Reportagen zur Landtagswahl

Hochschulen im Würgegriff?

An den Hochschulen in Sachsen muss gespart werden. Nach den momentanen Sparvorgaben der Landesregierung müssten 1042 Stellen gestrichen werden. Aber wer steckt eigentlich hinter den Zahlen? Welche Orte und Menschen sind von den Kürzungen betroffen?
In der Gipsabgusssammlung des archäologischen Instituts steht der Gänsewürger - ist er Symbol für die Sparpolitik?

Die Fassade des großen Hauses am Dietrichring wird erneuert und auch im Haus wird saniert. Baulärm schallt durchs Treppenhaus, auf dem Weg in den 1. Stock. Hier ist das Depot der Gipsabgusssammlung des Antikenmuseums – und das wiederum gehört zur Universität Leipzig, zum archäologischen Institut.

Die Sammlung

Die Gipsabgüsse zeigen die Originale als exakte Kopien, manchmal sogar darüber hinaus. Während die Originale meist draußen stehen, sind sie weiterhin Wind und Wetter ausgesetzt.  Die Gipsabgüsse hier sind teilweise selbst aber schon sehr alt, wurden also zu einem Zeitpunkt angefertigt, als das Original noch in besserem Zustand war. Und die Abgüsse sind es heute noch. Vor dem 2. Weltkrieg war es die größte Gipsabgusssammlung in Deutschland. Aber auch heute hat sie noch einiges zu bieten. Gerade wurde das große Beuterelief vom Titusbogen hier von einem Berliner Restaurator bearbeitet, es soll Ende des Jahres in Frankfurt a.M. ausgestellt werden. 

Doch vor allem dient die Sammlung der Lehre. Im Rahmen von Seminaren lernen die Studenten das archäologische Arbeiten an den Stücken, ohne dafür weit reisen zu müssen. Sie lernen das wissenschaftliche Beschreiben, aber auch die tatsächliche Restaurierungsarbeit. Zum Beispiel waren auch bei der Wiederherstellung des Beutereliefs Studenten beteiligt. Sie leisteten die Vorarbeit, gruben sich durch Kisten und fanden am Ende mehr Teile wieder als alle gedacht hatten. Die setzten sie zusammen, bevor der Restaurator mit seiner Arbeit begann.

Ein Ort zum Lernen

Jane Kreiser führt durch die Sammlung. Sie kennt sich gut aus und stellt die einzelnen Stücke vor. Am sogenannten Gänsewürger bleibt sie stehen. Ein kleiner Junge ringt mit einer Gans. Einmal ist unter dem Bauch der Gans noch ein Baumstamm modelliert, einmal nicht. Welches ist denn nun näher am Original? Das ohne, sagt Jane Kreiser ohne zu zögern. Die Figur war wohl ursprünglich eine Bronzestatue, ohne Stamm. Später wurden sie  mit anderem Material nachgebildet, da hielt der Bauch nicht so. 

Die Studentin hat schon viel Zeit in der Sammlung verbracht, viel hier gelernt. Nicht nur in der Sammlung – besonders betont sie außerdem ihr Kolloquium. Alle zwei Wochen kommen da Archäologen von überall her und stellen ihre aktuellen Forschungsprojekte vor. Würde das Institut schließen müssen, wäre das auch ein Verlust für die Studierenden, die bald fertig werden, wie Jane Kreiser.

"Und es klingt jetzt blöd, aber irgendwie stellt man sich dann ja schon ein bisschen vor: Ja, 

irgendwann kann man das selber sein. Man kommt an sein Institut zurück, hält einen Vortrag, stellt sein Grabungsprojekt vor oder was auch immer. Und man weiß genau: Das kann man vielleicht nicht mehr machen, wenn das Institut nicht mehr besteht. Das ist halt sehr schade, weil man so entwurzelt wird."

Jane Kreiser, Masterstudentin der Archäologie an der Universität Leipzig

Ein Ort zum Arbeiten

Doch nicht nur die Studierenden wissen nicht, was aus ihnen ohne das Institut wird. Die Gipsabgusssammlung hat auch eine Mitarbeiterin, die nur für die Objekte zuständig ist – Gritt-Karen Friedmann. Sie ist die Restauratorin der Sammlung. Auf die Frage, was aus ihr würde, wenn die klassische Archäologie schließen müsste, zuckt sie die Schultern. Sie sitzt am Sockel einer Victoriastatue, der römischen Siegesgöttin, und stützt die Hände auf die Knie. Ja, es gäbe schon Möglichkeiten. Die Uni habe ja auch noch ein ägyptologisches Institut, auch eine Kustodie, die sich um sämtliche Kunstschätze der Universität kümmert. Aber wirklich zufrieden scheint sie mit keinem dieser Ideen zu sein.

"Also die Institute sind, so wie sie jetzt gerade sind erstmal ausgerichtet."

Gritt-Karen Friedmann, Restauratorin der Gipsabgusssammlung

Und so wirklich weg von ihren Schätzen scheint sie auch nicht zu wollen. Liebevoll spricht sie über die Victoria, zu deren Füßen sie sitzt. Ihre Flügel seien leider gerade nicht da, erklärt sie, und weist auf die eisernen Schlitze am Rücken der Figur. Schön sei sie trotzdem. Und was würde aus ihr und den über 700 anderen Gipsabgüssen werden, wenn das archäologische Institut nicht mehr dafür verantwortlich wäre? Auch eine Frage, über die Gritt-Karen Friedmann die Schultern zuckt. Generell scheint Ratlosigkeit zu herrschen. Vielleicht würden sie einfach irgendwo gelagert werden, überlegt die Restauratorin. Bis sie irgendwann in 50 oder 100 Jahren wieder ausgegraben würden, wenn man sich daran erinnern würde, was man eigentlich Schönes für die Lehre hat.

Ein Ort zum Austauschen

Zwar dient die Gipsabgusssammlung in erster Linie den Studenten der Archäologie, doch gibt es auch einen regen Austausch zwischen den einzelnen Instituten. So hat die alte Geschichte natürlich Berührungspunkte mit der Antike, sodass von Zeit zu Zeit auch Seminare dieser Fachrichtung in die Sammlung kommen, um beispielsweise Inschriften zu studieren. Doch nicht nur die alte Geschichte profitiert von der Sammlung. Hans-Peter Müller ist der Kustos der Sammlung. Er erzählt begeistert, welche Fachrichtungen mit den Gipsabgüssen arbeiten könnten. Altägypten und der alte Orient hätten natürlich Schnittstellen, auch die Kunstgeschichte würde sich immer wieder an der Antike orientieren müssen und selbst die Musikgeschichte hätte schon ein Seminar in der Sammlung abgehalten: die Antike aus der musikwissenschaftlicher Perspektive.

"Die Objekte, die Geräte, die Immobilien, die bewirken nichts. Es sind die Menschen, die etwas bewirken. Es sind die Personen, die hier beschäftigt sind die hier in Leipzig auch eine Perspektive haben müssen."

Hans-Peter Müller, Kustos der Gipsabgusssammlung

Hans-Peter Müller pinnt sich einen roten Button ans Sakko – den haben die Studenten designt, um auf die Schließung des Antikenmuseums hinzuweisen und dagegen zu protestieren. der Kustos weist damit aber auch auf die dazugehörige Sammlung von Gipsabgüssen hin, die den Leipzigern wohl weniger bekannt ist. Denn für die Öffentlichkeit sind die Räume, in dem Zustand, wie sie derzeit sind, nicht zugänglich. Doch für die Studierenden und die Mitarbeiter ist es etwas Besonderes, denn der Schwerpunkt auf die Gipsabgüsse wird nur so in Leipzig gesetzt. An den nahegelegenen Standorten Halle und Jena sind das andere. Und so wäre der Verlust des archäologischen Instituts ein Verlust für die archäologische Lehre im mitteldeutschen Raum – mindestens. 

Eine Reportage über die Hochschulpolitik in Sachsen von Paula Drope.
 
 

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Paula Drope, Jane Schmidt
25.08.2014 - 20:14

Stellenstreichungen an Hochschulen in Sachsen – Eine Chronik

Im November 2011 wird in Sachsen immer lauter über Kürzungen an den Hochschulen diskutiert. Eine im Auftrag des Sächsischen Wissenschaftsministeriums erstellte Studie über "Hochschulen im demografischen Wandel" geht davon aus, dass 2015 nur 51 bis 59 Prozent der Studienanfängerzahlen vom Jahr 2003 an sächsische Hochschulen strömen. Im Hochschulentwicklungsplan wird bis 2020 nur von 15 Prozent weniger Studenten gesprochen. Tatsächlich steigen die Zahlen aber sowohl 2010 als auch 2011 an. Studenten organisieren erste Demonstrationen gegen die Kürzungen.

Trotzdem beschließt der Landtag im Dezember 2011 den Hochschulentwicklungsplan 2020. Bis zu diesem Jahr sollen in Sachsen 1042 Stellen im Hochschulbereich gekürzt werden, 172 davon in Leipzig. Das sei Teil der sächsischen Sparpolitik. Die Opposition protestiert: Seit Jahren schon würden die Steuereinnahmen steigen – und zwar gerade wegen der attraktiven Hochschulen in den Städten. Hochschulen seien ein entscheidender Faktor, der dem demografischen Wandel entgegenwirke und für Zuwanderung sorge.

Wo genau gekürzt wird, bleibt den einzelnen Hochschulen überlassen. Die Universität reagiert und will als Erstes das Institut für Pharmazie schließen. Erst nach knapp zwei Jahre langen Diskussionen legt Sozialministerin Christine Clauß ihr Veto ein.

In den Jahren 2012 und 2013 werden die Kürzungen von mehreren Seiten scharf kritisiert. Der Prorektor für Entwicklung und Transfer der Universität wirft der Landesregierung mangelnde Konsequenz vor. 2008 war beschlossen worden, ab 2015 rund zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Bildung zu investieren. 2012 waren es dem Prorektor zufolge weniger als drei Prozent. Würde der Plan eingehalten, müsse an den Hochschulen nicht gekürzt werden.

Studenten organisieren mehrere Proteste.

Im Januar 2014 dann der nächste Schlag: Die Universität Leipzig gibt die Schließung der Institute für Theaterwissenschaft und Klassische Archäologie bekannt. Außerdem sollen Stellen am Institut für Chemische Physik gekürzt werden.

Die Opposition im Landtag sowie Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und der Senat der Universität kritisieren die Pläne. Sie würden einen „Widerspruch zur Entwicklung der Universität“ darstellen.

Mehr als 16.000 Menschen unterschreiben eine Petition für den Erhalt der Theaterwissenschaft.

Studenten in ganz Sachsen protestieren weiter auf vielfältige Weisen gegen die Kürzungen durch das Land. In Leipzig organisieren Studierende beispielsweise Lesungen, Fahrraddemonstrationen und einen Protestlauf mit symbolischen 1042 Runden um den Marktplatz. Im Juni demonstrieren mehrere tausend Menschen gegen die Stellenstreichungen. Für den Protest kommen auch Studenten aus Dresden, Halle, Erfurt, Rostock, Hamburg und anderen deutschen Städten angereist. Mittlerweile spricht sich selbst die Rektorin der Universität, Beate Schücking, öffentlich gegen die Kürzungen durch das Land aus.

Im Juli besetzen Studenten der Theaterwissenschaft das Rektorat der Universität.

Ende Juli kündigt die Universität Leipzig entgegen der Prognosen vom Land einen weiteren Bewerberrekord an: 43.000 Bewerbungen seien bisher eingegangen. Das seien jetzt schon rund 3.000 mehr als im Vorjahr.