Frisch Gepresst: Emmy The Great

Im April ändert sich alles

Emmy The Great ist eine begnadete Anti-Folkerin. Bisher sang sie mit scharfer Zunge über soziale Missstände, Weiblichkeit und Liebe. Auf ihrem vierten Album geht es etwas friedfertiger zu – wenn auch nicht weniger ernst.
Emmy The Great
Emmy The Great widmet sich auf ihrem neuen Album ihrer Geburtsstadt Hongkong.

In China sieht man – im Gegensatz zu westlichen Kulturkreisen – keinen Mann, sondern eine „Frau im Mond“. Gemeint ist damit Chang’e, die Frau des tyrannischen Kaisers Hou Yi. Einer Legende nach trank sie das Elixier der Unsterblichkeit, um China vor seiner ewigen Schreckensherrschaft zu befreien. Seitdem lebt sie mit einem Jadehasen auf dem Mond.

Um das große Opfer der Chang’e zu ehren, feiert man in China das Mitherbst- oder Mondfest und erleuchtet den Nachthimmel mit zahllosen Lichtern und Laternen. Pünktlich zu diesem Anlass kehrte Emmy The Great 2017 nach Hongkong zurück. 1983 wurde sie dort bürgerlich als Emma-Lee Moss geboren. Ihre Mutter ist Chinesin, ihr Vater Engländer. Später verbrachte sie den Großteil ihres Lebens in Großbritannien oder den USA. Ihr Verhältnis zum Heimatbegriff war deshalb stets kompliziert – schließlich wuchs sie in drei vollkommen unterschiedlichen Kulturen gleichzeitig auf.

Zurück in Hongkong verbesserte Moss‘ zunächst ihr Kantonesisch, eine chinesische Sprache, die hauptsächlich in Südchina gesprochen wird. Mit neuentflammten Sprachkenntnissen verstand sie die Stadt besser – erkannte aber auch, wie sehr sie sich vom restlichen China unterscheidet, denn Hongkong hat eine konfliktreiche Geschichte und Gegenwart. Kontraste, die Moss nach und nach immer besser verstehen wollte, schließlich sucht auch sie ihren Platz an diesem tosenden Ort.

Zwischen Tempel und Tonstudio

„April/月音“ ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit Widersprüchlichem – klingt aber dabei viel wärmer und weicher, als man es vermuten würde. In den vergangenen Jahren hat sich Emmy The Great zu einer der geschätztesten Vertreterinnen der Londonder Anti-Folk-Szene gemausert. Moss ist eine hochempathische Beobachterin, die oft mit großer Zuneigung über die Menschen schreibt, die ihr begegnen. So handelt „Mary“ von einer Wahrsagerin, die ihr eine wenig verheißungsvolle Zukunft prophezeit – was laut Moss auch daran liegen mag, dass ihr Kantonesisch doch weniger gut war als gedacht und sie der Deuterin schlicht falsche Informationen gab. Trotz pechschwarzen Aussichten widmet sie ihrer „Mary“ einen berührend zugetanen Song, in dem sie mit sanfter Stimme singt:

Mary had no talent with her tea leaves and her cards
But she knew that one day she’d bring me pain
I still see her shadows fall across our yard
Hope she wears a jacket when it rains

– Emmy The Great, „Mary“

Das Album ist insgesamt recht zurückhaltend und überwiegend westlich instrumentiert. Die Akustikgitarre zeigt sich von ihrer besten Seite, Schlagzeug, Synthies und wahlweise Streicher schaukeln sachte im Hintergrund. „Dandelions/Liminal“ ist musikalisch betrachtet der wohl beschwingteste Songs der Platte, dicht gefolgt von „Window/O’Keeffe“. Dennoch rutscht Moss nicht in die klassische Singer-Songwriter-Lethargie ab: Während ihrer Zeit in Asien kaufte die Singer-Songwriterin zahlreiche Klangschalen, Gebetsglöckchen und buddhistische Trommeln, baute – zurück in ihrem New Yorker Studio – alles auf und lud Leute ein, nach Lust und Laune damit herumzuklimpern. Diese friedlich-chaotische Energie verwandelt sich schließlich in eine Verspieltheit, die das ganze Album begleitet. Auf „Okinawa/Ubud“ wird sie besonders deutlich, wenn der Song (ähnlich einem Glockenspiel im Wind) immer wieder leicht das Tempo wechselt. Dazu singt Moss in gewohnt anmutiger Erzählmanier, als würde sie Kindern ein Märchen vorspielen:

It goes slower and faster
It goes softer and harder
It follows the wind
With ist cycles
It slows down and it speeds up again
At the heart of the mountain
There is a cave
With all the voices of people
Who have spoken its name
If you sing to the mountain
You’ll be clean as the rain
That’s too simple for me
But I’ll take it, I’ll take it

– Emmy The Great, „Okinawa/Ubud“

Meisterin der Geschichten

Im Gegensatz zum eher kühlen und minimalistischen Vorgänger „Second Love“ baut sich Emmy The Great auf „April/月音“ eine vielschichtige Landschaft an Klängen. Ihre größte Stärke bleibt aber ihr scheinbar unfehlbares Gespür für Worte. Das Album lässt persönliche Erfahrungen im Tagebuchstil an genau den richtigen Stellen mit eindrucksvollen Göttergeschichten verschmelzen – allerdings nicht zwanghaft esoterisch, sondern auf neugierige und oft auch spielerische Weise.

In „Chang-E“ trifft die uralte Mondkönigin plötzlich auf die Besatzung der Apollo-11. Astronaut Michael Collins hat in einem Funkgespräch während der Mondlandung gesagt, man würde „nach dem Mädchen mit dem Hasen Ausschau halten“. Ein Szenario, dass Moss wie kaum eine andere federleicht zu beschreiben weiß:

You once told me about the moon, and the first men who walked on her
How they saw the view of the oceans without water
They were searching for a Chinese queen
Couple of salesmen trying to shift themselves from this dream
She looked at them like, ‘Where have you been?’

– Emmy The Great, „Chang-E“

Hören und gehört werden

„April/月音“ ist das wohl sanfteste und gleichzeitig ereignisreichste Emmy-The-Great-Album. Es ist eine perfekt austarierte Mischung aus Reisetagebuch, Märchenstunde, der Beobachtung politischer Unruhen und kultureller Selbstreflexion. Die durch und durch pointierten Lyrics packen einen an den überraschendsten Stellen und Moss‘ glasklare, starke Stimme führt durch die Songs wie eine mütterliche Reiseführerin. Ein Album, das mal fröhlich und leicht, mal ernst und schwer, aber niemals bitter ist.

Für Moss selbst sind die zehn Songs eine unbeabsichtigte Zeitkapsel: Sie fängt ein für sie sorgenfreies, magisches Hongkong ein – bevor die Stadt durch Proteste und die globale Pandemie durcheinandergeworfen wurde. Wie alle Künstler*innen will sie gehört werden. Aber dringender will sie, dass Hongkong gehört wird. 

 

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Ariane Seidl
13.10.2020 - 18:32
  Kultur

Emmy The Great: April/月音

Tracklist:

1) Mid-Autumn/月音
2) Writer*
3) Dandelions/Liminal
4) Chang-E*
5) Window/O’Keeffe
6) Okinawa/Ubud*
7) Your Hallucinations
8) Mary*
9) Hollywood Road/April
10) Heart Sutra

*Anspieltipps 

Erscheinungsdatum: 09.10.2020
Bella Union

Chang’e:

Die hier genannte, großzügig gekürzte Fassung ist nur eine Auslegung des Chang’e-Mythos. Andere Quellen beschreiben sie als unsterbliche Mondgöttin, die als Mensch auf die Erde kommt und Hou Yi mit Hilfe einer anderen Göttin überlistet. Emma-Lee Moss ist vordergründig mit der im Text beschriebenen Version vertraut und stützte sich während ihrer Arbeit an dem Album deshalb hauptsächlich darauf.  

Anti-Folk:

ist eine Musikrichtung, die die rauen, unbequemen Texte des Punks mit den sanften Gitarrenklängen des US-amerikanischen Folkes vereint. Anti-Folk ist inhaltlich rau, aggressiv und (indirekt) politisch. Als bekannte Vertreter*innen das Anti-Folk gelten etwa Beck, Diane Cluck oder Adam Green.

Der englische Albumtitel:

„April“ entstand durch ein Missverständnis. Moss schrieb auf Kantonesisch die Zeilen „nach vier Monden ändert sich alles“. Später erkannte sie, dass sich durch die mögliche Doppeldeutung von „vier Monde“ und „April“ (welches im Chinesischen beides „sei yuet“ heißt) auch die Lyrics änderten. So hieß es auf einmal „im April ändert sich alles“ – was für sie eine Art Prophezeiung war, da ihre Reise nach China und damit die Arbeiten am Album ursprünglich im April begannen.