Frisch Gepresst: B-Sides

Immer schlimmer

Corona-Krise hier, Corona-Krise da: Der zurückliegende März war ein besonders aufreibender. Zum Glück gab es einige Alben, die uns trotz des ganzen Wahnsinns Riesenfreude gemacht haben. Also nichts wie los: Hier sind fünf starke Platten aus dem März.
Lieblingsalben März
Fünf Lieblingsalben der Redaktion im März

Dua Lipa - Future Nostalgia

Retro-Synthies gepaart mit aktuellen Pop-Klängen: Dua Lipa setzt auf ihrem neuen Album auf einen gewissen Nostalgie-Faktor. Dabei hält sie sich an den Titel der Platte: Future Nostalgia. Sie erinnert mit ihren Songs an vergangene musikalische Zeiten und verleiht ihnen gleichzeitig einen modernen Touch. Die britische Sängerin beweist so immer wieder, dass sie ohne große Mühe Ohrwürmer produzieren kann.

Ihr wirklich sehr tanzbares Album passt perfekt in die aktuelle Zeit, in der vielen Menschen wahrscheinlich nicht wirklich zum Tanzen zumute ist. Die Songs der Platte machen gute Laune und lenken davon ab, dass vielen ihrer Hörer*innen zuhause wahrscheinlich gerade die Decke auf den Kopf fällt. Mithilfe eines ihrer Musikvideos lässt sich sogar Sport in den eigenen vier Wänden machen: Zum Song „Physical“ gibt es ein separates Workout-Video. Als hätte Dua Lipa gewusst, dass eben dies zum Release ihres Albums gefragt sein würde.

Kritisieren lässt sich an „Future Nostalgia“ jedoch trotzdem etwas. Bis auf einen einzigen Song („Boys will be Boys“) klingen viele der Tracks sehr ähnlich. Dua Lipa ist auf ihrem vierten Album also nicht unbedingt revolutionär und wagt wenig Neues – mehr Experimentierfreudigkeit würde ihr in Zukunft also nicht unbedingt schaden. Am Ende des Tages überzeugt die Sängerin aber trotzdem mit einer Platte, die ihren Hörern gute Laune machen möchte – und das auch oft schafft.

Celine Schmock

Moaning - Uneasy Laughter

Moaning haben ausgenüchtert: Nicht nur hat Sänger und Gitarrist Sean Solomon dem Alkohol und dem wilden Leben eines Indie-Rockstars, nach ihrem gefeierten Debütalbum abgedankt, auch musikalisch wirken Moaning auf dem Nachfolger „Uneasy Laughter“ schwermütiger. Gitarren gibt es nur noch in abgespeckter Version zu hören, dafür hat die Band aus Los Angeles eine ordentliche Schippe an interessanter Synths und Effekte draufgelegt. „Say Something“ kommt komplett ohne Gitarre aus, während sie auf „Make It Stop“ noch zu hören ist. Diesem Track gibt aber vor allem ein stechendes Echo auf Solomons Stimme den nötigen Gehalt.

We used to care, but we forgot
Have more in common than we do not
What part of you relates to me
Narcissism is not empathy

Song: „Ego“

Moaning erinnern manchmal an Joy Divison, manchmal an Editors und singen auf ihrem zweiten Album offen über Selbstzweifel, Ängste und mentale Gesundheit. Damit ist „Uneasy Laughter“ eine bedrückende Platte über das Verloren sein und sich selbst finden.

Marie Jainta

Megan Thee Stallion - Suga

Sex, Selbstbewusstsein und schnelle Bars: Die Bad-Bitch-Attitüde und die brausende Energie der Rapperin Megan Thee Stallion sind unvergleichbar. Die Texanerin sagt, was sie will und nimmt kein Blatt vor den Mund. Songs wie „Captain Hook“, „Savage“ oder „B.I.T.C.H“ zelebrieren die weibliche Power und Sexualität. Es sind Hymnen von und für moderne Frauen. Nebst ihrer energetischen Hits, zeigt Megan Thee Stallion auf „Suga“ auch ihre empfindsame Seite. Die Künstlerin experimentiert mit Autotune und melodische Tracks wie „Crying In The Car“ und „What I Need“ ermöglichen persönliche Einblicke in das Leben Thee Stallion’s.

Dass sich Megan Thee Stallion von nichts unterkriegen lässt, zeigt auch die Veröffentlichung der EP. Das Label der Rapperin verbot ihr neue Releases, Megan ging vor Gericht und veröffentlichte die EP mit den insgesamt neun Songs dennoch - und das hat sich gelohnt.

Nele Rebmann

R.A.P. Ferreira - Purple Moonlight Pages

„Purple Moonlight Pages“ ist das Debütalbum des amerikanischen Rappers R.A.P. Ferreira – zumindest unter diesem Namen. Besser bekannt ist er unter seinem alten Künstleralias milo, unter welchem er bereits sechs Studioalben veröffentlichte. Weit weg also von einem Newcomer und einem Debüt, und trotzdem fühlt sich „Purple Moonlight Pages“ ein bisschen nach Neuanfang an.

Dabei ändert sich am Fundament nicht viel: Rory Allen Philip Ferreira setzt weiterhin auf komplexe Texte und unorthodoxe Flows über smoothe Instrumentals. Die kommen von den „Jefferson Park Boys“, noch so ein getarnter Neuanfang, denn: Hinter diesem Namen steckt das Produzententrio Aaron Carmack, Mike Parvizi und Kenny Segal. Letzterer ist kein Unbekannter in der Szene, erst recht nicht für milo-Fans: Bereits auf dem 2015 erschienen Album „so the flies don’t come“ arbeiteten Segal und Ferreira zusammen.

Was „Purple Moonlight Pages“ aber zum bisher besten Album Ferreiras macht, ist die durchweg hohe Qualität der Songs, die sich stilistisch teilweise extrem unterscheiden. „OMENS & TOTEMS“ ist ein dystopisch-minimalistischer Fiebertraum, dessen Beat Ferreira passenderweise selbst als einen „long way to the dumpster“ vergleicht. Komplett gegensätzlich wirken hingegen jazzige, entschleunigte Songs, wie „LAUNDRY“, „LEAVING HELL“ oder auch das chaotisch-verspielte „U.D.I.G.“, welches wie eine zahmere Variante von Danny Browns wildem „Really Doe“ wirkt.

Trotz dieser Kontraste und der beachtlichen Länge von 18 Songs fällt die Platte nicht auseinander, was auch an den aufmerksamen Beobachtungen Ferreiras liegt, die er immer wieder poetisch verpackt. Zeilen wie „They're still getting off on confessional prose poems, bold omens / Professional rappers often only heard post mortem“ zeigen die unglaubliche Beobachtungsgabe und Sprachgewalt Ferreiras, die ein ums andere Mal fesselt. So ist „Purple Moonlight Pages“ sein wohl bisher stärkstes, weil auch fokussiertestes Album - für einen Neuanfang gar nicht so schlecht.

Scott Heinrichs

Acht Eimer Hühnerherzen - "album"

Wer bin ich, wo gehör' ich hin, und was mach ich hier eigentlich? Acht Eimer Hühnerherzen stellen auf ihrem zweiten Album “album” viele Fragen, ohne dem Zwang zu erliegen, auch Antworten geben zu müssen. Die Lieder, in denen es vor Allem um Ungewissheiten auf dem eigenen Lebensweg oder auch in der Liebe geht, kommen wie auf dem Vorgängeralbum im „Nylonpunk”-Sound daher – leiser, weniger verzerrt und entspannter als Rock, aber mindestens genauso mitreißend. Die akustische Version des klassischen Garagerock-Three-Piece liefert treibende Beats und Bassläufe und on top liefert Sängerin Apocalypse Vegas‘ rotzige Stimme wundersam komisches Wortgewurschtel und Melodien, die auch im Social Distancing hochinfektiös sind.

Lucas Schwarz

 

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