CD der Woche

"If you want to fight the system ..."

"... you have to fight yourself." Trümmer singen und schrammeln an gegen Gleichgültigkeit und Egoismus - mit einer Dringlichkeit und einem Ohr für Hooks wie aktuell keine andere deutsche Band.
Drei Männer vor einer Wand
Trümmer sind viel zu schön, um jetzt schon nach Hause zu gehen

Der Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“ war meinem Deutschlehrer immer besonders wichtig. „Scheinbar“, das ist, wenn es in Wirklichkeit nicht so ist. „Anscheinend“, das ist, wenn es allem Anschein nach wahrscheinlich ist. Würden viel zu viele Menschen falsch machen, sagte er immer. Paul Pötsch, der Sänger und Textschreiber der Band Trümmer, ist keiner dieser Menschen.

Blut spucken

„Scheinbar geht es allen gut / Ja, okay, man spuckt schon manchmal Blut / Aber niemand hat hier ein Problem / denn wirklich jeder hat ein schönes Leben“

Die Stadt, der große Ort der Hoffnungen und Möglichkeiten, der seine Bewohner so gerne auffrisst – diese Thematik zieht sich durch das Debütalbum der Band Trümmer. Keine neue Thematik, aber eine immer junge, auch im Angesicht der neuen Landfluchtwelle dorthin, wo scheinbar (oder anscheinend?) alles größer, besser und schöner ist. Berlin, München und Hamburg, die Heimatstadt von Trümmer, sind besonders beliebt bei den Umziehenden – dort, wo der Kiez zur Partymeile wird, wo Mieter rausgeworfen werden, um ihre Wohnungen zu renovieren und dann teurer weiterzuvermieten.

Mit Dringlichkeit für Utopien

„Ich will Straßen voller Schmutz und dunkelrotes Licht / Hol mich raus aus dem Versteck / Ich will das alles nicht / Ich brauch ein paar verlorene Seelen / So ein paar wie Dich.“

Trümmer stören die Zustände, sie wollen Veränderung – aber das ist eben leichter gesagt als getan. Denn Utopien sind selten, da, wo alle mit sich selbst beschäftigt sind. Wo es sich die Menschen gut gehen lassen, es ihnen aber nicht richtig gut geht, so wie dem Protagonisten in „Straßen Voller Schmutz“. Wo alles ganz okay ist, es aber einfach nicht verschwinden will, dieses ungute Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt und wo an jeder Ecke die Probleme offensichtlich sind, aber niemand etwas dagegen tut. Trümmer besingen dieses Gefühl in einer Klarheit und mit einer Dringlichkeit, wie aktuell keine andere deutsche Band – mit Texten, die sich nicht ins Abstrakte flüchten und außerdem absolut T-Shirt-fähig sind. Wobei sich Trümmers Dringlichkeit nicht nur auf ihre Texte beschränkt.

Treibend, hüpfend, krachend

Wenn die Rhythmen in „Wo Ist Die Euphorie“ druckvoll treiben, wenn sie in „Der Saboteur“ deftig krachen oder in „Straßen Voller Schmutz“ wild herumhüpfen, dann kann man sich die kollektive heimische Trümmer-Plattenkiste wie ein kleines Indierock-Sammelsurium vorstellen, in dem Interpol, Maximo Park und The Libertines direkt neben The Clash, The Jam und Built To Spill stehen. Das mag nicht wahnsinnig neu oder innovativ klingen, aber es klingt nach wie vor nach Aufbruch und Energie. Und Trümmer haben ein Gespür dafür, diese Indierockformeln anzuwenden und mit Leben zu füllen. Die Melodien und Refrains bleiben im Ohr, die ruppigen wie die poppigen, und so erwischt man sich, wie man in der Bahn „If You Want To Fight The System, You Have To Fight Yourself“ vor sich hin singt. Vielleicht wird es ja doch noch was mit der Revolte.

 

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Mike Herbstreuth
20.08.2014 - 17:11
  Kultur

Trümmer: Trümmer

Tracklist:

01. Schutt Und Asche
02. 1000. Kippe *
03. Revolte
04. In All Diesen Nächten
05. Wo Ist Die Euphorie *
06. Nostalgie
07. Der Saboteur
08. Straßen Voller Schmutz *
09. Scheinbar
10. Papillon
11. Macht
12. Zurück Zum Nichts
13. Morgensonne

*Anspieltipps

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