Ausstellungskritik

Im Forum geht die "Angst" um

Gibt es eine „German Angst“? Diese Frage stellt sich aktuell eine Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.
Plakat zur Ausstellung "Angst - Eine deutsche Gefühlslage?" von IGLHAUT und von GROTE GmbH, Berlin
Plakat zur Ausstellung "Angst - Eine deutsche Gefühlslage?" von IGLHAUT und von GROTE GmbH, Berlin

Angst ist ein starkes Gefühl. Sie kann produktiv sein, aber auch lähmen – in jedem Fall hat sie Folgen. Insbesondere, wenn sie ein gesamtgesellschaftliches Ausmaß erreicht. Den Deutschen wird oft eine besondere Ängstlichkeit nachgesagt. In den 1980er Jahren etablierte sich daher der Begriff „German Angst“. Die Deutschen fürchteten sich in dieser Zeit besonders vor dem atomaren Wettrüsten im Kalten Krieg. Der von Bundeskanzler Helmut Schmidt unterstützte NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979 ermöglichte die Montage neuer Atomwaffen in Westeuropa – was in Deutschland tausende Menschen aus Angst auf die Straße trieb.

Ob die Deutschen besonders ängstlich sind, untersucht derzeit eine Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Die Idee dahinter erklärt Direktor Dr. Jürgen Reiche:

Einer der Anstöße war die Silvesternacht 16/17 in Köln, mit den Übergriffen, die dort stattgefunden haben und eine Welle der Angst, die nicht nur in Köln losgetreten wurde, sondern in Gesamtdeutschland. Und diese Idee, die gärte schon länger bei uns und das war nochmals der Auslöser zu sagen: jetzt machen wir diese Ausstellung mal und checken, ob da auch was dran ist an dem angelsächsischen Begriff German Angst. Ob es wirklich etwas deutschspezifisches gibt im Bereich der Angst.

Jürgen Reiche

Das erste Ausstellungskapitel widmet sich der „Angst vor Zuwanderung“ und zeigt einen Motivwagen des Künstlers Jacques Tilly.

 

Das erste Ausstellungskapitel widmet sich der „Angst vor Zuwanderung“ und zeigt einen Motivwagen des Künstlers Jacques Tilly.

Von A wie Atomkrieg bis Z wie Zuwanderung

Im Rückblick auf die letzten 60 Jahre fragt die Ausstellung nach den kollektiven Ängsten der Deutschen, ihrer Entstehung, ihrem Verlauf und ihren Folgen. Dabei durchwandern der Besuchenden vier unterschiedliche kollektive Ängste.

Wir wollten anhand einiger Beispiele – Migration, atomare Bewaffnung, Klima, Waldsterben – das mal durchdeklinieren und beleuchten: Wie entstehen eigentlich solche Ängste, was macht das mit den Menschen? Wie werden sie medial begleitet diese Ängste? Wie sind die Unterschiede zwischen Ost und West?

Jürgen Reiche

Dabei hat sich nicht nur das verändert, wovor die Deutschen Angst hatten, sondern auch der gesellschaftliche Umgang damit. Während Angst in den 1950er Jahren noch nicht öffentlich diskutiert wurde, diente sie seit den 1980er Jahren als „politisches Argument“.

BRD und DDR sind unterschiedlich mit kollektiven Ängsten umgegangen

Das sind alles Themen, die das ganze Land betreffen, aber in der DDR wurde anders reagiert in vielen Fällen, als im Bundesgebiet und das hat natürlich Gründe und auch das ist wichtig mal aufzuzeigen in so einer Ausstellung.

Jürgen Reiche

Die Ausstellung legt Wert auf ostdeutsche Akzente. Besonders bei den Debatten um das Reaktorunglück in Tschernobyl oder um die Zuwanderung in den 1990ern wird das deutlich. Ob es Ängste gab, die nur oder vor allem in der DDR besondere Emotionen und Reaktionen hervorgerufen haben, bleibt aber offen.

Mit bemalten Birken machte ein Dresdner Künstler auf das Waldsterben aufmerksam – das es in der DDR offiziell nicht gab.
Mit bemalten Birken machte ein Dresdner Künstler auf das Waldsterben aufmerksam – das es in der DDR offiziell nicht gab.

Berichterstattung in der Kritik

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Angst spielen die Medien. Das wird zum Beispiel in der Debatte um das Waldsterben deutlich. Diese Vorstellung versetzte die Öffentlichkeit Anfang der 1980er Jahre in Angst und Schrecken. Medienwissenschaftler Rudi Holzberger kommentiert die problematischen Aspekte der Berichterstattung in einem der Videos:

Es ist so gut wie nicht recherchiert worden. Die ersten Artikel gingen gerade noch so. Danach ist eigentlich fast ständig kolportiert worden. Das heißt der eine hat vom anderen abgeschrieben. Weil alle angenommen haben: Der Wald ist eh tot. Da muss ich nicht mehr lange recherchieren.

Rudi Holzberger

Starke Bilder und schauriger Sound

Um den Besucher:innen die Medienberichterstattung jener Angst-Phase bzw. -Phasen näher zu bringen, arbeitet die Ausstellung u.a. mit Schlagzeilen und Covern verschiedener Illustrierter, Dokus und Interviews. Im Ausstellungsabschnitt „Angst vor Zuwanderung“ sind auch einige Facebook-Screenshots zu sehen. Mehr Infos zur Rolle von Social Media für die Entstehung und den Verlauf kollektiver Ängste wären vor dem Hintergrund ihrer heutigen Allgegenwärtigkeit aber wünschenswert gewesen. Besonders interessant sind ausgewählte Statistiken und Kunstwerke. Akustisch leiten Töne durch die Ausstellung. Der Kölner Tonkünstler Heinrich-Dieter Hebben hat den Sound zur Ausstellung kreiert.

Ein Blick ins Gästebuch am Ausstellungsausgang lohnt sich.
Zitate am Ausstellungsausgang und Gästebuch

Jede Menge Diskussionsstoff

Die Ausstellung „Angst – Eine deutsche Gefühlslage?“ hat mich absolut überzeugt. In eindrücklichen Bildern und schaurigem Sound lässt sie die Besuchenden die Ängste vergangener Jahrzehnte nachempfinden. Sie inspiriert dazu, sich damit auseinander zu setzen, was kollektive Ängste sind und sein können und wie sie Gesellschaften prägen.

Vermisst habe ich stellenweise tiefergehende Analysen und wissenschaftliche Hintergründe dazu, wie kollektive Ängste entstehen und was die Debatten jeweils so deutsch macht. Am Anfang der Ausstellung heißt es dazu lediglich, dass vor allem aktuelle politische Probleme die Ängste hierzulande stark beeinflussen. Beim Rausgehen erfährt man außerdem in einem Zitat von Historiker Frank Biess, dass die Angstkonjunkturen in Deutschland „vom Nachhall extremer Gewalt- und Zusammenbruchserfahrungen im 20. Jahrhundert geprägt sind.“

Letztlich zeigt die Ausstellung aber, dass sich Ängste im Nachhinein häufig als übertrieben erweisen. Noch bis zum 10. Mai 2020 habt ihr die Möglichkeit, euch selbst ein Bild davon zu machen.

 

 

 

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Wo?
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
Grimmaische Straße 6
04109 Leipzig

Wann?
Dienstag bis Freitag: 9 – 18 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 10 – 18 Uhr
Montag: geschlossen

Wie lange? 
18.10.2019 - 10.05.2020

Der Eintritt ist kostenfrei.