CD der Woche

Ja, Panik - Libertatia

Die Gruppe Ja, Panik bringt ihr fünftes Album heraus. Es ist eine Art zweites Debüt, ein Neuanfang, der von einer besseren Welt erzählt, die zwar nicht möglich ist, dafür aber umso mehr nach Pop klingt. „LIBERTATIA“ ist unsere CD der Woche.
Die Gruppe Ja, Panik ist neuerdings ein Trio.

„Es wäre an der Zeit aufzuhören, das bisschen Kling Bim Lalala für gar so wichtig zu halten, gilt es doch nach wie vor eine Welt zu zerstören“, heißt es im Titelsong des letzten Ja, Panik-Albums „DMD KIU LIDT“. Was soll nach der Traurigkeit durch die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben noch kommen? Ein Manifest, eine Utopie, ein neues Album; mit 16 Thesen und zehn capital letters: „One world, one love: LIBERTATIA“.

Ja, Panik - LIBERTATIA (OFFICIAL), von Ja Panik

LIBERTATIA – Ein Erlebnisbericht

„Ich wünsch’ mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht“. So fängt es an. Ich schließe die Augen, summe leise „L to the I to the B to the E to the R to the T to the A to the T to the I to the A„ vor mich hin und als ich die Lider wieder hebe, finde ich mich in LIBERTATA, einer Insel, die es nicht gibt, einer anderen Welt, die nicht möglich ist, einem unknown place mit fresh fruits, groovy Beats und rosa Gitarrenmelodien. In der Ferne seift zaghaft ein Saxofon herum. Es ist ungewohnt, es fühlt sich neu an.

Um herauszufinden, wo der ganze Badeschaum herkommt, der diesen magic place wie fluffiger Zuckerguss bedeckt, mache ich mich auf den Weg, LIBERTATIA zu erkunden. Die bevorzugte Fortbewegungsweise ist das Schweben, einen halben Meter über den Keyboardflächen. Auf einem glänzend lackierten Täfelchen neben dem Ortseingangsschild steht:

„LIBERTATIA existiert nur in Übersetzungen, in abertausend Auflagen und eben so vielen Versionen. Ein Echo an den Polen, da wo sich die Kompasse im Kreis drehen.“

Das klingt rätselhaft. In einer gedruckten Ausgabe der englischen Wikipedia schlage ich den delphischen Begriff nach. „Libertatia was a possibly fictional anarchist colony founded in the late 17th century in Madagascar by pirates“, steht da, eine Utopie nach den Grundsätzen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, ein Jahrhundert vor Beginn der französischen Republik. Soso. Vielleicht ist es aber auch einfach ein wohlklingendes Wort, das ist herauszufinden.

Ich bin noch nicht lange unterwegs, mein Fuß wippt noch im schmissigen Rythmus der vergangenen drei Minuten und einige Synapsen meines Kopfes beschäftigen sich rege mit der Frage, was eine Songzeile braucht, um zur Parole zu werden und umgekehrt, da sehe ich in einiger Entfernung Karl Marx tanzen. Er hält ein Megafon in der linken Hand, das einen hinter dem Bart hervorgenuschelten Satz an meine Ohren trägt: „Man muss die versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt“, meine ich zu hören, doch als ich näher komme, sehe ich, dass es gar nicht Karl Marx ist, der da tanzt, sondern Andreas Spechtl, der gar nicht tanzt, sondern mit heller Stimme singt: „Dance The ECB / Swing die Staatsfinanzen / Sing ihnen Ihre Melodie / Zwing sie zum Tanzen“. Wer so lässig Karl Marx zitieren und gleichzeitig „Swing“ und „Sing“ auf „Zwing“ reimt, kann kein schlechter Mensch sein, denke ich mir, als ich die anderen beiden Burschen entdecke. Es sind Sebastian Janata und Stefan Pabst, die anderen Zwei der Gruppe Ja, Panik, die neuerdings ein Trio ist, im Internet aber noch immer teure aber selbstgenähte Wurstvögel verkauft. Gerade formen ihre Lippen den Buchstaben „A“, der sich in gedehnter Version ihrer einem kleinen Chor gleichen Stimmen zu den Synthieflächen unter meinen Füßen gesellt.

Ich habe kaum gemerkt, dass Andreas verschwunden ist, gone with the wind aber nicht ohne Verabschiedung, "Au Revoir, auf Wiedersehen, Goodbye", da entdecke ich einen Zettel, der im Badeschaum hervorblitzt.

„LIBERTATIA ist die eleganteste Art das Gesetz zu brechen. Im Supermarkt, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Netz. LIBERTATIA ist immer mehr mitgehen zu lassen, als man alleine verbrauchen kann“

steht darauf. Aha! Es ist wohl eine der 16 Thesen zu LIBERTATIA. Eine Art Manifest mal wieder. Ich stecke mir so viel Schaum wie möglich in die Taschen und ziehe weiter. Ein warmer Wind haucht etwas, dass wie „All Cats Are Beautiful“ klingt, aber auch „All Cops Are Bastards“ heißen könnte, als es plötzlich anfängt funky Gitarren zu regnen. Vor meinem inneren Auge gehe ich meine Talking Heads-Platten durch, lasse das aber schnell wieder sein und beschließe für drei Minuten und 17 Sekunden einfach mal one of the he, she, it's between thunder and blitz zu sein.

Nach einem Gewitter riecht der Boden bekanntlich am besten, resümmiere ich, als ich mich – der Schaum ist noch nicht ganz weggespült – bereits zwischen streitenden Teenagern und Obstler trinkenden, alten Männern wiederfinde. Spätestens jetzt beginne ich LIBERTATIA zu mögen. Dann wird es dunkler um mich herum und eine bekannte Melancholie macht sich breit, die mich mitten in meinen goldenen 20ies Richtung Boden zieht. Der Schwerkraft nicht gefeit, muss ich nun wohl oder übel gehend weiter ziehen. Ich suche erst mal eine Telefonzelle auf und drehe auf der Wählscheibe die Nummer von Tobias Levin. Den kenne ich noch aus dem Tagebuch der Gruppe Messer, nun hat er erstmals ein Ja, Panik-Album produziert. In einer Zeitung habe ich gelesen, dass die Gruppe ihr neues Album nicht mehr live, sondern auf recht moderne Art aufgenommen hat. Das will ich genauer wissen. Es tutet. Marilyn Monroe geht ans Telefon. Tobias sei nicht da, aber sie habe nichts an, bis auf das Radio. Im Hintergrund meine ich den Refrain eines Songs der Band „Roxette“ zu erkennen, dann lege ich auf und drehe das Radio auf. Music international, yalla, yalla. Sing sweet, high. Das ist Pop – Radio LIBERTATIA.

Ich beschließe den letzten Teil meiner Reise in meinen Siebenmeilenshoes fortzulegen und begebe mich mit einem Rest Melancholie im Bauch auf nach Antananarivo oder Berlin oder San Salvador, wo ich bei Jean Jaques Rousseau mein Rückfahrtticket löse, auf dem steht:

„Doch LIBERTATIA ist keine Enklave, keine Probebühne für die Starlets von morgen, keine schlauere Idee von den schlaueren Typen. Orte zu befreien, befreit uns hundertmal mehr, als es irgendein freier Ort tun kann. Man wird sich LIBERTATIA nicht ausdenken können.“

Als ich meine Augen wieder öffne, bin ich in Europa. Ich drehe die Uhr auf back to the future und weiß, dass ich LIBERTATIA noch einige mal besuchen werde. Und mit jedem mal werde ich es ein bisschen besser finden.

 

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Isabelle Klein
27.01.2014 - 14:35
  Kultur

Ja, Panik: Libertatia

Tracklist:

1. Libertatia*
2. Dance the ECB
3. Au Revoir*
4. Post Shakey Time Sadness
5. ACAB
6. Chain Gang
7. Alles leer*
8. Eigentlich wissen wir es alle
9. Radio Libertatia*
10. Antananarivo
*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 31.01.2014
Staatsakt