Rezension

Im Limbus zwischen Licht und Finsternis

Zu einer Rockband gehört eine singende Frontsau. So die landläufige Meinung. Die Band „God is an Astronaut“ allerdings lässt die Herzen von Postrock-Liebhabern auch ganz ohne Gesang höher schlagen.
GIAA Live 3
God is an Astronaut Live im Werk 2

1963 war Jurij Gagarin als erster Mensch im Weltraum und verkündete der Welt bei seiner Rückkehr, dass er da oben keinen Gott gesehen hätte. Heute, knapp 50 Jahre später, wissen wir es besser: „God is an Astronaut“ -  zumindest, wenn man einer irischen Band mit demselben Namen Glauben schenken darf. In kosmische Sphären erhebt einen auch der Sound der vier Iren. Nicht ohne Grund zählen sie deshalb auch zu einer der essentiellen Postrockbands unserer Zeit. Am 21. Juli haben sie die Welt mit ihrem mittlerweile achten Studioalbum „Helios|Erebus“ erfreut. Die Band selbst ist davon überzeugt, dass es ihr bisher bestes Studioalbum ist. Große Worte, aber hält die Platte was sie verspricht?

Über die dunklen Seiten des Menschseins

„God is an Astronaut“ setzen sich viel mit aktuellen politischen Themen auseinander. So ist „Helios|Erebus“ stark inspiriert von all den schrecklichen Dingen, die sich Menschen gegenseitig antun. Für diejenigen, die nicht so fit mit griechischer Mythologie sind: Helios ist der Name des griechischen Sonnengottes und Erebos der des Gottes der Finsternis. Licht und Schatten, Tag und Nacht, Gut und Böse. Kontrast ist eines der zentralen Elemente des Albums. Gitarrist Torsten Kinsella sagte außerdem, dass ihn vor allem die Situation in Palästina sehr bewege und wie unmenschlich es sein müsse, an einem Ort zu leben, der von Krieg umgeben ist. Das spiegelt sich auch im Sound des Albums wider. Der Titeltrack auf Helios|Erebus entstand aus der Idee, jemanden Klavier spielen zu lassen, während überall um ihn herum Bomben in die Luft fliegen. Das kommt auf der Platte dann auch umso deutlicher zur Geltung, wenn man sie sich mit Kopfhörern anhört.

Musikalischer Lichtblitz

Musikalisch lädt Helios|Erebus auf eine Reise durch den Weltraum ein. Im Gegensatz zum Vorgängeralbum „Origins“ sollte alles wieder etwas spaciger, weitläufiger klingen. Nachdem man auf den Playknopf gedrückt hat, folgt ein wahres Wechselbad aus noisigen Klangwänden, ruhigen Klavier- oder Gitarrenparts und hartem Postrock-Sound, die ein wenig an Postrock-Bands wie Porcupine Tree erinnern. Dass das auch gerade beim Genre Postrock ganz gerne mal in schwülstige 30 Minuten Tracks ausarten kann, weiß man, wenn man Bands wie „Godspeed You! Black Emperor“ oder „Sigur Ros“ kennt. „God is an Astronaut“ gelingt allerdings der Spagat, epische Songstrukturen in unter sechs Minuten unterzubringen. Damit sind sie für eine Postrockband recht bekömmlich. Dass es da keinen Gesang gibt, stört nicht im Geringsten. „God is an Astronaut“ versuchen lieber allein durch ihre Musik das auszudrücken, was sie zu sagen haben. „Helios|Erebus“ sorgt beim Hören trotz der fehlenden Lyrics immer wieder für Überraschungen und man entdeckt beinahe jedes Mal etwas Neues an der Platte.

Fazit

Helios|Erebus“ ist ein Album, das bei schummriger Abendbeleuchtung und mit Kopfhörern gehört werden will. Im Vergleich zum vorigen Album „Origins“ bietet es vielleicht nicht dieses breite Sortiment aus Instrumenten und Sounds. Dafür ist „Helios|Erebus“ geradliniger und klingt eher wieder wie ein klassisches „God is an Astronaut“ Album. Es ist ein Stück weit ruhiger als der Vorgänger, wird aber trotzdem selten langweilig und bietet dadurch auch einen härteren Kontrast zwischen den ruhigen und lauteren Parts. Das Album lädt dazu ein, immer und immer wieder gehört zu werden, um jedes Mal eine neue Facette zu entdecken. Als würde man bei einer Reise durch den dunklen Weltraum Mal um Mal einen neuen Lichtpunkt in der kalten Unendlichkeit entdecken. Und wenn man dann nach knapp vierzig Minuten die Kopfhörer abnimmt und wieder auf der Erde gelandet ist, hat man es vielleicht begriffen: Wow, vielleicht ist Gott wirklich ein Astronaut.

 

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Heinrich Jakunin
05.11.2015 - 19:30
  Kultur

God Is An Astronaut: Helios|Erebus

Tracklist:

1. Agneya
2. Pig Powder*
3. Vetus Memoria
4. Finem Solis
5. Helios Erebus*
6. Obscura Somnia
7. Centralia*
8. See of Trees

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 21.06.2015
Rocket Girl