Stadt teilen: Zentrum-West

Hochwasserschutz – aber bitte in schön!

Ab 2020 soll Leipzig ein kleines Venedig sein. Den berühmten Canale Grande hat die Stadt zwar nicht zu bieten, dafür aber den Elstermühlgraben. Zwischen Gründerzeithäusern können Leipziger dann mit ihren Kanus fahren – vielleicht auch mit Gondeln.
Baustelle am Elstermühlgraben aktuell
Immer mehr Flüsse in Leipzig werden offengelegt

Der Leipziger Stadtteil Zentrum-West ist nicht nur für seine Gründerzeithäuser bekannt, sondern momentan auch für eine Baustelle. Am Abschnitt des Elstermühlgrabens zwischen Carl-Maria-von-Weber-Straße und Elsterstraße wird gerade ordentlich gebaut. Um die gesamte Stadt vor Hochwasser zu schützen, wird seit 2005 der ehemals verrohte Kanal wieder an die Oberfläche geholt. Dadurch wird vor allem das Elsterflutbecken entlastet, welches die Wassermassen auf Dauer nicht tragen kann. Das ganze Hochwasserschutzprojekt soll voraussichtlich 2020 fertiggestellt sein.

Hochwasserschutz, aber bitte in schön - ein Beitrag von Giannina Scalabrino und Christian Holzer
Baustelle

Dafür...

Der durch den Umbau entstehende Baulärm ist in dem Viertel nicht zu überhören. Vor allem für den Friseur Henry Werner, der seinen Friseurladen in der Parallelstraße zur Baustelle betreibt, ist diese Geräuschkulisse Teil des Alltags geworden. Im Viertel ist er ein Urgestein und kennt sich mit der Geschichte des Elstermühlgrabens aus. Er zeigt uns alte Fotos seines Großvaters, der schon damals im Zentrum-West gelebt hat.

Ich bin hier aufgewachsen und wohne hier seit 1965. Zum Umbau des Elstermühlgrabens kann man geteilter Meinung sein. Ich finde es aber nicht schlecht. Ich hab damit keine Probleme wie viele andere, die dann sagen: Ach, wenn die Mückenplage kommt oder so.

Henry Werner, Friseur

...und dagegen

Doch nicht jeder Anwohner des Viertels blickt dem Umbau positiv entgegen. Eine Anwohnerin der Carl-Maria-von-Weber-Straße berichtet, dass sie sich bereits jetzt durch die Arbeiten gestört fühlt. Ihre kleine Tochter könne mittags nicht schlafen und die Wohnung könne tagsüber nicht gelüftet werden, da es ständig nach Diesel stinkt.

Nicht nur von ihr kommen kritische Töne. Auch im Internet finden sich diverse negative Kommentare zu dem Hochwasserschutzprojekt und besonders dem Abschnitt zwischen Elsterstraße und Carl-Maria-von-Weber-Straße. So verstehen einige Leipziger beispielsweise nicht, warum den 'reichen Leipzigern‘ ein Naherholungsraum geboten werde. Sie sehen das 20-Millionen-Euro-Projekt als Fehlinvestition – wo es doch der Stadt an Kitas und anderen Einrichtungen fehlt. Mit diesen Äußerungen konfrontiert, reagiert der Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal von der Partei DIE LINKE diplomatisch und aufklärend:

Das muss man sich als Verwaltung erstmal selbst fragen: Hat man nicht ausreichend kommuniziert und über das Projekt informiert? Wir haben sicherlich viel gemacht und es gibt sicherlich für ein solches Projekt auch Kritiker. Aber es ist vor allen Dingen auch eine Hochwasserschutzmaßnahme. Es geht hier nicht darum, dass wir irgendeinem Bewohner dort eine wunderbare Grünanlage mit Gewässeranbindung schenken wollen, sondern es geht vor allen Dingen darum, die Innenstadt vor zukünftigen Hochwassern zu schützen.

Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal, DIE LINKE

Das Hochwasserprojekt trifft innerhalb des Stadtteils aber nicht nur auf negative Reaktionen. Viele Anwohner sehen in der Möglichkeit, Wasser direkt vor der Haustür zu haben, nicht nur eine Bereicherung für sich selbst und ihr Viertel, sondern vor allem für Leipzig als Stadt.

 

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