Frisch Gepresst: Crack Ignaz

Herzschmerzgang

Kein Album wie das andere: Auf „Sturm und Drang“ versucht sich Crack Ignaz erfolgreich an futuristischem R&B.
Crack Ignaz
Hadert mit der Liebe: Crack Ignaz

Wie wäre wohl die Karriere von Crack Ignaz verlaufen, wenn es um 2016 herum nicht den unsäglichen Cloud-Rap-Hype gegeben hätte? Denn damals wie heute war „Cloud Rap“ ein Phantombegriff, der verschiedenste Künstler und Sounds auf schwammigste Art und Weise in einen Topf warf – und seinen skurillen Höhepunkt im peinlich-artifiziellen Generationenkampf beim „Red Bull Soundclash“ 2017 fand. Mittendrin: Crack Ignaz, der 2015 durch sein schief-schön-ironisches „König der Alpen“ einem breiteren Publikum bekannt wurde.

Dass er mehr als Dada-Alpenhymnen für Oberstufenpartys kann, wurde schnell klar. Mitte 2015 lotete er mit „Kirsch“ die Grenzen des Kitschs im deutschsprachigen Hip-Hop aus und betrieb Anfang 2016 mit Produzenten-Wunderkind Wandl Madlib-Worshipping auf dem Kollaboalbum „Geld Leben“ - eine der besten deutschsprachigen Hip-Hop-Platten der 10er-Jahre. Doch nach all dem Hype um ihn und seinen kongenialen Rapper-Kollegen LGoony schien insbesondere nach dem Soundclash ein wenig die Luft raus zu sein, so als wäre das alles ein bisschen zu viel Deutschrap-Folklore für Crack Ignaz gewesen. Zwei Jahre nach seinem letzten Projekt „Bullies in Pullies II“ mit Young Krillin ist der Salzburger mit seinem dritten Studioalbum „Sturm und Drang“ zurück – und darauf erfindet sich Crack Ignaz wieder einmal neu.

Wieder ein neuer Sound

Das liegt größtenteils am Soundbild der neuen Platte. Die meisten Songs stammen vom italienischen Produzenten BVRGER, dessen Beats großen Wert auf prägnante Drums legen – sei es durch trockene Hi-Hats wie in „Bipolar“ oder düstere, bohrende Bässe wie in der exzellenten Vorab-Single „Herzschmerzgang“.

Die Tracks funktionieren aber auch durchweg dank der Samples und eingespielten Keys, die sich im Soundgewand den Drums und Bässen etwas unterordnen, den Songs aber trotzdem den notwendigen Charakter verleihen. So klingen die Noten in „Neontränen“ wie digitaler Regenfall; das romantische Piano und die wütenden, wellenartigen Gitarrenriffs in „BMO“ verleihen dem Track erst den notwendigen, liebestaumelnden Vibe. Und trotzdem gelingt immer auch der Spagat zum Sound vorheriger Alben und Projekte, ohne dabei wie eine Wiederholung zu wirken. „Ähä“ hätte sich problemlos auf dem 2016er-Mixtape „Marmeladé“ einfügen können, „Ave Manie“ (produziert von Fid Mella) könnte so oder so ähnlich auch auf einem „Bullies in Pullies“-Projekt stattfinden.

Mehr Stimme, weniger Dialekt

Noch viel bemerkenswerter ist aber Crack Ignaz selbst. Mehr als je zuvor experimentiert er mit dem Einsatz seiner Stimme, kaum ein Versuch geht dabei so richtig in die Hose. Auf „Neontränen“ geht Ignaz in die Kopfstimme und lässt den Track damit erst so richtig im Ohr kleben. „Firn“ mit Hare Squead wird nur dadurch so überzeugend, weil Ignaz den Beat mit besonders tiefer Stimme nimmt. Lediglich in Ausnahmefällen funktionieren die Experimente nicht so gut. Die atonale Hook und die geschrienen Parts auf „Flaschenpost“ mögen nicht so recht die Emotionalität einfangen, die der Text zu vermitteln versucht.

Aber, und das ist eine weitere Qualität der Platte: Den bisherigen USP, die mühelos wirkende Coolness in Kombination mit dem spielerisch-österreichischen Akzent und Vokabular, hat Ignaz nicht komplett vergessen. Insbesondere Liebhaber von „Geld Leben“ werden sich inhaltlich am Guntalk auf „Sportschützenverein 5020“ und an der österreichischen Hustler-Hymne „Hackl Hart“ erfreuen können. Dennoch fährt Ignaz auf der Platte den ganz derben Schmäh ein wenig zurück, was nicht zuletzt dem breiteren Publikum helfen könnte, die Texte besser zu verstehen.

Die Liebe, die Liebe

Denn inhaltlich wird „Sturm und Drang“ seinem Namen durchaus gerecht: Emotion über Verstand. Getragen wird die Platte nämlich durch ein immerwährendes Thema – die Liebe. Dabei bleibt Ignaz aber stets selbst unsicher und fragend. „Sturm und Drang“ wartet selten mit klaren Liebesbekundungen auf, sondern eher mit Zweifeln und Herzschmerz.

Baby, warum spielst du mit mir Spiele? (Spiele)
Ich weiß, von den Games da hast du viele (viele)
Doch glaub mir Babe, bei dem da gibt’s kein Reset (Reset)
Und wenn ich erst mal geh’ dann ist es zu spät (zu spät)

Crack Ignaz in „BMO“

Im besten Sinne erinnert das inhaltlich in seiner verliebten Unsicherheit und Naivität an Tyler, The Creators „IGOR“, nur ein bisschen weniger stringent, weniger konkret. Auf „Firn“ beschäftigt sich Ignaz mit dem Auseinanderbrechen einer Beziehung, weil andere im Weg stehen und dazwischenfunken – nicht unähnlich zu „NEW MAGIC WAND“. Auch die Hook des Closers, „Baby, bist du zufällig down mit mir?“, erinnert in seinem Gefühlschaos an „ARE WE STILL FRIENDS?“ – so richtig losgelassen wird eben auch in „Sturm und Drang“ nicht.

"...aber Crack Ignaz bleibt gleich"

Letztlich macht die Magie von Crack Ignaz aber etwas anderes aus: Nämlich die nahezu perfekte Adaption von vollends verschiedenen Sounds und musikalischen Stilen, ohne Verrat an der eigenen Künstlerpersona zu begehen. „Sturm und Drang“ traut sich den Schritt in Richtung R&B und wirkt dabei nie neben der Spur. Im Gegenteil: So gelungen experimentiert wie hier wird leider nur selten im deutschsprachigen Hip-Hop.

Und auch wenn Ignaz mit dem Deutschrap-Kosmos so recht nichts mehr zu tun haben will, irgendwie möchte man ihm und dem Album den großen Erfolg und die große Aufmerksamkeit wünschen. Mal ohne doofes Subgenre-Label der Marke „Cloud Rap“ und ohne Meme-Songs à la „König der Alpen“. Denn dass der Salzburger viel mehr als das kann, sollte allerspätestens jetzt klar sein.

 

 

Kommentieren

Crack Ignaz: Sturm und Drang

Tracklist:

1. BMO

2. Neontränen*

3. Bipolar

4. Herzschmerzgang*

5. Ähä

6. Hackl hart*

7. Sportschützenverein 5020*

8. Ave Manie

9. Firn (feat. Hare Squead)

10. Flaschenpost

11. Seraphim Interlude

12. Bist du echt

13. Zufällig*

 

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 14.08.2020
Self-Released