US-Klimaexpertin im Interview

Hin zum Energiewandel

"Die Menschen werden noch mehr Dürren, Fluten und Plage brauchen, damit sie wirklich anfangen, sich zu verändern.“ Das glaubt US-Klimaaktivistin Jennifer Morgan und empfiehlt Dürre geplagten Kaliforniern, beim Zähneputzen das Wasser auszumachen.
Jennifer Morgan im Interview mit Friedrich Opitz
Jennifer Morgan im Interview mit Friedrich Opitz

Der Klimawandel beschäftigt die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten. Mittlerweile werden aber auch seine realen Auswirkungen immer spürbarer. Extreme Wettersituationen häufen sich, der Meeresspiegel steigt, die globale Temperatur erhöht sich zunehmend. Der Klimawandel unterscheidet nicht zwischen großen Industrienationen und kleinen Inselstaaten. Sie sind allesamt gleichsam betroffen. Während die Inselstaaten um den kompletten Untergang ihrer Gebiete fürchten, sind zumindest weite Landstriche der USA zunehmend von enormen Niederschlägen oder eben Dürren, wie aktuell in Kalifornien, betroffen.

Vom Umgang mit dem Klimawandel in den USA und Deutschland und den Klimaverhandlungen Ende des Jahres in Paris erzählt Jennifer Morgan. Sie ist eine der einflussreichsten US-Klimaschützerinnen. Als globale Direktorin des World Resources Center berät sie unter anderem US-Präsident Barack Obama in Klimaangelegenheiten.

 

 mephisto 97.6-Redakteur Friedrich Opitz hat Jennifer Morgan getroffen:

Energiewandel - Interview von Friedrich Opitz
 

 

m976: Frau Morgan, wie sehr beschäftigt sich die Weltgemeinschaft derzeit mit dem Klimawandel? Wird dem Thema im gesellschaftlichen Alltag und in den Medien genug Bedeutung zugemessen?

Morgan: Nein, ich denke nicht. So langsam fängt es an, wieder mehr in den Blickpunkt zu rücken, gerade weil Ende diesen Jahres der Klimagipfel in Paris ansteht, wo versucht werden wird, eine neue internationale Vereinbarung zu finden. Die einzige Zeitung, die den Ernst der Stunde wirklich verstanden zu haben scheint, ist der Guardian. In Großbritannien hat er eine eigene Kampagne gestartet, die sich jeden Tag mit dem Klima beschäftigt. Sie denken sich: Wir berichten jeden Tag über Kriege weltweit; aber der Klimawandel ist eigentlich genauso wichtig. Diese Art von Engagement wird umso mehr gebraucht. Ich hoffe, dass der Klimagipfel in Paris wieder in die Köpfe der Staatsoberhäupter bringt – denn da gehört der Klimawandel hin.

Mit Merkel in Kyoto

m976: In den 1990er Jahren waren Sie auch als Beraterin für die damalige deutsche Umweltministerin Angela Merkel tätig. In dieser Position waren Sie maßgeblich an der Ausarbeitung der Kyotoprotokolle beteiligt. Diese waren 1997 beschlossen worden, 2020 werden sie auslaufen. Deutschland hat in den letzten Jahren eine gewisse Popularität erreicht durch den selbst erkorenen Ausstieg aus der Kernenergie und die Abkehr von fossilen Brennstoffen. Wie wird die Energiewende international wahrgenommen, besonders von den großen Volkswirtschaften wie in China und der USA?

Morgan: Die Leute waren sehr beeindruckt von der Energiewende. Die Vision, von der Kernenergie abzurücken und gleichzeitig dem Klimawandel den Kampf anzusagen, ist extrem inspirierend und wesensverändernd. International hat man sich gewundert, wie Deutschland das alles anstellen will, aber allgemein herrschte das Gefühl, dass wenn ein Land es schaffen kann, dann Deutschland. China und die USA wollen von Deutschland lernen. Wenn die Energiewende gelingt, ist das ein weltweiter Erfolg und kann den Rest der Welt inspirieren.

m976: Die Energiewende hat es dennoch nicht leicht in Deutschland. Viele Bürger stören sich an den vermeintlich unschönen, laut surrenden Windrädern. Eine Stromtrasse durch den Thüringer Wald, der die Windenergie aus den windreichen Gebieten des Nordens in den Süden bringt, ist ebenso umstritten. Zeitgleich haben weite Teile der Solarindustrie nach dem Wegfall der staatlichen Subventionen große Schwierigkeiten. Kann also die Energiewende noch immer als ein Vorreitermodell gesehen werden?

Morgan: Ja, absolut. Langfristige Ziele, wie den Anteil erneuerbarer Energien bis 2050 auf 80 Prozent zu steigern, sind unglaublich wichtig, um überhaupt erstmal einen Maßstab zu setzen. Dazu kommt eine geschickte Subventionspolitik, um die Preise für die Erneuerbaren zu steuern. Die aktuelle Debatte um ein Klimaschutzgesetz, dass alte Kohlekraftwerke vom Netz nimmt, ist genauso wichtig, um die Emissionen zu verringern. Das alles sind viele viele Lehren.

Von Kyoto nach Paris

m976: Lehren, die Sie auch nach Paris mitnehmen wollen. Paris 2015 – in die Klimaverhandlungen Ende diesen Jahres wird viel Hoffnung gesetzt.  Sie werden die Verhandlungen führen. Welche Visionen, Interessen und Prioritäten gilt es dort zu verschmelzen?

Morgan: Es werden dort so viele konkurrierende Prioritäten aufeinandertreffen. 195 Länder müssen sich einigen. Es gibt keine Regeln zur Abstimmung. Im Moment sehe ich bei der Mehrheit der Länder den Willen für ein neues Abkommen. Sorgen mache ich mir hingegen um die OPEC-Länder. Die haben eine komplett andere Agenda. Und sie werden nach Paris kommen, um zu versuchen, die Weltwirtschaft abhängig vom Öl zu halten. Dazu gesellen sich die Länder, für die Kohle wichtig ist. Diesen Ländern gegenüber stehen die Inselstaaten, die am liebsten gleich morgen die Emissionen auf Null reduzieren wollen. Irgendwo in der Mitte müssen sie zusammengeführt werden. Dazu brauchen wir Außenminister, Umweltminister, Regierungschefs – gerade weil diese Verhandlungen die gesamte Wirtschaft betreffen. Der Klimawandel ist nicht nur ein Umweltproblem.

"Der Klimawandel ist kein Witz“

m976: Genau das zu verstehen, fällt Vielen immer noch schwer. Weite Gebiete in den USA sind schon seit Längerem von einer Dürre betroffen. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown hat nun festgestellt, dass der Klimawandel kein Witz sei. Was raten Sie einem Staat wie Kalifornien, um verantwortungsvoller mit seinen Ressourcen umzugehen?

Morgan: Kalifornien erlebt tatsächlich gerade eine der schwersten Dürren. Wissenschaftler machen dafür ganz klar den Klimawandel als treibende Kraft aus. Die wirtschaftlichen Folgen sind dramatisch, gerade weil ein großer Teil des Bruttoinlandprodukts durch die Landwirtschaft kommt. Der Gouverneur versucht jetzt, den Wasserhaushalt besser zu verwalten. Im Moment muss alifornien Unmengen von Wasser importieren. Das muss aufhören. Es kommt wirklich darauf an, dass die Leute mehr einsparen. Und eben nicht das Wasser laufen lassen, während sie Zähne putzen.

Borkenkäfer als Aufklärer

m976: Sie appellieren an ein gesellschaftliches Umdenken. Seit langer Zeit mahnen Umweltschützer zur Mäßigung und einem bewussteren Umgang mit der Natur. Denken Sie, nur Dürren wie in Kalifornien können die amerikanische Gesellschaft dazu veranlassen, den Konsum natürlicher Ressourcen zu überdenken?

Morgan: Naja, viele Amerikaner fühlen sich, als ob wegen der Größe ihres Landes auch die Ressourcen unbegrenzt seien. Dabei gibt es nicht nur in Kalifornien extreme Wetterveränderungen. Im Mittleren Westen gab es vor wenigen Jahren eine große Dürre, die die Existenz vieler Farmer bedroht hat. Außerdem gab es riesige Borkenkäferplagen, die große Waldgebiete befallen haben. Auch das hat die Lebensqualität beeinträchtigt. Manche Leute fangen an, die Verbindung zum Klimawandel zu verstehen. Sie beginnen, effizientere Autos zu fahren. Aber bis der amerikanische Pioniergeist wirklich dahin durchdringt, wird eine Weile vergehen. Die Menschen werden noch mehr Dürren, Fluten und Plage brauchen, damit sie wirkliche anfangen, sich zu verändern.

Yes We Can

m976: Die US-Klimapolitik hat sich seit Ende der Bush-Ära deutlich verändert. 2007 hatten die USA unter Bush beim G8-Gipfel in Heiligendamm noch die Kyotovereinbarungen infrage gestellt. Ein Jahr später wehte ein anderer Wind im Weißen Haus. Dennoch benötigte Obama fast zwei Amtszeiten, um seine Klimaziele umzusetzen. Vergangenes Jahr verkündete er dann, die US-Emissionen bis 2030 um immerhin 30 Prozent reduzieren zu wollen. Frau Morgan, steht die Klimapolitik der Obamaregierung nicht dennoch im Gegensatz zum großen Einfluss der amerikanischen Kohle-, Öl- und Gasunternehmen. Dort gibt es doch sicher ein Interesse, wie bei manchem OPEC-Staat, die Gesellschaft abhängig von fossilen Brennstoffen zu halten?

Morgan: Präsident Obama ist in der Tat der Erste, der in Sachen Klimapolitik wirklich anpackt. Grundsätzlich hat er alle Bereiche der US-Wirtschaft reguliert. Er will die Kraftwerke, LKWs und Autos effizienter machen, um so die Emissionen zu senken. Dabei begegnet er massiver Gegenwehr. Ein Teil Amerikas will an der konventionelleren Energietradition festhalten. Aber es gibt einen anderen Teil der Bevölkerung und eine Wirtschaft, die auf Innovation und Erfindergeist basiert. Wenn die USA für etwas berühmt ist, dann für ihre 'Ich-Kann-Mentalität'. Gib uns eine Herausforderung und wir bringen einen Menschen auf den Mond. Die Diskussion muss nur raus aus dem rein politischen Umfeld, und hinein in diese Yes-We-Can-Mentalität. So werden neue Industrien entstehen. Und es wird neue Gewinner geben. Natürlich muss man dann auch auf die achten, die die Wende wirklich spüren. Minen- und Kohlearbeiter zum Beispiel – die müssen umtrainiert werden. Auch das muss Teil des Plans sein.

 

Am gestrigen 45. Internationalen Earth Day appellierte auch der US-Außenminister John Kerry, gerade vom G7-Treffen in Lübeck zurückgekehrt, nochmal an seine Landsleute: „Make No Mistake! Helft uns, eine globale Wende hin zu sauberer Energie zu organisieren“.

Der Weg dahin führt auch über Paris im Dezember 2015.

 

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Friedrich Opitz
22.04.2015 - 23:42
  Wissen

Jennifer Morgan

Jennifer Morgan ist die Programmdirektorin für Klima und Energie im World Resources Institute (WRI) in Washington. Sie vertritt das WRI bei internationalen Klimaverhandlungen (u.a. UNFCCC). Bevor sie 2009 zum WRI kam, arbeitete Jennifer Morgan als Programmdirektorin zu Globalem Klimawandel bei Third Generation Environmentalism (E3G) in Berlin. Vor ihrer Tätigkeit bei E3G war sie im Bereich Globaler Klimawandel zunächst Programmleiterin in Washington und von 1999 bis 2006 Programmdirektorin in Berlin. Sie arbeitete außerdem für das US Climate Action Network und als Robert-Bosch-Stipendiatin für das Bundesumweltministerium, wo sie die deutsche Delegation bei den UNFCCC Verhandlungen unterstützte.

Jennifer Morgan hat einen Bachelor of Arts von der Indiana University in Politikwissenschaften und Germanistik und einen Masters of Arts von der School of International Service der American University in Internationale Angelegenheiten.

Sie ist Mitglied im Siemens Sustainability Advisory Board und im wissenschaftlichen Beirat des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Zudem ist sie Begutachtungseditorin für das Kapitel 13 “Internationale Kooperation” des fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC).

(Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung)