CD der Woche

Im Disco-Strom

Disco geht auch ohne Glitzer und Schlaghosen. Das beweisen Tame Impala auf ihrem dritten Album „Currents“. Was sich außer dem Sound bei den Australiern noch geändert hat, erfahren Sie hier.
Tame Impala-Frontmann Kevin Parker ist seid jeher der kreative Kopf der Band.

Der Beat springt wie eine Impala. Nach dieser Schwarzfersenantilope hat sich die australische Band um Kreativkopf Kevin Parker benannt. „Let it Happen“ heißt der Song, der mit diesem Hüpfen das dritte Album der Band "Currents“ eröffnet. "Let it happen" - so lautet auch erst einmal das Motto. Berechtigt, denn im Anbracht des Schwalls an Informationen, der einem heutzutage durch die Medien entgegen kommt, dem ständigen Auf-Achse-Sein und Up-To-Date-Sein müssen, bleibt einem ja wohl auch nichts anderes übrig. Vor diesem Strom gibt es kaum ein Entkommen. Davon singt Kevin Parker in „Let it happen“:

It’s always around me, all this noise / But not really as loud as the voice saying/ Let it happen […] All this running around/ I can’t fight it much longer.

 

Aber gegen die Hektik des Alltags gibt es ein gutes Rezept: alles ausblenden und einen Kurzurlaub machen, der genau eine LP-Länge andauert. Davon gehören fast acht Minuten dem Opener. Der zieht die Hörer direkt hinein ins Album “Currents”, in die Strömung und da sollen sie sich auch erstmal treiben lassen.

Life is Moving on

An ganzen 13 Songs treibt „Currents“ vorbei, von denen drei allerding kürzer als zwei Minuten sind. Diese Mini-Songs teilen die Platte in drei Teile. Is there Something more than that? fragt das Stück „Nangs“ und eröffnet den ersten Teil über Abschiede und Neuanfänge. Sowohl musikalisch als auch textlich macht Sänger Kevin Parker nun Schluss mit der Vergangenheit. „Currents“ ist auch ein Album über Liebesbeziehungen. In „Yes I’m Changing“ singt Parker über Veränderung und dass es eben weiter gehen muss. Life is Moving on, can you see/ There’s so much future left for you and me. Fast schon einen Break-Up-Song könnte man das nennen und davon gibt nicht nur einen auf „Currents“. Noch ein Kandidat: „Eventually“, laut dem es manchmal besser ist, Dinge zu beenden („I know that I will be happier/ and I know you will too/ Eventually“). Parker blickt also in die Zukunft. Musikalisch hat sich auch einiges getan, denn lauscht man den früheren Alben „ Lonerism“ (2012) oder „InnerSpeaker“ (2010) fällt auf: Die waren viel diffuser, viel weniger Synthies, ganz getreu dem Label Psychedelic Rock. Und jetzt springt da dieser Disco-Beat mit, der das Ganze zugleich verträumter und grooviger werden lässt. Überhaupt erinnert der Sound teilweise an die Disco-Phase der Bee Gees in den Siebzigern.

Zwei Schritte vor, einer zurück

Es ist eben gar nicht so einfach, mit der Vergangenheit abzuschließen. Darum geht es im nächsten Teil der Platte. Der wird eröffnet vom Instrumental „Gossip“, dass aus wabernden Synthies besteht. Die Stücke danach heißen „The Less I Know the Better“ und „Past Life“. Während das erste von der großen Liebe handelt, die aber mit einem anderen Typen abzieht, geht es in „Past Life“ um eine zufällige Begegnung mit einer ehemaligen Liebe. Dass solch ein Aufeinandertreffen auch Folgen haben kann, zeigt sich in den Lyrics:

 

So I go about my day as normal /But can’t seem to pass it off as just a random event/ It consumes me.

 

Auch musikalisch sticht der Song heraus, denn die Strophen werden vorgelesen mit einem Verzerr-Effekt über der Stimme. Das klingt fast wie ein Telefonanruf aus der Vergangenheit. Auf diese Vergangenheit bezieht sich auch der Song "Disciples", der erinnert in seinen zwei Minuten direkt an die klassischen Sounds der Beach Boys.

Cause I’m a Man

Die wohl schönste Entschuldigung für Beziehungsmissverständnise liefert Kevin Parker mit dem Titel "Cause I'm a man". Da heißt es: "Cause I’m a man, woman/ Don’t always think because I do/ Cause I’m a man, woman/ That’s the only answer I got for you." Der Song "New person, Same old Mistakes“ schließt „Currents“ ab und zeigt: Am Ende beginnt der Teufelskreis der Liebe wieder von vorne. "Feel like a brand new person/ But You make the same old mistakes/I don’t care I’m in love." Das hört sich zumindest ein bisschen an, wie ein Happyend.

Fazit

Auf dem Album „Currents“ wird experimentiert. So rutscht die ohnehin hohe Stimme von Kevin Parker in noch weit entferntere Höhen hinauf. Dazu kommt der neue Disco-Sound, der Tame Impala sehr gut zu Gesicht steht. „Currents“ ist jetzt schon DIE Platte für diesen Sommer, auch wenn in Australien eigentlich Winter ist. Und wer sich bei der Hitze schon nicht in den Strömungen von Flüssen, Seen oder Ozeanen abkühlt kann, dem sei geraten: „Currents“ anmachen und zumindest die Gedanken ein bisschen treiben lassen.

 

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Tame Impala: Currents

Tracklist:
  1. Let It Happen*
  2. Nangs
  3. The Moment
  4. Yes I’m Changing*
  5. Eventually
  6. Gossip
  7. The Less I Know The Better*
  8. Past Life
  9. Disciples
  10. Cause I’m A Man
  11. Reality In Motion
  12. Love/Paranoia
  13. New Person, Same Old Mistakes

 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 17.07.2015
Fiction (UK/EU)

Konzerte
Tame Impala spielen am 12. September auf dem Lollapalooza-Festival in Berlin.