Schändungen festgehalten hat, so präzise und detailliert, dass die Gänsehaut ein ständiger Begleiter beim Lesen ist. 

'Ich bin nur dein Schatten, ich hocke vor der Wand. Höre, wie sie keift und kreischt, sehe eure zuckenden Silhouetten. Wie du ihr rechtes Bein beidhändig fest umfasst, (…) wie sie sich bäumt und gellend heult, als du ihren Schenkel im Hüftgelenk drehst. (…) Dazu ihr Kreischen, Flennen, Toben, das Knacken ihrer Knochen, das Zerplatzen von Haut Sehnen, Fleisch.'

"Wolfswut" von Andreas Gößling, S. 256

Insgesamt ist "Wolfswut" in zwei Teile gegliedert. Der Erste ist sehr ausführlich, was an manchen Stellen gar nicht unbedingt notwendig ist. Dafür geschehen die Ereignisse im zweiten Teil Schlag auf Schlag, sodass man tatsächlich gezwungen wird, den Kaffee immer wieder beiseitezustellen.

Die persönlichen Geschichten um Kommissarin Hallstein bremsen das Ganze wieder etwas ab, umspielen aber den harten Realitätseffekt mit einem zarten Schleier der Fiktion. Leider ist das Ende, etwas zu romantisch und fiktiv und durchbricht damit das vorher sehr gut durchgesetzte True-Crime-Konzept.

Fazit

Fesselnd geschrieben und unglaublich umfangreich recherchiert lässt uns Andreas Gößling deutlich spüren, wie hart die Realität ist und entführt uns in die Welt von psychischen Erkrankungen, Kannibalismus und sexuellen Neigungen, deren wahre Visagen sich erst beim Blick hinter den schwarzen Vorhang erkennen lassen – Stoff für jeden Thriller-Liebhaber.

'Wir müssen davon ausgehen, dass die durch Herauslöffeln entnommenen Gewebefragmente zumindest teilweise verzehrt worden sind.'

"Wolfswut" von Andreas Gößling, S. 56

Wolfswut ist wie ein Bier-Mix-Getränk, dass man den ganzen Abend über entspannt in rauen Mengen trinken kann und erst zum Ende den Effekt des Alkohols mit voller Wucht zu spüren bekommt.

Das Interview zum Nachhören:

Ronja Pittorf im Interview mit Andreas Gößling
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Der True-Crime-Thriller "Wolfswut" von Andreas Gößling erschien am 3. Januar 2018. Er hat 527 Seiten und kostet 14,99 Euro.

"True-Crime" verbindet einen realen Fall mit fiktiven Elementen.

2015 brachte Gößling zusammen mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos eine Trilogie aus True-Crime-Thrillern heraus.

Die Kommissare Hallstein und Lohmeyer werden weiter ermitteln.