Frisch Gepresst: Fenne Lily

It’s Not Hard To Be Alone (Anymore)

Steißgeburten, Nietzsche und jede Menge Einsamkeit: Ihre frühen Zwanziger verkraftet Fenne Lily zunächst mehr schlecht als recht. Wie sie das Ruder für sich rumreißt, dokumentiert „BREACH“.
Fenne Lily
Auf „BREACH“ lernt Fenne Lily das Alleinsein.

Wahre Künstler*innen vermögen es, aus jeder sich bietenden Quelle Inspiration zu schöpfen. Daran gemessen ist Fenne Lily ein Genie. Der Titel ihres zweiten Albums „BREACH“ fand sich durch lange Gespräche mit ihrer Mutter, in denen diese ihrer Tochter von deren Geburt erzählte. Es war eine Steißgeburt (engl. „breech birth“), die für Mutter und Kind meist noch anstrengender ist, als jene, bei denen Babys mit dem Kopf voran zur Welt kommen. Schreibt man das „breech“ mit a, so ergibt sich „breach“, was wiederum so viel wie „durchbrechen“ bedeutet. Dank ihrem guten Gespür für Worte erkannte Fenne Lily ihre Chance und hatte den Albumtitel im Sack.

Kräftezehrend, kompliziert und herausfordernd – so fühlt sich auch das Erwachsenwerden an. Fenne Lily kämpft mit Einsamkeit, einer angeschlagenen Psyche und tief verwurzeltem Pessimismus. Aber sie hat erkannt: Damit umgehen lernen ist eben auch Teil des Erwachsenwerdens. 

„I’m empty at one and twenty“

„BREACH“ ist jetzt also die fast schon tagebuchartige Dokumentation der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Engländerin will besonders ihre Einsamkeit verstehen lernen. Dazu gehörte für sie auch, sich von Menschen zu trennen, die einsam machten. „I, Nietzsche“ ist einem ehemaligen Partner gewidmet, der sich als übertriebener Nietzsche-Fanatiker entpuppte. Laut Fenne Lily habe er irgendwann in der Wir-Form gesprochen („Wir, also ich und Nietzsche finden...“) und lieber dessen Schriften gelesen, als mit ihr zu schlafen. Was zunächst absurd und lustig klingt, stellte für die Singer-Songwriterin eine schmerzhafte Zurückweisung dar – und gab ihr auch zu denken, auf was für Typen sie sich da eigentlich einlässt. 

Aber es soll keine Schuld auf andere abgewälzt werden: In „Alapathy" besingt sie ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Psyche und zur Schulmedizin, welche ihr wiederholt nicht helfen kann. „Berlin“ ist eine fragmentierte Anreihung an Eindrücken, die Fenne Lily während eines vierwöchigen Aufenthalt in der Hauptstadt gesammelt hat – tagsüber fühlt sie sich im Gewusel aufgehoben und wohl, nachts aber fühlt sie sich leer und ausgebrannt. 

„I used to hate my body, but now I just hate you“

Fenne Lily hat im Vergleich zu ihrem bisherigen Schaffen aber nicht nur inhaltlich ihren Horizont erweitert: Während ihr seidener Indie-Folk bisher eher deutlich zurückgefahren daherkam, legt sie jetzt ordentlich einen drauf. Eine Songs sind dank kräftigem Schlagzeug und E-Gitarre recht roh („Alapathy“, „Solipsism“), an anderen Stellen werden überraschend Streicher hervorgezaubert („Laundry and Jet Lag“). Manchmal arbeitet die Engländerin aber auch weiterhin recht reduziert mit ihrer verlässlichen Akustikgitarre, zupft sie aber für ihre Verhältnisse ungewohnt traditionell. Über allem schwebt die Fähigkeit, eingängig, bitter, klug und bildlich zu texten: 

I gave up smoking when I was coughing up blood
And when I felt better again I took it straight back up
Aching and breaking new habits for me
Not all propensities come with a warning, like you

– Fenne Lily, „Laundry and Jet Lag“ 

„I didn’t want to be saved“

In den vergangenen Jahren hat sich Fenne Lily immer wieder selbst als „langsame Songwriterin“ beschrieben, der es schwerfällt sich gute Melodien auszudenken. Deshalb, so sagt sie, benötigt sie eben ihre Zeit. „BREACH“ lässt einen dankbar sein für das vermeintlich fehlende Arbeitstempo, denn so verfällt sie nicht dem Malen nach Zahlen der Songwriter, die nur immer nur schreiben, statt zu erleben. Den Krisen und harten Wendungen des Erwachsenwerdens kann Fenne Lily nicht entgehen und Einsamkeit kann ein Mensch vielleicht nie ganz besiegen. Für sie aber stehen die Chancen gut: Mit wachen Augen und viel Mut, sich die eigenen Fehltritte ganz einzugestehen ist hier ein reifes, fortwährendes Album gelungen.

 

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Fenne Lily: BREACH

Tracklist:

1. To Be A Woman Pt. 1
2. Alapathy*
3. Berlin
4. Elliott
5. I, Nietzsche*
6. Birthday
7. Blood Moon
8. Solipsism
9. I Used To Hate My Body But Now I Just Hate You*
10. ’98
11. Someone Else’s Trees
12. Laundry and Jet Lag

Erscheinungsdatum: 18.09.2020
Dead Oceans