Frisch Gepresst: clipping.

Hiphop-Halloween

Die US-amerikanischen Hiphop-Exzentriker von clipping. veröffentlichen mit „Visions of Bodies Being Burned“ ein weiteres Mal rechtzeitig zu Halloween ein Album, das den „Horrocore“-Stil der 90er konsequent weiterdenkt.
clipping. - Visions of Bodies being Burned
clipping.

Vielleicht war „Horrorcore“ überfällig für ein Revival. Das Hiphop-Subgenre erfreute sich vor allem in den 90ern großer Beliebtheit, als Hiphop noch allgemein der Ruf anhing „gefährlich“ zu sein und Provokation ein beliebtes Mittel war, um Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So stießen Horrorcore-Künstler immer wieder auf Kontroversen, da in den von Horrorfilmen beeinflussten Lyrics häufig extreme Gewaltphantasien zum Ausdruck kamen. Mehr als zwei Dekaden später hat Hiphop sämtliche erdenkliche Medienkontroversen überstanden und ist zu dem wohl dominierenden Genre zumindest im US-amerikanischen Mainstream geworden. Auf die Horrorcore-Sparte wird dagegen heute eher herablassend geblickt, wobei gerade populäre Vertreter wie die Insane Clown Posse häufig als lächerlich betrachtet werden.

Horror mit Tiefgang

clipping. aus Los Angeles haben nicht im Horrorcore begonnen. Die Gruppe machte sich seit Beginn der 10er-Jahre vor allem mit experimentellem Hiphop einen Namen, kreierten Beats die sowohl industriellen Krach als auch minimalistische Geräuschkulissen als Grundlage verwendeten. Inhaltlich konnten sie schon mal ein ganzes Science-Fiction-Konzeptalbum machen („Splendor & Misery“ von 2016), fielen ansonsten aber  immer wieder mit extrem politischen und gesellschaftskritischen Texten auf. So veröffentlichten sie zuletzt Anfang des Jahres die Single "Chapter 319", mit der sie die Stimmung der Proteste gegen Polizeigewalt und die Tötung George Floyds festhielten. Mit ihrem letzten Album „There Existed an Addiction to Blood“ von 2019 brachten clipping. ihre unterschiedlichen Interessen zusammen und schafften ein Album, das ihre gewohnten Merkmale in ein Horrorcore-Universum hinüberführte. Ihr neues Album „Visions of Bodies Being Burned“ wird nun wie schon der Vorgänger kurz vor Halloween veröffentlicht und kann auch als geistige Fortsetzung gelten.

Dass sie sich in der Tradition des Horrorcores sehen, machen clipping. schon mit der ersten Singleauskopplung „Say the Name“ klar. Darauf samplen die Kalifornier die Zeile „Candle sticks in the dark / Visions of bodies being burned“ aus dem Klassiker „Mind Playing Tricks On Me“ der Genre-Pioniere Geto Boys, die ebenfalls für den Titel Pate stand. Trotzdem wird auch hier bereits der Unterschied zwischen dem Stil der 90er und dem von clipping. klar. Das Trio aus Rapper Daveed Diggs und den Produzenten William Hutson und Jonathan Snipes hat einen ganz eigenen, modernen Sound. Wie schon auf dem Vorgänger verwenden clipping. auf „Visions of Bodies Being Burned“ unheimliche Instrumentals, die sofort an Horrorfilme erinnern. Dabei bleiben sie jedoch genauso ihrer Affinität zu experimentellen, geräuschbasierten Beats treu und verwenden beunruhigende Klänge wie Schritte, Türpochen und Messerschleifen als Grundlage neben schweren Industrial-Beats. Teils gehen dabei Minimalismus und Extremismus Hand in Hand: So rappt Daveed Diggs auf „Something Underneath“ in halsbrecherischem Tempo abwechselnd über ein Gewitter aus Störgeräuschen, dann wieder über unheimliche Stille. Auf „Pain Everyday“ bauen die Amerikaner sogenannte „Tonbandstimmen“ (electronic voice phenomenon; EVP), also angebliche Geisteraufnahmen, des Parapsychologen Michael Esposito in den Song mit ein.

Auch inhaltlich orientieren sich clipping. gleichermaßen an der Tradition des Horrorcore, nur um sich dann wieder von ihr loszusagen. Sie verweisen ganz direkt auf bestimmte Horrorfilme, wie „Candyman“ auf „Say the Name“, Wes Cravens „Scream“ auf „’96 Neve Campbell“ und im Track „Eaten Alive“ auf den gleichnamigen Film von „Texas Chainsaw Massacre“-Regisseur Tobe Hooper. Anders als ihre Vorbilder beschreiben clipping. in ihren Songs aber Gewaltakte nicht zur provokanten Selbstbeweihräucherung oder als schwarzhumorigen Scherz, sondern bleiben dabei todernst. So schaffen sie eine verstörende Atmosphäre, die nicht auf primitive Art anekelt, sondern psychologisch unter die Haut geht. Daran hat auch der Mann am Mikrophon einen großen Anteil: Rapper Daveed Diggs ist auch als Schauspieler erfolgreich, machte zuletzt vor allem durch seine Rolle im Hit-Musical „Hamilton“ auf sich aufmerksam. Seine Wandelbarkeit übernimmt er auch in seinen musikalischen Output. An einigen Stellen hält er seine Stimme bewusst apathisch kalt, nur um dann wieder extreme Wut zum vorschein kommen zu lassen. So wirkt die Musik gleichzeitig distanziert und intensiv, auch weil die Ich-Perspektive (anders als ünlich im Horrorcore) bewusst vermieden wird und Diggs die blutigen Szenarien komplett in der dritten Person schildert.

Fazit:

clipping. schaffen mit „Visions of Bodies Being Burned” ein weiteres Mal eine intensive, musikalische Horror-Erfahrung. Durch eigenwillige Produktion, verstörende Texte und ausdrucksstarken Vortrag heben sie sich dabei klar von den Horrorcore-Vorbildern ab. Mehr noch gelingt ihnen ein düsteres, komplexes Werk, bei dem mehrfaches Hören lohnt. Nicht nur zu Halloween!

 

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Martin Pfingstl
26.10.2020 - 17:28
  Kultur

clipping.: Visions of Bodies Being Burned

Tracklist:
  1. Intro
  2. Say the Name *
  3. Wytchboard (Interlude)
  4. '96 Neve Campbell (feat. Cam & China) *
  5. Something Underneath
  6. Make Them Dead
  7. She Bad
  8. Invocation (Interlude) (with Greg Stuart)
  9. Pain Everyday (with Michael Esposito) *
  10. Check the Lock *
  11. Looking Like Meat (feat. Ho99o9)
  12. Drove (Interlude)
  13. Eaten Alive (with Jeff Parker & Ted Byrnes)
  14. Body for the Pile (with Sickness)
  15. Enlacing
  16. Secret Piece

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 23.10.2020
Sub Pop