CD der Woche

"I forget where we were"

Beim Hören von Ben Howards Musik legt sich ein kühler, wohliger Schauer auf das Gemüt. Es ist ein bisschen, als stünde man im Winter am Meer. Eine feuchte Brise peitscht durchs Gesicht und man fühlt sich irgendwie geläutert.
Ben Howard
Ben Howard

Howards Debütalbum "Every Kingdom" war voll leichtfüßiger Verliebtheit und lieblichem Idealismus. Freudige Ausbrüche wie dessen Leadtracks "Keep Your Head Up" oder "Only Love" malen nicht nur dem Teenie-Mädchen, welchem gerade die feste Zahnspange entnommen wurde, sondern auch dem früh vergreisten Musikkritiker ein versonnenes Lächeln auf die Lippen.

Nicht nur Liebe

Der unermüdlich tourende Howard und seine Band begeisterten und rissen mit. Die Stücke, die sie vor und nach dem Debütalbum veröffentlichten, deuteten aber immer auch eine dunklere musikalische Facette an. Den glücklich beseelten Ausschweifungen auf "Every Kingdom" stellten sich starke Kontraste in Songs wie "Oats in the Water" oder "Depths over Distance" entgegen. Howards emotionale Hochs scheinen schicksalhaft mit läuternden Tiefen verbunden zu sein.

Lebensbejahende Haut

Auf eine bestimmte Art und Weise geläutert klingt auch Howards neues Album "I Forget Where We Were". Gleich im ersten Song "Small Things" fragt Howard: "Has this world gone mad or is it me?" In der Tat wirkt das Album beim ersten Hören ein bisschen verrückt, gar unverständlich. Es klingt roh, brüchig und ausgehöhlt. Howard singt vornehmlich von verflossener Liebe. Das wiederum tut er nach wie vor in wunderbarer Weise, fern von Selbstmitleid. Ein Wirrwarr aus verflossener Liebe und schwermütiger Melancholie stecken unter Howards lebensbejahender Haut.

Ben Howard - I Forget Where We Were (Official Audio)

Beats und Tunes

Howards Schlagzeuger Chris Bond hat das Album – wie schon den Vorgänger – produziert. Zusammen mit der bezaubernden Cellistin, Bassistin und Pianistin India Bourne bilden die drei den Kern der Band. Die Songs sind voll sphärischer Klänge. Über den Hörer brechen Gitarrengewitter an Obertönen, wilde Looper-Sequenzen, rumpelnde Pauken und Becken herein. Die konfus anmutenden Harmonien und Arrangements spielen sehr gut mit Titeln und Themen des Albums zusammen. Erkennbar sind neben progressiven Einflüssen elektronische Verweise und die ein oder andere Hommage an Westcoast-Grunge á la Pearl Jam oder Nirvana. "She Treats Me Well" kommt angenehm nah und direkt daher. Endlich spielt Bond sein Schlagzeug mal mit Sticks und nicht mit den ewigen, Nachhall aufwirbelnden Schlegeln.

Eine aufwühlende Brandung

Wer Entspannung zum Ukulenen-Geklampfe eines Jack Johnson – der im Übrigen wie Howard leidenschaftlicher Surfer ist – sucht, wird von Howard vor den Kopf gestoßen. Auch bricht er mit dem weinerlich-nörgeligen Gemaule eines Ed Sheeran. Howards Musik erinnert an die subtile Schönheit der Gewalt des Meeres. Sie lebt von einer welligen Dynamik. Der Song "End Of The Affair" beginnt mit einer beklemmend ruhigen Gitarrenfigur; steigert sich in den folgenden sieben Minuten aber zu einem virtuosen Furiosum, das in elegisch wiederkehrenden Etappen schließlich in ein krachendes Finale kulminiert: „Go to him, what the hell love“.

Ben Howard - End of the Affair bei "Later... with Jools Holland"

Auf der Suche

Howard und seine Mitmusikanten verlieren sich in musikalischen Weiten. Den Songs fällt es angenehm schwer, sich zu artikulieren. Sie nuscheln sich zu einem sperrigen Gemurmel zusammen, in das man voller Unbefangenheit an grauen Herbsttagen hineinlauschen kann. Auf "I Forget Where We Were" finden sich Tiefe, musikalische Vielfältigkeit und die ein oder andere eindrückliche Melodie und Textzeile.

 

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Friedrich Opitz
22.10.2014 - 10:22
  Kultur

Ben Howard: I Forget Where We Were

Tracklist:

1. Small Things
2. Rivers In Your Mouth
3. I Forget Where We Were
4. In Dreams
5. She Treats Me Well
6. Time Is Dancing
7. Evergreen
8. End Of The Affair
9. Conrad
10. All Is Now Harmed

Erscheinungsdatum: 17.10.2014
Island Records