Mediennutzung

Im realen Leben verschwunden

Es ist eines unserer treusten Weggefährten - das Handy. Immer haben wir es dabei, denn es verbindet uns auf seltsame Weise mit der Welt. Einer virtuellen Welt. Kann man heutzutage überhaupt noch ohne leben?
451 Ungelesene Nachrichten
Eine Woche ohne Medien. 451 ungelesene Nachrichten später.

Das Handy - es unterhält uns beim Frühstück, begleitet uns gesanglich unter der Dusche und lässt uns mit all unseren 734 Freunden andauernd in Verbindungung bleiben. Wir widmen ihm den ersten Blick am Morgen und den letzten am Abend. Da kann man sich ein Leben ohne Handy & Co. eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt noch funktioniert in der heutigen Welt ohne Medien zu leben und mich in ein Selbstexperiment gewagt.

Eine Woche lang verschwanden mein Handy und mein Laptop im Schrank und auch von sonstigen Medien (Radio, Fernsehen, Telefon & Co.) hielt ich mich fern.

"Im realen Leben verschwunden" - eine Reportage von Sophie Richter
 

Mediensucht

Ein auswegsloser Teufelskreis?!

Jeder fünfte Jugendliche leidet in Deutschland an der sogenannten Mediensucht. Und die Zahlen steigen stetig. Ein Suchtverhalten charakterisiert sich durch ständigen Medienkonsum und fängt schon damit an, dass man Sätze wie "Ich kann nicht ohne mein Handy aus dem Haus gehen" sagt oder denkt. Weitere Stadien der Mediensucht verlaufen ähnlich wie bei anderen Suchterkrankungen. Die Betroffenen leugnen ihr Verhalten, geben vor gar nicht so oft am Handy zu hängen oder leiden sogar an Entzugserscheinungen wie aggressives Verhalten oder Zittern, wenn sie länger keinen Zugang zu einem Smartphone oder sonstigen Medien haben. Es kann alles sein, was man beim Entzug von einer richtigen Droge auch kriegen kann.

75% der zwei bis vierjährigen Kinder spielen bereits bis zu 30 Minuten mit dem Smartphone. Also, wir sprechen über zwei bis vierjährige Kinder, die schon mindestens eine halbe Stunde am Tag am Smartphone spielen! Das sind einfach Zahlen, die machen Angst. Wie soll das denn weiter gehen?

Dr. Andries Korebrits, Helios-Park Klinik Leipzig

Dr. Andries Korebrits ist Leiter einer Therapieeinrichtung für mediensüchtige Kinder und Jugendliche an der Helios-Park Klinik in Leipzig. Er appeliert vor allen Dingen an die Hersteller und an das Bildungssystem. Anbieter von Computerspielen sollten zunehmenst darauf achten, nicht nur ihr neuestes Spiel an den Mann zu bringen, sondern auch die Kinder zu schützen. Dies kann zum Beispiel geschehen, indem Anbieter ihre Spiele weniger suchtfördernd gestalten und strengere Altersbeschränkungen einführen. Doch die Unternehmen handeln meist nur in ihrem wirtschaftlichen Interesse. Jeder will seine App auf den Markt bringen und erhofft sich damit das große Geld. An dieser Stelle sollten laut Dr. Korebrits die Schulen greifen, und neben Mathe und Geschichte auch einmal in die heutige Zeit geschaut werden. Die mediendominierte Welt ist nahezu unumgängich. Deswegen sollte man vor allen Dingen den Kindern und Jugendlichen einen bewussten Umgang mit den Medien beibringen und über Risiken aufklären.

Die Zahlen der mediensüchtigen Jugendlichen steigen rasant an. Seit 2011 hat sich die Zahl der Internetsüchtigen verdoppelt. Und das Erschreckende bei der ganzen Sache: Die Therapeuten stecken langsam in einem Teufelskreislauf, denn eine langfristig erfolgreiche Therapie gestaltet sich als immer schwieriger. Eingewiesen in die Klinik entziehen sich die jungen Erwachsenen komplett von allen Medien. Das Handy wird abgegeben und auf der gesamten Station gibt es keine Computer, Handys & Co. Stattdessen werden die Patienten wieder zurück in ein Leben ohne Medien geführt. Alte Hobbys, so wie Sport, kreative Beschäftigungen und handwerkliche Tätigkeiten sollen wieder aufblühen. Ein gemeinsamer Gesellschaftsspiele-Abend ersetzt die Lan-Party. Doch sobald die Patienten aus der Klinik entlassen werden, ist die Gefahr der Rückfälligkeit höher als bei jeder anderen Suchterkrankung. Für die Erstellung des Referats für die Uni kommt man um einen Computer gar nicht mehr rum und um entfernte Freunde zu erreichen muss man dann doch Facebook öffnen. Zuhause hat man schnell sein Handy wieder und dann fängt es wieder an.  

Das gilt nicht nur für Drogen - auch für Mediensucht ist die Rückfallquote natürlich gigantisch.

Dr. Andries Korebrits, Helios-Park Klinik Leipzig

Sich selbst zu schützen, ist gar nicht so schwer. Lass dein Handy doch beim nächsten Mal einfach stumm in der Tasche, wenn du mit Freunden verabredet bist. Das neue Instagrambild von deinem Bekannten ist auch drei Stunden später noch da und die What's App Nachricht, die dich fragt, wie die Party am Wochenende war, kann auch später noch beantwortet werden. Präventieren können wir unser eigenes Verhalten schon indem wir den Ton, das Vibrieren und Aufleuchten einfach mal ausschalten. Denn sobald das Gerät aufleuchtet, piepst oder vibriert, schaden wir uns selbst, weil wir die Menschen um uns herum ausblenden und dem realen Leben entschwinden. 

Teste dich selbst

Unter dem Motto "Online sein mit Maß und Spaß" hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) das Präventionsprogramm http://www.ins-netz-gehen.de gestartet. Auf dieser Internetseite erhalten junge Erwachsene Tipps zur Selbstreflexion und man kann in einem Selbsttest herausfinden, wie gefährdet man selbst ist. Außerdem werden auf regionale Beratungsstellen hingewiesen.

 

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Etwa 96% der Jungen spielen regelmäßig Computer-Spiele und leiden demnach oftmals an Computerspielsucht. Die Mädchen verzeichnen hohe Zahlen in der Abhänigkeit vom Internet. Sie sind meistens von den sozialen Netzwerken besessen.

Dreiviertel der zwei- bis vierjährigen Kinder verbringen berits eine halbe Stunde pro Tag an einem Smartphone oder Tablet. Bei diesen Kindern lassen sich Korrelationen zu anderen Entwicklungsstörungen feststellen. Sie leiden häufig an Lese-/Rechtschreibschwäche, Aufmerksamkeitsdefiziten, Aggressivität und Schlafstörungen.