CD der Woche

Heilige Scheibe!

Was hilft gegen Hass? Genau, zurück hassen. Audio88 & Yassin tun das jetzt im Auftrag von ganz oben. Cloudrap war gestern. Die beiden Rapper sind in noch höhere Sphären aufgestiegen und segnen uns nun mit ihrem neuen Album "Halleluja".
Audio88 & Yassin
Warten auf den Zug: Yassin, Dj Breaque, Audio88 (v.r.n.l.)

Misantrophen waren sie ja schon immer irgendwie. Doof nur, dass sie ja auch selbst Menschen sind. Damit allgemeiner Menschenhass nun nicht als Selbsthass ihre eigenen Nasen angreift, haben sie sich einfach kurzer Hand zu Heiligen erklärt. Aus der Perspektive sieht nun schon alles wieder ganz anders aus. Und von oben hassen Audio88 & Yassin nun auf uns alle herab. Und mit alle, meine ich auch alle: Leute die in der U-Bahn Döner essen, die auf der Rolltreppe keinen Platz machen, die ihre Tastentöne lautgestellt haben. Halleluja! Zum Glück sind sie nicht ganz alleine da oben. Nico von K.I.Z. Und Doz9, die rappende Hälfte von Schaufel und Spaten, sind auch da und machen fleißig mit. 

Von der Tanke in die Charts in gerade mal zwölf Jahr'n

„Halleluja“ ist ihr viertes Studioalbum. Ihr erstes Album erschien bereits 2010 und wurde in der Szene gefeiert, blieb aber trotzdem eher im Untergrund. Ihr drittes gemeinsames Album »Normaler Samt« ließ sie im März 2015 plötzlich Chartluft schnuppern, wurde von Fans, Szenepresse und Feuilleton bejubelt und eroberte einschlägige Jahresbestenlisten. Ihre aggressiv oppositionellen Texte trafen den Zahn der Zeit und würden auch Leute zum Rap bringen, die sonst gar kein Hiphop hören, wie sie uns im Interview erzählten. Das mag unter anderem daran liegen, dass sie keinen Klischee-Wer-hat-den-Größten-Rap machen. Viele, die mit dem Rapduo das erste Mal in Berührung kommen, schreckt schon die Zahlenkombination 88 in Audio88 ab. Doch genau solche oberflächlichen Hörer lassen die beiden gerne zurück. Wer beim Hören von Tracks wie Schellen immer noch denkt, die beiden wären „Nazi-Rapper“ (Zitat: Facebook), der denkt auch bei „Mitten im Leben“ sieht man „echte“ Menschen. 

"Kein Nazi-Rap? Dislike."

Und wer im Lateinunterricht gut aufgepasst hat, könnte vermuten, Audio88 steht für: Ich höre Hiphop. Alle, die nicht gut aufgepasst und unterdessen auf Facebook abgehangen haben, schreiben Kommentare wie: „Ich dachte 88 steht für heil hodn?“, „Dachte das steht für Helly Hansen“ „Ich dachte immer du wärst ein Nazi“ „Kein Nazi-Rap? Dislike“. Die parodistische Partei „Die Partei“ nutze die Diskussion und holte sich nach K.I.Z. nun auch Audio88 und Yassin ins Boot. Ihr Slogan dazu: "Die einzige Partei, die mit 88 werben darf!".

8+8=88

Parodien, Anspielungen und Nachahmungen findet man wie gewohnt auf dem Album in den Texten, aber auch musikalisch. So ist der Track K.R.A.U.M.H. (Kohle regiert alles um mich herum) wohl die deutsche Anwort auf C.R.E.A.M. (Cash rules everything around me) vom Wu-Tang Clan aus dem Jahre 1993. Der trappigen Sound erinnert hingegen eher an Leute wie Moneyboy. Man könnte noch viele Wie-Vergleiche auspacken, aber das ist gar nicht notwendig, denn das Album steht für sich. Textlich, Musikalisch und im Gesamtkonzept. Die Beats kommen wie gewohnt von Rhythmik-Genies wie Dexter. Er macht immer noch mit der gleichen Leidenschaft Beats wie Audio88 & Yassin sich über gesellschaftliche Missstände auskotzen. Eine gute Kombination also. 

 

Mit seinen nur acht Tracks plus acht Instrumentals steht „Halleluja“ ein bisschen wie eine Verlängerung des letzten Albums da. Und könnte das sogar eine weitere Anspielung auf die verhasste Zahlenkombination sein: 8+8=88?

Fazit

Kennt ihr das, wenn man über jemanden, der nicht ganz so helle ist, sagt: „Bei dem fährt der Fahrstuhl aber nicht bis ganz nach oben"? Bei Audio88 & Yassin fährt der Fahrstuhl auf jeden Fall bis zur Endstation. Sie haben das beklemmende Fahrstuhl-Schweigen gebrochen und spucken nun von oben auf uns alle runter. "Halleluja" ist was für Leute, die bei „Mitten im Leben“-Schauen vom Glauben abgefallen sind und nun nach einer neuen Religion suchen. Jedoch gibt es ein Eintrittskriterium: Das kleine Latinum.

 

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Tina Küchenmeister
13.06.2016 - 14:35
  Kultur

Audio88 & Yassin: Halleluja

Tracklist:

1. Halleluja*

2. Asia Box

3. Jammerlappen

4. K.R.A.U.M.H (feat. Doz9)

5. Gnade (feat. Nico K.I.Z)*

6. Beat Konducta Brandenburg

7. Weshalb ich Menschen nicht mag*

8. Schellen*

9. Halleluja (Instrumental)

10. Asia Box (Instrumental)

11. Jammerlappen (Instrumental)

12. K.R.A.U.M.H (Instrumental) 

13. Gnade (Instrumental) 

14. Beat Konducta Brandenburg (Instrumental) 

15. Weshalb ich Menschen nicht mag (Instrumental)

16. Schellen (Instrumental)

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 10.06.2016
Normale Musik / Groove Attack

Ohne ihn wären Audio88 & Yassin nur Gelaber: Dj Breaque. Zusammen mit DJ VReater (der grade mit Fatoni tourt) mixt er jeden dritten Sonntag das Beste vom Besten zusammen. Nachzuhören gibt es das hier: Ecke Prenz