Frisch Gepresst: Nicole Atkins

Heilende Nostalgie

Drei Jahre nach ihrem letzten Album hat Nicole Atkins nun mit “Italian Ice” eine musikalische Kuscheldecke veröffentlicht.
Singer-Songwriterin Nicole Atkins
Nicole Atkins

Nicole Atkins kommt aus New Jersey. Diesen Teil ihrer Identität betont sie immer wieder und er ist auch prägend für ihr neues Album „Italian Ice“. Während ihre letzte Platte „Goodbye Rhonda Lee“ sich mit ihrer neuen Ehe und ihrem Umzug von New Jersey nach Nashville auseinandersetzte, ist „Italian Ice“ ganz der Nostalgie gewidmet, die Atkins gegenüber ihrem Heimatstaat empfindet. Dabei macht sie auch eine musikalische Reise in die Vergangenheit und schafft damit ein Hörerlebnis, das schon fast einer warmen Kuscheldecke gleichkommt.

 

Bedingte Klarheit

Obwohl das übergreifende Thema des Albums New Jersey ist, spricht Atkins in ihren Texten eine Vielzahl von Themen an. Sie kritisiert den Umgang mit dem Klimawandel in den U.S.A und die Präsidentschaft von Donald Trump, singt über schräge Tour-Erlebnisse und drückt ihre Liebe für ihren Ehemann aus. Einige ihrer Texte sind etwas nichtssagend, vor allem dann, wenn sie etwas experimenteller wird, wie zum Beispiel beim Song „Domino“. Sie singt, dass sie ihr Leben voll genießen will, auch wenn die Welt um sie herum zusammenbricht. Dabei wiederholt sie immer wieder dieselben Zeilen, und der Track wird schnell etwas langweilig. An anderer Stelle hingegen besticht Atkins mit Textzeilen, die so seltsam-lustig sind, dass sie einfach hängen bleiben.

I really like your mouth
Come a little closer
Let me try to figure you out

Nicole Atkins - "Forever"

Wenn ihre Texte funktionieren, dann schafft Atkins es, mit wenigen Worten klar zu machen, was sie sagen will.

We're stranded in the garbage of Eden
We're starvin' what we should've been feedin'

Nicole Atkins - "AM Gold"

Das sind die Momente, in denen Atkins textlich voll überzeugt.

 

Gruppenarbeit mit buntem Ergebnis

Quasi der Thematik New Jersey zum Trotz wurde die Platte in Alabama aufgenommen. Dort hat Atkins sich mit einer bunten Truppe von Musikern zusammengefunden, mit denen sie gerne Musik machen wollte, darunter Spoon-Frontmann Britt Daniel sowie Spooner Oldham und David Hoods, die schon mit Aretha Franklin zusammenspielten. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass „Italian Ice“ musikalisch wie eine Patchwork-Decke wirkt. Da reihen sich Americana und Blues an den Girlgroup-Sound der 60er Jahre und soulige Nummern, die an Aretha Franklin denken lassen. Ein bisschen New Jersey findet sich in der Musik dann aber doch, denn Atkins hat sich für einige ihrer Tracks wie „Forever“ etwas von Bruce Springsteen abgeguckt, der ebenfalls aus dem sogenannten Garden State kommt. Diese musikalische Nostalgie macht beim Hören viel Spaß, denn Atkins liefert keinen billigen Abklatsch. Stattdessen drückt sie all diesen unterschiedlichen Genres ihren Stempel auf und macht sie sich zu eigen.

 

Ende gut, alles gut

Nicole Atkins sagt über „Italian Ice“, dass sie sich damit selbst geheilt habe. Das erklärt die Vielzahl an Themen, die sie im Album abgearbeitet hat. Am Ende kommt Atkins aber ganz klar auf ihren Heimatstaat zurück. Der Schlusstrack „In The Splinters“ thematisiert Hurricane Sandy, der 2012 große Teile von New Jersey zerstörte. Atkins beschreibt vor allem wie fremd sie sich in ihrer Heimat fühlte, nachdem der Sturm alles verändert hatte. Sie schließt den Song ab mit einem Refrain, der zum Mitgrölen und Mitfühlen einlädt und einen mit einem dieser Tage doch eher seltenen Gefühl zurücklässt – Hoffnung. Denn die große Message von „Italian Ice“ ist: Egal wie furchtbar die Welt ist, egal was passiert, irgendwann wird es besser. Und das gilt sowohl für das große Ganze als auch für das kleine Private. Bis dahin darf man auch ein bisschen in den guten alten Zeiten schwelgen. Damit heilt Nicole Atkins nicht nur sich selbst, sondern auch – zumindest ein kleines bisschen – ihre Zuhörer*innen.

 

 

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Charlotte Peters
02.06.2020 - 12:43
  Kultur

Nicole Atkins: Italian Ice

Tracklist:

1. AM Gold

2. Mind Eraser

3. Domino

4. Forever

5. Captain

6. Never Going Home Again

7. St. Dymphna

8. Far From Home

9. A Road to Nowhere

10. These Old Roses

11. In The Splinters

Erscheinungsdatum: 29.05.2020
Single Lock Records