CD der Woche

Horror in Bunt

Die vier Jungs von Everything Everything setzten sich auf ihrem dritten Album mit den Schrecken der Welt auseinander. Das verpacken sie in echte Popmelodien.
Düstere Botschaften in knalligen Farben: Everything Everything.
Düstere Botschaften in knalligen Farben: Everything Everything.

Wenn sich in Manchester vier Typen mit Gitarren zusammenschließen, um eine Band zu gründen, klingt das schon wie eine musikalische Verpflichtung. Schließlich hat die Stadt eine reiche Musikgeschichte. Aber Everything Everything passen zu keinem der Sounds, die aus der Stadt kommen. Weder zu den düsternen Klängen der achziger Jahre mit Bands wie New Order oder Joy Division. Oder dem Klang von Techno und Drogen in den neunzigern, für die der Manchester Rave bekannt ist. Aber vielleicht steckt doch etwas von alledem im neuen Album der Band.

Drei der Bandmitglieder kennen sich schon seit der Highschool in Hexham. Beim Studium der Populärwissenschaft in Manchester lernte Jonathan Higgs den Bassisten Jeremy Pritchard kennen. Das die Band ihr Handwerk versteht, zeigt schon das Debütalbum "Man Alive". Komplexe Rythmen, schnelle Tempowechsel und die unverwechselbare Stimme von Jonathan Higgs: diese Mischung sorgte schon beim Debüt für Lob der Kritik und eine besondere Beobachtung der BBC.

"Ich habe eine Horror-Bibel geschrieben"

Das dritte Album der Band "Get To Heaven" ist besonders vom politischen Geschehen des Jahres 2014 beeinflusst. Die weltweite Gewalt und der Terrorismus sind besonders in die Texte von Higgs eingegangen. "Ich habe eine Horror-Bibel geschrieben", sagte Higgs im Interview mit der BBC. Im Stück "Regret" schlüpft er in die Perspektive eines Attentäters. "First you see me on the news / than never again" (Du siehst mich in den Nachrichten, und dann nie wieder). Eine schnelle Handlung kann weitreichende Konsequenzen haben. Obwohl, ganz so deutlich sind die Texte nie. Sie bleiben kryptisch und fragmenthaft. So lässt sich auch nicht sagen, dass Higgs konkret über britische Jugendliche singt, die sich in Syrien der IS anschließen. Klarer wird es im Song "Fortune 500". Higgs beschreibt ein fiktives Attentat auf die Queen, nur um sich im Song "Distant Past" in eine Welt zurück zu wünschen, in der wir als Höhlenmenschen nur am Jagen und Sammeln waren. Sicher keine gewaltfreie Welt, aber doch zumindest weniger komplex als heute. 

Zwischen Rock, Hiphop und R'n'B

Komplex sind dafür die 11 Songs auf "Get To Heaven". Abrupt ändern sie Tempo und Dynamik. Auch die Rythmen sind kompliziert. Zwischen durch rapt Higgs fast in einem ungeheueren Tempo, nur um kurz darauf in die höchsten Höhen mit seiner Stimme zu wandern. Beim zweiten Album "Arc" hatten Everything Everything sich auch mal am konventionelleren Songwriting versucht. "Debut" hieß der Titel, mit Streichquartett und Anspruch auf die Spitze der Charts. Der Versuch misslang und retrospektiv ist auch Higgs mit dem Titel nicht mehr zufrieden.

So bleiben die vier Britten bei dem, was sie am besten können. Mit Unterstützung: bei "Get To Heaven" wurde auch Stuart Price an der Produktion des Albums beteiligt. Der Produzent von Kylie Minouge und Madonna hat aber nicht unbedingt für mehr Pop gesorgt. Obwohl das Album schon deutlich runder und synthielastiger klingt, als das Debüt "Man Alive". Sowieso haben sich Everything Everything schon immer von allen Einflüssen mitgenommen, was ihnen passt. Vom R'n'B, bis zum Progressive Rock der siebziger Jahre.

Fazit

Auf ihrem dritten Album präsentieren Everything Everything ihr kompaktestes Werk. "Get To Heaven" ist deutlich ausgefeiltert produziert, als die beiden Vorgänger. Trotzdem wiedersteht die Band der Versuchung ihre Musik zugänglicher zu gestalten. Selten finden sich gesellschaftlich relevante Texte in so einer anspruchsvollen Verpackung, die trotzdem tanzbar ist. Auch wenn die Falsettstimme von Jonathan Higgs sicher nicht für alle Ohren angenehm klingt, sticht sie aus dem Autotune-Einheitsbrei der Charts hinaus. Diese Platte gehört schon jetzt zu den Alben des Jahres 2015. 

 

Kommentieren

Simon Köppl
07.07.2015 - 13:27
  Kultur

Everything Everything: Get To Heaven

Tracklist:

1 To The Blade
2 Distant Past*
3 Get To Heaven
4 Regret*
5 Spring / Sun / Winter / Dread
6 The Wheel (Is Turning Now)*
7 Fortune 500
8 Blast Doors
9 Zero Pharaoh
10 No Reptiles
11 Warm Healer

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 22.06.2015
RCA/Sony

Konzerte

Everything Everything spielen am 12. und 13. September auf dem Lollapalooza Festival in Berlin.