Rotes Sofa: Jan Böttcher

Ins Kaff. Nach Hause?

Aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, zieht Michael Schürtz nach zwanzig Jahren in Berlin zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit. Vermeintlich aus beruflichen Gründen hier, ahnt er noch nicht, wie nah ihm das „Kaff“ nach wie vor ist.
IV mit Jan Böttcher
Redakteurin Frauke Siebels im Gespräch mit Autor Jan Böttcher

Fahrradreifen springen über Baumwurzeln, der Dynamo findet keinen Halt an dem rutschigen Mantel. Im Licht der vereinzelten Straßenlaternen flattern unregelmäßige Fahnen aus feinstem Nieselregen. Ampeln gibt es nur wenige und nachts sind sie ausgeschaltet oder blinken höchstens gelb.

Dieses Kaff wollte der junge Michael Schürtz hinter sich lassen, zog als gelernter Tischler in die Großstadt. Nun, inzwischen Mitte Vierzig, kehrt er zurück in die niedersächsische Provinz.

Aber Rückkehr ist das falsche Wort, Rückkehr setzt den Willen voraus, zurückzukehren. Dieses Reihenhaus könnte sonstwo stehen. Doch, (...) ein Zufall. Häuser werden gebaut, ich habe einen Job angenommen. Kein Zufall ist, was außerhalb dieser alten Stadtmauern aus mir geworden ist.

"Das Kaff" von Jan Böttcher, S. 35

Jan Böttcher schildert in seiner Ich-Erzählung „Das Kaff“ die Geschichte eines Wahlberliners, der zurückkommt in die Kleinstadt. Als Leiter eines Bauprojekts begegnet er nicht nur Kunden und Auftraggebern, sondern auch alten Vertrauten.

Im Kaff nichts Neues

So trifft er neben damaligen Freunden aus dem Fußballverein auch auf seine Geschwister. Weder der beinahe schon patriotische ältere Bruder, noch die sozial-engagierte Schwester scheinen ihrem Bruder das Verlassen ihrer gemeinsamen Heimat verziehen zu haben. Immer schwingt ein unausgesprochener Vorwurf mit. Michael deutet ihn als Unverständnis. Dennoch kommt er nicht wirklich davon los. Das zeigt, wie ambivalent das Verhältnis ist.

Den Geschwistern etwas vorauszuhaben, das ist ein wesentlicher Teil meiner Identität.

"Das Kaff" von Jan Böttcher, S. 245

Dazu gehört im Übrigen auch ein Selbstbild, das von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein zeugt. So gern er seine vermeintliche Überlegenheit im Umgang mit andere zur Schau stellt, so häufig eckt er damit bei diversen Gesprächspartnern an. Seine erste Berliner Geliebte findet folgende bezeichnende Worte.

Micha Schürtz, der Abschätzige. In Ewigkeit zufrieden mit dem Niveau seiner kleinen Schul- und Familienrevolte. Bloß nicht denken, nur klettern. Nach oben streben. Und denen, die sich’s schwerer machen, immer gleich Versagen vorwerfen. So wie unsere Eltern früher bei uns, oder? Deshalb bist du ja wohl zurückgekehrt.

"Das Kaff" von Jan Böttcher, S. 83

Mehr Schein als Sein

In der Tat legt Böttchers Protagonist offenkundig Wert auf Status: Er bezeichnet sich lieber als Architekt denn als Handwerker. Überzeugt von seiner Professionalität, erscheint ihm sein Name in einem offiziellen Briefkopf angemessen. Dass ihm seine Geschäftspartner dies verweigern, hat offensichtlich seinen Stolz verletzt hat. Das wird im Kaff zeitweise einmal mehr deutlich.

Ich gebe mein Bestes, es ist nicht gut genug. Und damit hat er womöglich noch Recht.

"Das Kaff" von Jan Böttcher, S. 71

Nicht nur „er“, sein Auftraggeber weist den leicht hochmütigen Michael auf seine Schwächen hin. Auch seine Geschwister und die alten Bekannten aus dem örtlichen Fußballverein halten sie ihm – mal mehr, mal weniger einfühlsam – vor (Augen).

So ist das in einem „Kaff“; alles ist nah beieinander. Beinahe wie eine Metapher lässt sich das übertragen. Obwohl inzwischen zwanzig Jahre vergangen sind, bringen die Erinnerungen in Michaels Inneren etwas in Bewegung, dem er sich nicht entziehen kann. Mehrmals lässt Autor Jan Böttcher ihn kurze Auszeiten nehmen – Gelegenheiten zur Selbstreflexion. Und da meldet sich dann beispielsweise ein alter Bekannter zu Wort:

Ich bin dein Stolz und ich habe dich gelehrt, dass die leiseste Beschäftigung mit der Schwäche zur Folge hat, dass man selbst an Stärke einbüßt. Bisher hast du es doch gut gemacht, Abstand gehalten.

"Das Kaff" von Jan Böttcher, S. 119

Genau diese Distanz ist es, die Michael jetzt in Bedrängnis bringt.

In einem Umfeld, in dem alle auf ihre eigene Weise um Anerkennung kämpfen, sucht auch er nach sozialem Halt. Freunde, Familie, Fußballverein – nach und nach nähert sich Michael nicht nur den Menschen an, sondern auch deren Schicksalen. So entwickelt er eine Anteilnahme, die Reaktionen geradezu fordert.

Trotz Sprachkunst kein klares Wort

Eine gewisse Metaebene deutet sich vor allem durch die sprachliche Gestaltung des Romans an. Böttcher formuliert stellenweise sehr bildhaft, baut außerdem nahezu philosophische Wortspiele ein. Dialoge sowie innere Monologe schreibt er indes betont umgangssprachlich und hebt sie somit krass von distanzierteren Betrachtungen des Protagonisten ab. Im Endeffekt werden die Charaktere dadurch authentisch, jedoch keineswegs sympathisch.

Jan Böttcher gelingt es zwar einerseits, den Figuren seiner Erzählung klare Konturen zu verleihen, indem er ihre Motive deutlich macht. Andererseits versäumt er es, ihnen Konsequenz abzuverlangen. So bleiben viele auftauchende Konflikte angerissen oder gar unausgesprochen. Anregende Philosophien und Ideen hängen im luftleeren Raum. Im Laufe der Geschichte verflüchtigt sich zusehends die Hoffnung des Lesers, die Handelnden könnten tatsächlich Entscheidungen treffen und umsetzen. 

Im Jargon des Architekten würde das Fazit womöglich lauten: Die Chance, aus dem soliden Gerüst des skizzierten Plots ein bereicherndes Werk zu gestalten, hat sich Jan Böttcher leider verbaut. 

Das Interview auf dem Roten Sofa hören Sie hier: 

Redakteurin Frauke Siebels im Gespräch mit Jan Böttcher.
 

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"Das Kaff" ist Böttchers fünfter Roman. Er ist im Aufbau-Verlag erschienen, hat 269 Seiten und kostet 20,- €.