Musik-Highlights: KW16

Hoffnung, Abschied, Laseraugen

Eine weitere Woche im Home-Office für unsere Musikredaktion - aber wenigstens bleibt da viel Zeit, sich mit spannenden Releases auseinanderzusetzen. Wir präsentieren die Musikhighlights der Woche.
MHDW
Die Musikhighlights dieser Woche

Frisch Gepresst: Unser Album der Woche kommt von The Strokes und heißt „The New Abnormal“. Hier geht’s zur Rezension.

Laura Marling – „Song For Our Daughter“

Album-VÖ: 10.04.2020

„It’s strange to watch the facade of our daily lives dissolve away, leaving only the essentials; those we love and our worry for them“, schreibt Folk-Singer-Songwriterin Laura Marling in der Ankündigung für ihr neues Album. Als Reaktion auf die weltweite Ausnahmesituation veröffentlicht Marling „Song For Our Daughter“ spontan vier Monate früher als geplant. Den Sorgen und Ängsten der Zeit stellt die Engländerin nun ein sonnigstes und entspanntestes Album entgegen, das sie mit Blick auf ihre zukünftige und bisher rein fiktive Tochter geschrieben hat.

Nach ihrem letzten Solo-Album „Semper Femina“ (2017) hatte sich Marling von ihrem alten Label getrennt, mit Produzent Mike Lindsay das Musikprojekt „Lump“ auf die Beine gestellt und ein Masterstudium in Psychoanalyse begonnen. Bewaffnet mit der Erfahrung von zwölf Jahren Musikindustrie richtet sich Marling nun also an die fiktive Tochter – aber auch an ihr jüngeres Ich. „Song for Our Daughter“ folgt wie Marlings vorherigen Alben einem feministischen Grundgedanken und behandelt das Leben von Frauen in all ihren Nuancen. Mit „Strange Girl“, ihrem bisher poppigsten Song und „For You“, dem ersten klassischen Liebeslied in ihrer Diskographie beschreitet Marling neue Wege.

Hanna Kormann

The Pack a.d. – „It was fun while it lasted“

Album-VÖ: 17.04.2020

Seit 2006 gibt es die kanadische Band The Pack a.d. und auch wenn sie in Europa nur bedingt Aufsehen erregen konnten, waren sie in Nordamerika eine Instanz der Garage-Rock- und Punk-Szene. Acht Alben sind seitdem aus den Federn von Becky Black und Maya Miller entstanden, aber dieses, das achte, wird das letzte sein.

„It was fun while it lasted“ sollte eigentlich ein Sammelalbum für unveröffentlichte Songs und B-Sides werden, aber am Ende entstanden doch einige neue Songs über das Leben als Frauen in der Musikszene, Depression und Unverständnis.

I was told
By a man
To shoot for the stars
But they don't shine
For me
What I see
Is a big black cloud
And a faded dream

Song: „Give Up“

Das Album ist aber nicht nur eine Abrechnung mit der Industrie und eine Rechtfertigung für sich selbst („Give Up“, „It’s Okay“), sondern auch ein Liebesbrief an das Tourleben. The Pack a.d. sind für ihre großartigen Live-Performances bekannt, die sie auch in unzählbar vielen Tourneen unter Beweis stellen konnten.
Die beiden Instrumentals „Gas Station Food“ und „Check Engine Light“ sind Erinnerungen an die kleinen Momente, abseits der Bühne. Die Kanadierinnen lassen wenige Verschnaufpausen, bis auf „Wings“ ist jeder Song von schweren Gitarren und einem treibenden Schlagzeug dominiert und meistens verfallen The Pack a.d. in ein düsteres, aber geordnetes Chaos. Nur mit dem letzten Song „The Gap“ entlassen uns die beiden, melancholisch langsam, in eine Zukunft, die leider erstmal ohne sie auskommen muss. Oder, wie sie es selbst formulieren: „This doesn’t mean we’re breaking up. We’re not that dramatic.“

Marie Jainta

Lido Pimienta – „Miss Columbia“

Album-VÖ: 17.04.2020

In ihrer Wahlheimat Kanada hat die kolumbianische Avantgarde-Künstlerin Lido Pimienta bereits für einiges an Aufmerksamkeit gesorgt. 2016 gewann sie als erste nicht englisch- oder französischsprachige Musikerin den begehrten Polaris Prize mit ihrem Album „La Papessa“. Jenes Album hatte Lido Pimienta unabhängig als Teil der Kunstszene Torontos produziert. Für die Aufnahmen ihres neuen Albums „Miss Colombia“ begab sich sie zurück in ihre Heimat an der kolumbianischen Karibikküste. Dort suchte die Künstlerin mit indigener und afrokolumbianischer Abstammung nach ihren Wurzeln.

In „Miss Colombia“ stecken gewissermaßen zwei Alben auf einmal: In der ersten Hälfte verschmilzt Lido Pimienta musikalische Einflüsse Lateinamerikas, besonders des Cumbia, mit modernen elektronischen Beats und schafft so einzigartige Popsongs, in denen sie über Liebe und Einsamkeit singt. In der zweiten Hälfte bezieht sie sich noch stärker auf die musikalische Tradition ihrer kolumbianischen Heimat. So präsentiert sie unter anderem in Zusammenarbeit mit dem afrokolumbianischen Sexteto Tabala solche hierzulande wenig bekannte Musikstile wie Bullerengue und Porro und schließt sich auf dem Song „Resisto Y Ya“ den Protesten gegen die gegenwärtige rechtsgerichtete Regierung Kolumbiens an. Egal aber ob als Pop-Avantgardistin oder als Bewahrerin kolumbianischer Musiktraditionen: dank ihrer zauberhaften Stimme gibt Lido Pimienta in jeder Disziplin eine glänzende Figur ab. 

Martin Pfingstl

Jaguar Jonze – „Diamonds & Liquid Gold“

EP-VÖ: 17.04.2020

Deena Lynch verdankt ihre aufstrebende Musikkarriere Iggy Pop – beziehungsweise seinem schlechten Double. Als sie auf einer Iggy-Pop-Tributeshow in ihrer Heimat Brisbane Zeugin einer verstörenden Imitation wurde, legte sich in ihrem Kopf ein Schalter um. Sie trank zwei Tequila-Shots, ging auf die Bühne und begann zu singen. Ihre Scham, Angst und Hemmungen und haben sich in diesem Moment aufgelöst. Ihr musikalisches Alter Ego Jaguar Jonze war geboren. 

Die Australierin arbeitete bereits als Fotografin und Illustratorin, macht auf Gender-Awareness, Bodyshaming und psychische Krankheiten aufmerksam. Jaguar Jonze fehlte noch, um die künstlerische Dreifaltigkeit perfekt zu machen. „Diamonds & Liquid Gold“, ihre Debüt-EP, ist jetzt eine Mischung aus kreativem Tatendrang und klugem Handwerk. Die sechs Song bestechen durch Schlafzimmerstimme, schlängelndem Schlagzeug und Westerngitarren. Immer Geschmeidig, elegant und mit spitzen Zähnen – ein Sound wie eine sich anschleichende Raubkatze.

Ariane Seidl

Phoebe Bridgers – „Kyoto“

Single-VÖ: 10.04.2020

Phoebe Bridgers war in den letzten zwei Jahren vor allem mit unterschiedlichen Bands aktiv. Neben der Zusammenarbeit mit Conor Oberst für Better Oblivion Community Center, veröffentlichte sie letztes Jahr mit den beiden Solo-Künstlerinnen Lucy Dacus und Julien Baker unter dem Namen „boygenius“ eine gemeinsame EP. Verbunden ist das Trio nicht nur durch eine gemeinsame Band, enge Freundschaft und ein Zahntattoo - sondern auch eine scheinbare Vorliebe für japanische Städte:

2019 erschien die Single „Tokyo“ von Julien Baker. Diese Woche legt Phoebe Bridgers mit ihrer Single „Kyoto“ eine weitere japanische Metropole im Titel nach und bringt damit die zweite Single ihres bevorstehenden zweiten Solo-Albums „punisher“ heraus. Während also abzuwarten ist, ob auch Lucy Dacus mit diesem Trend mitziehen wird, bleibt zum Glück ein Repeat-Hören des Songs „Kyoto“ als mögliche Quarantäne-Tätigkeit. Auch für den Release selbst blieb die Coronakrise nicht ohne Folgen: Die aktuellen Ausgangs- und Reisebeschränkungen hatten  Einfluss auf das Video zur Single. Das sollte eigentlich in der gleichnamigen Stadt gedreht werden. Stattdessen bewegt sich die Musikerin nun mithilfe eines Greenscreens durch Tokyo und Kyoto und sogar Godzilla gibt einen Gastauftritt (um von Bridgers und ihren Laseraugen bekämpft zu werden). Im Zuge der Veröffentlichung kündigt die US-Amerikanierin die offizielle Veröffentlichung von „punisher“ für den 19.Juni an.

Während ihr Debüt „Stranger in the Alps“von Schwermütigkeit geprägt war, die auch auf Vorgängersingle „Garden Song“ deutlich durchdringt, bringt Kyoto eine ungewohnte Beschwingtheit mit sich. Ob das neue Album diese Leichtigkeit weiterspinnen wird, zweifelt Phoebe Bridgers allerdings selbst an und berichtet sogar davon, dass sie auf einem Song des Albums schreit.

Gesa Koy

The Streets, Tampe Impala – „Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better“

Single-VÖ: 13.04.2020

Der eine hat seit fast einem Jahrzent nichts mehr von sich hören lassen, der andere hat erst im Februar sein letztes Album herausgebracht: Mike Skinner aka The Streets hat sich für sein erstes Release seit neun Jahren Mr Tame Impala, Kevin Parker, ins Boot geholt. Dessen musikalische Mitwirkung beschränkt sich aber aufs Singen und wirft lediglich hier und da eine Zeile ein.

Den Song dominiert sonst die Einfachheit: Mike Skinners nüchterne und unaufgeregte Zeilen, die eher gesprochen als gerappt sind, passen perfekt in die musikalische Tristesse, die das Instrumental mit wenig mehr als einem Drumcomputer, Klavierakkorden und hier und da ein paar Synthiestreichern erzeugt. „Call My Phone Thinking I'm Doing Nothing Better“ ist die erste Single von The Streets' neuem Mixtape, das am 10. Juli erscheinen soll und eine ellenlange Featureliste hat: neben Tame Impala und IDLES sind darauf vor allem UK-Rapper*innen wie Ms Banks und Jesse James Solomon vertreten.

Lucas Schwarz

Declan McKenna – „The Key to Life on Earth“

Single-VÖ: 14.04.2020

Eigentlich war Declan McKennas zweites Album „Zeros“ schon für Mai angekündigt, aufgrund der Corona-Krise musste das Release bis August nach hinten verschoben werden. Jetzt veröffentlicht der Indie-Pop Musiker mit „The Key To Life On Earth“ die zweite Singleauskopplung der kommenden Platte.

Im dazugehörigen Musikvideo spielt McKenna an der Seite seines Look-A-Likes Alex Lawther (Schauspieler, u.a. in „The End Of The F***ing World“). Darin sehen sie sich nicht nur ähnlich, sondern sind es auch - trotzdem gehen sie unfreundlich miteinander um. McKenna kritisiert den Hass und die Unfreundlichkeit, die manche Menschen anderen gegenüber an den Tag legen, obwohl sie sich im Grunde eigentlich ganz ähnlich sind. Verpackt in gewohnt eingängige Melodien schafft er trotz des Themas einen Gute-Laune-Titel, der Lust auf das kommende Album macht.

Lina Kordes

girl in red – „midnight love“

Single-VÖ: 14.04.2020

Die Norwegerin Marie Ulven Ringheim, besser bekannt als girl in red wird momentan als „rising star“ der Indie-Pop-Szene gehandet. Sie singt davon, dass sie lieber Mädchen küssen will statt Jungs („girls“), jemandes Freundin-Freundin („i wanna be your girlfriend“) sein will oder sich als Bettgeschichte missbraucht fühlt („bad idea“).

Am Dienstag ist ihre neue Single „midnight love“ erschienen. Mit sanfter Stimme erzählt sie von dem Gefühl, immer nur die zweite Wahl zu sein. Thematisch bleibt sie damit ihrer Rolle als unglücklich Verliebte treu. Der Beat, der wie ein Herzschlag wirkt und das leise Piano steuern einen vollen, traurigen Klang bei.

Emma Dressel

 

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