Konzertbericht

Hip Hop Crash

Dj Premier, der Godfather aller Beatbastler, war gestern mit seinem Live-Set in Leipzig zu Gast. Hunderte pilgerten zum Täubchenthal. Schade nur, dass der gute Herr vergessen hat, dass Hip Hop keine Crashbecken braucht.
crappy Picture of a crappy gig
Crappy pic of a crappy gig

Bevor es zum eingentlichen Bericht der gestrigen Nacht kommt, müssen an vorderster Stelle einige Worte zum Künstler gesagt werden. Denn vielleicht nicht jedem ist die Tragweite des Schaffens von Christopher Edward Martin, besser bekannt als Dj Premier, bewusst. Leuten, die wie ich zu den Spätneunziger-Hip Hop Heads gehörten, wird bei diesem Namen warm ums Herz. Als eine Hälfte des legendären Duos Gang Starr oder als Beatbauer für Nas, Rakim und etliche andere Rapper hat Preemo, wie er auch genannt wird, eine Ära geprägt - die Golden Era. So nennen Hip Hop-Nostalgiker jene Phase Mitte bis Ende der Neunziger, in der der Hip Hop weltweit ganz ganz oben angekommen war. MC's, wie ebenjener Nas, oder Premiers eigene Band Gang Starr (zusammen mit dem 2010 verstorbenen MC Guru) wurden von Kritikern und Feuilleton gefeiert und landeten obendrein unzählige Charterfolge. Hauptverantwortlich dafür: Dj Premier aka Preemo und seine einzigartigen Preemobeats. Zu dieser Zeit investieren Künstler ein Heidengeld in seine Kompositionen, bevor sie überhaupt zusammen mit ihren Texten einen Song draus machen können, manchmal nur damit niemand anders eben diesen Beat verwenden oder veröffentlichen kann. In den meisten Fällen ist dieses Geld jedoch äußerst sinnvoll angelegt gewesen, schließlich erhöhten sich dadurch die Chancen einen Hit zu landen drastisch.

Das Rezept zum Hit

Die Struktur von Premiers Beats ist imgrunde simpel. Drums und Melodie-Samples stammen oft, wie auch bei anderen Beatbastlern seiner Epoche, aus mehr oder weniger bekannten Soul-Klassikern. Beispiel gefällig: Im Song 'Check the Technique' von Gang Starr verwendet er das prominente Streichersample aus 'California Soul' von Marlena Shaw.
Original:

Preemo-Beat:

Sein Geheimnis ist zum einen die Nase für das richtige Sample, zum anderen, dass er sich nicht auf einer einzigen guten Idee ausruhte. Meist befinden sich neben dem Leitmotiv, noch viele andere kleine Versatzstücke und Samples in den Beats. Generell verwendet Dj Premier eher kurze bis kürzeste Samples. Im Refrain gibt es dann seine Dj-Künste zu bestaunen. Man darf nicht vergessen: Preemo beherrscht Cuts und Scratches der Extraklasse. Nicht selten sprangen dabei denkwürdige Nummern heraus, wie 'Nas is like' aus dem dritten Album 'I am ...' von Nas.

Nun aber ran ans Eingemachte

Nun weilt sein Bandpartner Guru aber auch schon seit fünf Jahren nicht mehr unter uns. So hat sich Premier Solo auf den Weg über den großen Teich gemacht, um diesen Sommer im guten alten Europa ein paar Live-Sets auf Festivals gespielt. Das lief anscheinend so gut, dass er sich entschied mit seiner Live-Kombo auf Tour zu gehen. Soweit so gut. Aber was auf Festivals vielleicht wunderbar funktioniert, kann man in den meisten Fällen nicht eins zu eins in die Clubs und Hallen übertragen. Vielleicht lag das am Konzept. Live-Dj Sets sind stets etwas kompliziert in der Umsetzung. Dabei kann einiges schief gehen. So wie in diesem Fall. Das Crashbecken des Drummers war das dominierende Instrument. Das Stimmungsgegröhle von Preemo, stand dem eines Fat Man Scoops in nichts nach. Zitat: "I can't hear you! - Make noise!" Vielleicht geschah dies aber auch nur, da ansonsten überhaupt ziemlich wenig Vocals vorhanden gewesen wären. Oder nur solche, die in dem Mischmasch aus Bandinterpretation und Dj-Skillz leise vom Band dargeboten wurden. Um eben dieses Playback mit dem Drive einer Live-Band unter einen Hut zu bringen, wurde schlimmerweise auch noch die Geschwindigkeit der Aufnahme gepitched, sprich erhöht. Das Resultat waren Stimmen irgendwo zwischen den Schlümpfen und den Chipmunks. Aber das wurde ja hauptsächlich vom Crash-Becken und Preemos Sprechchören übertüncht.

Herzen lassen sich kitten und alte Liebe rostet nicht

Es brach mir das Herz, das alles so miterleben zu müssen. Aber um es mit den Worten von Peter Maffay zu sagen: "Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben". Ein Kind das trotzdem Preemo für all das, was er für die Hip Hop-Kultur geleistet hat, ungeheuer dankbar ist und mit einem Tag Abstand über einen verhunzten Gig hinwegsehen kann.  

 

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André Beyer
03.09.2015 - 00:00
  Kultur