Frisch gepresst: Tame Impala

Im Rausch der Zeit

Nach fünf Jahren auf der Produzentenwalz durch die Pop- und Hip-Hopwelt hat Kevin Parker am Freitag das vierte Tame-Impala-Album herausgebracht – und bannt darin auf einzigartige Weise all seine musikalischen Fähigkeiten und Vorstellungen.
Kevin Parker

Die Liste der KünstlerInnen, mit denen Parker zusammengearbeitet hat, seit er mit dem Letzten Tame Impala Album “Currents” den Sprung in die Popwelt gemacht hat, ist lang und voll mit großen Namen: Travis Scott, Kanye West, Mark Ronson und Lady Gaga und andere haben ihn wegen seiner Produzentenfähigkeiten ins Studio geholt, A$AP Rocky, Rihanna und Kendrick Lamar haben Tame Impala Songs gesamplet bzw. gecovert .

 

A$AP Rocky samplet für seinen Song "Sundress" Tame Impalas "Why Won't You Make Up Youd Mind"
 

Diese Safari durch die Welt jenseits der Neopsychedelia hat “The Slow Rush” entscheidend geformt: Die zwölf Tracks sind ein Flickenteppich aus Elementen verschiedenster Genres: In den Vorabsingles “Borderline” und “Lost In Yesterday” lebt Parker seine innere Popdiva aus, das Intro von “Breathe Deeper” klingt, als würden statt Parker Ice Cube und Dr Dre nach den ersten Takten einsteigen, auf “Glimmer” und dem Opener “One More Year” macht Parker einen Abstecher in die Repetitive Welt des House, und “Posthumous Forgiveness” und “Tomorrow's Dust” erfinden den verzerrten, unendlich effektierten Tame-Impala Psychrock in einer reduzierten, akustischen Spielart neu.

 

Schon mit seinen vorherigen Alben öffnete Parker seinen anfänglichen Psychrock immer mehr für Einflüsse verschiedenster anderer Genres; in sich selbst hatten die Platten jedoch immer einen sehr klar definierten, einheitlichen Sound. Auch auf “The Slow Rush” gibt es trotz der eklektischen Zusammensetzung der Tracklist einiges, dass die Tracklist zusammenhält: Altbekannte Tame Impala Trademarks wie exzessiv eingesetzte Phaser und verspielt polternde Drumfills auf der einen Seite; neu dazugestoßene Elemente wie Congagrooves, digitale und analoge Klaviersounds, die die Gitarre fast endgültig aus Parkers Soundarsenal verdrängt haben, auf der anderen Seite – und über alles legt sich Parkers Liebe zum Retrokitsch. Dieses musikalische hängen bleiben in der Vergangenheit wirkt zwar teilweise etwas uninnovativ und unfreiwillig komisch - zum Beispiel beim ins nichts führenden, gewollt billig klingenden House-Zweiminüter "Glimmer" - aber das Gewühle in den Soundkisten der Vergangenheit passt perfekt zum Thema der Platte: Dem unumgänglichen Sog der Zeit, der eigenen Vergänglichkeit und auch dem hängen an der Vergangenheit.

 

Tame Impala - Lost In Yesterday

Was die Songs über 57 Minuten hinweg geradezu dramatisch auserzählen, fängt das Cover des Albums perfekt ein: Ein Raum in einem Haus in der Nähe einer verlassenen Diamantenmine in Namibia – durch die halb offene Tür zum Nebenraum scheint sich eine hüft- bis kopfhohe Sanddüne hineinzuschieben. Das Bild mutet gleichzeitig an wie ein Stillleben und die Momentaufnahme einer Naturkatastrophe, gewaltig, schnell, und langsam zugleich - “The Slow Rush” eben.

Dieses komplette Sich-der-Zeit-hingeben sorgt aber auch für einige Schwachstellen des Albums: Einige Tracks, die eigentlich großartig klingen, nehmen sich einfach etwas zu viel Zeit, wie zum Beispiel der Popsmasher “Lost In Yesterday”, der eine Minute kürzer hätte sein könen, ohne dass etwas gefehlt hätte, oder der Opener “One More Year”, der trotz faszinierender Sound wie dem “Gregorianischen Roboterchor” nicht über seine fast fünfeinhalb Minuten Länge überzeugen kann. Zudem fehlen dem Album weitestgehend die ekstatischen Momente, die bisher in jedem Tame Impala Album zu finden waren – die Spannungsbögen der einzelnen Songs sind flacher als man es von Parker kennt. Dafür widmen sich die Songs der Wiederholung, geben den gleichen Themen immer wieder einen neuen Anstrich, indem neue Klänge eingeführt werden, und erschaffen so vielschichtige Soundcollagen.

 

“The Slow Rush” ist Tame Impalas endgültige Abkehr von den Tagen als Indie-Psych-Rock-Bandprojekt hin zum unberechenbaren Omnigenre-Psychpop. Für den einen mag das Album mit seinen vielen Facetten beliebig klingen, für die andere einfach nach konsequent umgesetzter künstlerischer Freiheit. Vor allem aber ist es der bisherige Höhepunkt der erstaunlichen Entwicklung des Indiepop-Tausendsassas Kevin Parker.

 

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Tame Impala: The Slow Rush

Tracklist:

One More Year
Instant Destiny
Borderline*
Posthumous Forgiveness
Breathe Deeper
Tomorrow's Dust*
On Track*
Lost In Yesterday
Is It True
It Might Be Time
Glimmer
One More Hour*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 14.02.2020
Modular