DDR-Heimkinder

"Diese Hilfe sollte jeder suchen"

Seit 2012 gibt es einen Fonds, der ehemalige DDR Heimkinder für ihre Vergangenheit entschädigen soll. Doch der Fonds hat kein Geld mehr und die Betroffenen klagen über eine demütigende Bürokratie.
Die Beratungsstelle in der Funkenburgstraße.

„Ich bin hier, ich bin laut, weil man mir die Rechte klaut!“ So melden sich ehemalige Heimkinder der DDR in sozialen Netzwerken zu Wort. Sie posten Kinderbilder und suchen den Kontakt zu anderen Betroffenen mit gleichem Schicksal. Gleichzeitig prangern sie damit die unzureichende Aufklärung ihrer Vergangenheit an und fordern eine Wiedergutmachung durch den Staat - sie wurden schließlich Opfer von Gewalt. Seit 2012 gibt es einen Fonds, der die Ex-Heimkinder für ihre Zeit im Heim entschädigen soll. Ob Geld wirklich ausreicht, um die Geschädigten zu rehabilitieren? Und wie fühlen sich Betroffene heute?

Ein Leben voller Hürden

An einem Tisch in der Beratungsstelle für DDR-Heimkinder in Sachsen sitzt eine Frau, die anonym bleiben möchte. Sie spielt nervös an ihrem Wasserglas und ringt um Fassung, während sie sich an ein dunkles Kapitel ihrer Kindheit erinnert…

„Es gibt Situationen, wo ich nicht gerne darüber nachdenke oder darüber spreche. Die Heime waren unterschiedlich. Das was passiert ist war unterschiedlich. An das erste Heim mag ich mich gar nicht erinnern. Das zweite war okay. Ich bin mit vier mit meinen Geschwistern von meiner Mutter weggenommen worden. War in diesem ersten Heim bis ich sieben wurde. Und dann bin ich in ein anderes Heim gekommen. Zur dritten Klasse bin ich nach Hause gekommen. Ja, ich wurde schlecht behandelt. Körperlich, psychisch, sowas, ja. Es gibt diesen Fonds, weil es mit Sicherheit weniger Leute gibt, die gute Erinnerungen an diese Zeit haben. Und die habe ich genauso wenig.“ Anonymes Opfer

Schmerzhafter Prozess

Rund 400.000 Heimkinder gab es in der DDR. Viele Kinder und Jugendliche haben in den Heimen schweres Leid und Unrecht erfahren: Sie wurden zum Arbeiten gezwungen und leiden heute noch unter den Folgeschäden ihrer Vergangenheit. Es sind psychische und physische Probleme, die den Alltag im Leben der Betroffenen erschweren. Seit 2012 haben sie Anspruch auf Unterstützung durch den Staat.

„Der Topf ist leer. Irgendwann ist das Ganze zu Ende.“ Anonymes Opfer

Bettina Monse ist Psychologin und berät Betroffene, die in die Anlauf- und Beratungsstelle für Heimerziehung in der DDR in Leipzig kommen. Sie weiß, dass es den Geschädigten oft nicht leicht fällt, diesen Schritt an die Öffentlichkeit zu wagen und Hilfe anzunehmen.

„Es ist ein langer Prozess, bis sich jemand entschließt, ich geh dahin. Weil es eben ein schmerzhafter Prozess ist. Es gibt eine enorme Warteliste. Da stehen inzwischen über 3300 Namen drauf. Insgesamt haben sich über 4600 schon bei uns gemeldet. Was sie suchen ist Aufmerksamkeit und das eine oder andere Ohr. Wichtig ist, dass unsere Gespräche in einer intimen geschützten Situation stattfinden. Das heißt, das, was wir mit dem Einzelnen besprechen, bleibt bei uns im Raum. Weil das Thema sehr schmerzhaft, sehr schambesetzt und hochemotional ist.“ Bettina Monse, Psychologin

Kein Geld der Welt

Die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, hat den Schritt in die Beratungsstelle gewagt und stellt sich ihrer Vergangenheit. Für sie macht kein Geld der Welt ihre Erlebnisse im Heim ungeschehen. Das Misstrauen war am Anfang groß, doch nun hat sie eine Möglichkeit gefunden, die angebotene Hilfe zuzulassen und anzunehmen.

„Und es hat mich zuerst nicht interessiert, gebe ich zu, weil ich damit nichts mehr zu tun haben wollte. Nach außen hin kam es mir so vor: wir geben euch die Möglichkeit 10.000 € auszugeben und damit geht’s euch gut. Und als ich dann die Zusage für das Geld hatte, habe ich mir etwas gekauft, worüber ich mich wirklich sehr gefreut habe. Ich hab in letzter Zeit mit einer geborgten Gitarre gespielt und hab mir jetzt tatsächlich eine selbst gekauft, die ich mir so nicht hätte kaufen können. Aber auch wenn das doof klingt, ist das nicht der Punkt weswegen ich tatsächlich hin bin. Ich finde diese Zwischenmenschliche Geschichte wichtiger, für mich wichtiger. Aber rein die finanzielle Hilfe hilft mir nicht.“ Anonymes Opfer

Hilfe suchen ist wichtig

Doch viele der Betroffenen haben den Hilfsfonds bis heute nicht in Anspruch genommen. Das Selbstbewusstsein der Geschädigten reicht oft nicht aus. Die Konfrontation mit der Vergangenheit fällt zu schwer. Helfen können da vor allem Gespräche, die durch die Beratungsstellen angeboten werden.

„Ich geh einfach mal davon aus, dass es viele, viele Leute gibt, die weit schlimmere Dinge erlebt haben und die einfach Hilfe nötig haben. Davon bin ich überzeugt, und die sollten sie suchen, ja.“ Anonymes Opfer

Noch bis zum 30. September können sich Betroffene bei Anlauf- und Beratungsstellen in ganz Deutschland melden und Hilfe in Anspruch nehmen.

 „Die Hilfe ist eine konkret Materielle. Diese Gelder, die man bis zu 10.000 € in Anspruch nehmen kann sind immer an einen Zweck gebunden, an ein Ding, an eine Sache. Da wird nach dem Gespräch genau geguckt, was könnte Ihnen denn jetzt persönlich wirklich helfen. Das ist ganz individuell verschieden.“ Bettina Monse, Psycholgin

 

Sophie Herwig über die Aufarbeitung der Vergangenheit von ehemaligen DDR-Heimkindern.
Heimkinder
 

Kommentare

Dieser Fonds ist KEINE Entschädigung! Er ist eine "freiwillige Hilfe in Anerkennung des erfahrenen Leides"! Es ist einfach wichtig, das immer wieder deutlich und klar zum Ausdruck zu bringen.

Und er wird ob des beschriebenen bürokratischen Vorgehens (NUR Sachleistungen, d.h. Kostenvoranschläge, Entscheidungen, ob etwas tatsächlich angebracht ist, wird nicht von dem/der Ehemaligen entschieden, Kaufbelege müssen vorgelegt werden, etc. pp.) von vielen Überlebenden als Zumutung und Demütigung empfunden und viele berichten von Retraumatisierungen, ausgelöst durch das ganze Antragsprocedere.

Als Zumutung bis Unverschämtheit wird von vielen empfunden, dass nicht ihnen die Wahl gelassen wird, was sie tatsächlich mit dem Geld machen wollen, wofür sie es auszugeben gedenken oder ob sie es vielleicht einfach nur "auf die hohe Kante legen" wollen.

Da ist mit Sicherheit eher der Grund dafür zu suchen, dass die Mehrheit der Ehemaligen den Fonds nicht in Anspruch nehmen/genommen haben. Und nicht in dem "nicht ausreichenden Selbstbewusstsein" der Geschädigten.

Übrigens: Es scheint wieder Geld da zu sein und die Ehemaligen Heimkinder Ost können wieder Anträge stellen. Allerdings weiterhin nur bis zum Ende September 2014.

Um in den Genuss dieser finanziellen "Hilfeleistungen" zu kommen, muß man eine "Vereinbarung" unterschreiben, daß man auf weitere Ansprüche gegen die Errichter des Fonds (also Bund und Länder) verzichtet! Das schließt eine rechtsmäßige Überprüfung der Heimeinweisung im Rahmen des Unrechtsbereinigungsgesetzes ausdrücklich ein! Was ist, wenn man nur deshalb in ein "Spezialkinderheim" gekommen ist, weil der Vater aus der DDR geflohen ist, und von dort eine Familienzusammenführung forderte, und man von Seiten der DDR vollendete Tatsachen schaffen wollte? Dieser Fond ist ein Almosenfonds, der der Bundesrepublik ermöglicht, sich elegant aus der Verantwortung zu ziehen! (kein Rechtsnachfolger bla, bla) Wenn Kinder durch die deutsch-deutsche Teilung in "Beugehaft" genommen wurden, sollten diese einen Rechtsanspruch auf Wiedergutmachung erhalten, und nicht gezwungen sein, sich in eine Schlange Derer einzureihen, die schlechte Errinnerungen an ihr damaliges Heimweh in der Heimzeit noch heute haben, und sich mit Krankenkassenleistungen eines Hilfefonds abspeisen lassen, die wider besseres Wissen immer wieder als Entschädigung deklariert werden, weil ein Schreiberling es vom Anderen abschreibt! Eine Entschädigung setzt ein "Unrecht" voraus, aber dieses ist wie es immer wieder zu lesen ist, nicht Jedem widerfahren. Statt Aufarbeitung - Gießkanne und nun "Halts Maul" hast es unterschrieben!

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Die Beratungsstelle in Leipzig zieht übrigens ab dem 15. September in die Thomasiusstraße. Die Mitarbeiter unterliegen dem Datenschutz und der Schweigepflicht.