Frisch Gepresst: OG Keemo

"Ich bin die Kugel im Lauf"

Mit seinem neuen Album „Geist“ zeigt der Mannheimer Rapper OG Keemo auf, dass er ganz oben im Deutschrapkosmos mitspielt.
OG Keemo
OG Keemo

"Geist" ist ein herausragendes Album. Und obwohl solche Sätze eigentlich an das Ende einer Rezension gehören, muss das sein. "Geist" ist das stärkste Deutschraprelease des Jahres. Punkt.

OG wer?

Aber erst mal ein kleiner Überblick über den Künstler selbst: OG Keemo oder bürgerlich Karim Joel Martin ist Rapper, lebt in Mannheim und ist 26 Jahre alt. Mit seinem Kumpel Funkvater Frank, welcher für die herausragenden Beats auf dem Album verantwortlich ist, produziert er jetzt seit ein paar Jahren Songs auf dem Label „Chimperator“. Auch wenn er bereits früher Musik auf Soundcloud veröffentlichte, sind seine wichtigsten Releases bisher die EP „Neptun“ und sein 2018 erschienenes Album „Skalp“. Soweit die grundlegenden Fakten. Aber warum ist „Geist“ jetzt so großartig?

Ein Dreamteam

Ganz einfach, weil es so anders ist. Schauen wir uns erst einmal die Beats an: Kurze Loops, übersteuerte Synthesizer und generell eher ein unsortiertes und wirres Soundbild. Auch wenn sich das erst mal unmelodisch anhört, hat das Ganze System. Die Beats haben durch diese Unordnung schon fast etwas Psychedelisches, etwas Unruhiges. Trotzdem kommt auf solchen Beats Keemos bassige Stimme und seine harten, prägnanten Zeilen perfekt zur Geltung. Das Gesamtkonzept stimmt. Funkvater Frank und OG Keemo sind ein perfektes Team.

Das generelle Klangbild ist auch deswegen interessant, weil sich die Songs zwar modernen Rap-Trends bedienen, Keemo aber sehr oldschool rappt. Eine gute Mischung und keine Mumblerap-Autotune-Gucci-BlingBling-Plastik-Kacke.

Soweit der technische Aspekt, doch sind Keemos Texte mindestens genauso wichtig.

Keemo allein auf dem Album

Dreizehn Songs ohne Feature. Im heutigen Deutschrap recht selten und im Fall von „Geist“ die richtige Entscheidung. Das ist OG Keemos Narrativ. Klar, nicht jeder Song ist bierernst - es gibt witzige, arrogante und stumpfe Lines.

Der N***** droht mir mit nem Schwinger und ich geb ihm zwei Ringerohren
Ihr seid nicht mal ne Gang, ey ihr singt wie ein Kinderchor

OG Keemo in "Siedlung"

Doch sind solche Zeilen und Sätze eher auflockerndes Beiwerk zu den großen Themen des Albums: Rassismus, die damit einhergehende Stigmatisierung durch die Polizei und frühe Anfeindungen in der Kindheit.

Er kommt an während der ersten großen Pause
Er nennt mich einen N***** deswegen färbe ich sein Auge
Kurz darauf schickt mich die Lehrerin nach Hause
Ich krieg noch nicht mal Ärger von meinem Vater, als er hört warum ich rausflieg

OG Keemo in "Nebel"

Ist OG Keemo der erste Rapper, der diese Themen in Form von Musik angesprochen hat? Natürlich nicht. Aber irgendetwas an der Art von Keemo, solche Probleme zu thematisieren, hat enorm Gewicht. Das Album ist unfassbar persönlich, beinahe intim.

Der Grund, warum ich keine einzelnen Songs gesondert erwähne: Geist“ ist ein Gesamtwerk. Es folgt nicht dem leidigen Deutschrap-Trend, nur einen guten Song auf dem Album zu haben und diesen mit übrig gebliebenem Müll zusammenzuwerfen. Die Songs gehen ineinander über, funktionieren zusammen, als Ganzes.

Fazit

"Geist" ist ein herausragendes Album. Überraschung! Wer allerdings Lust auf positiven oder einfach nur melodischen Rap hat, der ist hier falsch. "Geist" ist kein Gute-Laune-Album. Aber: Diese Platte ist wichtig, gerade jetzt.

In Zeiten, wo Rap immer unpolitischer wird, braucht man ein Album wie „Geist“. In Zeiten, wo Rapper sich lieber auf einen guten Beat als auf einen guten Text verlassen, braucht man ein Album wie „Geist“. In Zeiten von rassistisch motivierter Polizeigewalt und xenophobischen Tendenzen in der Gesellschaft, braucht man jemanden wie OG Keemo, der aus erster Hand von solchen Begegnungen berichtet und aufklärt.

 

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OG Keemo: Geist

Tracklist:

01. Teer (Prolog)
02. Nebel
03. Set
04. 55 (Interlude)
05. Siedlung
06. Geist
07. Belly Freestyle
08. Daimajin
09. 216
10. Neuner
11. Zinnmann
12. Faust
13. Outro

Erscheinungsdatum: 22.11.2019
Chimperator