Lyrik

Ist Gedichte schreiben barbarisch?

Das 20. Jahrhundert ist dermaßen geprägt von Zerrissenheit und Krieg, dass es einem fast die Sprache verschlägt. Joachim Sartorius hat in dem Band "Niemals eine Atempause" Lyriker versammelt, die versuchen, gegen Gewalt anzuschreiben.
Niemals eine Atempause
Zum Blättern: Sartorius' "Niemals eine Atempause"

Der Titel des Buches entstammt einem Gedicht von Nelly Sachs und beschreibt in Sartorius Augen das 20. Jahrhundert, das niemals stillstand. Katastrophen und Kriege bestimmen die Schlagzeilen, nicht nur die Weltkriege, beinahe als Vorbereitung begangen ab 1905 Türken Völkermord an der armenischen Volksgruppe. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist immer wieder von Katastrophen zu hören, von chinesischer Kulturrevolution, afrikanischer Apartheid und Naturkatastrophen in Europa und Asien.

Lyrik als Zugang zur Geschichte

Letztlich will Sartorius beweisen, dass Poesie und Lyrik auch politisch sein können, dass Dichter, bewegt von den Schrecknissen der Zeit, mit Worten dagegen ankämpfen, die Missstände anklagen und ihre Trauer äußern. Für Sartorius könnte jedes Gedicht politisch sein, aber er wählt solche, die eindeutig politisch sind, die einen konkreten Anlass haben. Auch deswegen ist das Ziel der Gedichte immer klar, gerade die Einführungen in die thematischen Abschnitte und zu den einzelnen Autoren machen ziemlich klar, was genau der Dichter vor Augen hatte. Auf diese Weise wird dieses "Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert" zu einem Gegenentwurf zur trockenen Geschichtsschreibung, es ist eine Geschichte der Verlierer, der Unterdrückten, eine Geschichte aus Gefühlen.

Konflikte aus aller Welt

Diese Anthologie ist äußerst zugänglich, weil die Gedichte klar sind, auch wenn sie einen schalen Geschmack hinterlassen, der bei diesem Thema aber auch angebracht ist. Die Einteilung in Kapitel ermöglicht, das Buch immer wieder kurz zur Hand zu nehmen und in kleinen Dosen zu entdecken. Und zu entdecken gibt es einiges, denn hier finden sich neben Klassikern wie Celan und Brecht unter anderem der Afrikaner Breyten Breytenbach, der Chinesen Dao Bei und der Araber Adonis. Gerade das Kapitel zum Nahostkonflikt besticht durch das Nebeneinander arabischer und israelischer Dichter, also beider Seiten des Konfliktes, beides Opfer wirtschaftlicher Interessen. Ansonsten bleibt die Auswahl etwas oberflächlich, thematisch sind es oft Klagegedichte gegen die großen Schrecken des 20. Jahrhunderts, die Politik im Kleinen bleibt außen vor, aber vermutlich wäre das auch uferlos. Aber die "positive" Dichtung hätte etwas  mehr Raum erhalten können. Sartorius erzählt von der Idee einer Schreckenskammer, Lobhymnen auf Diktatoren und Völkermord, die er aus Respekt vor den Opfern wieder verwarf. Aber zumindest einen Text über diese Dichter hätte man sich gewünscht, um sie selbst verteufeln zu können. Doch am Ende bleibt für Anthologien nie genug Zeit und Platz, seinen hat Sartorius gut genutzt, er spannt einen weiten Blick auf die Welt und bietet Entdeckungen neuer Dichter und gefühlvollen Zugang zur Geschichte.

Moderatorin Maja Fiedler im Gespräch mit Literaturredakteur Thilo Körting über "Niemals eine Atempause"
Sartorius SG
 

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