Interview

Harry wird 20!

Vor 20 Jahren kam das erste Harry-Potter-Buch in die Buchhandlungen. Wir haben gemeinsam mit Literaturwissenschaftler Jürgen Ronthaler zurückgeblickt: Was hat Harry Potter in zwei Dekaden bewegt?
Harry Potter Bücher
Seit 20 Jahren ein Dauerbrenner: die Harry Potter Reihe

Das gesamte Interview mit Dr. Jürgen Ronthaler und Moderator Julien Reimer zum Nachhören:

Das gesamte Interview mit Dr. Jürgen Ronthaler

Moderator: Julien Reimer

 

mephisto 97.6: Herr Ronthaler – gibt es in der Kunst, Literatur oder im Film irgendetwas, was man mit dem Hype um Harry Potter vergleichen kann?

Ronthaler: Ja, das gibt es. Es gibt wenig, in der Tat, aber der Hype um Sherlock Holmes, als die Folgen dieser Detektivgeschichten an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert erschienen, war vergleichbar. Seitdem ist mir aber zumindest nichts bekannt. Also es gibt ja relativ viele neue Phänomene, in den Büchern und auch im Film, aber ich glaube das ein derartig weltweites Ausmaß an Begeisterung und natürlich auch an Hype nicht zu beobachten war!

mephisto 97.6: Jetzt zehn Jahre nach Erscheinen des letzten Bandes: War Harry Potter nur zu der Zeit ein Hype oder hat er sich als Dauerbrenner etabliert?

Ronthaler: Ich glaube, der Hype ist ein wenig abgeflacht, aber sie können ihn jederzeit wieder entfachen. Wie mit allem kam auch da mit der Zeit ein wenig Ruhe rein. Aber wenn Sie beobachten, wie im letzten Jahr das Theaterstück, welches ja auf den Harry-Potter-Büchern basiert, wahrgenommen wurde, dann sehen Sie, wie schnell man wieder Menschenmassen für Harry Potter begeistern kann und das ist, glaube ich, auch relativ einmalig.

mephisto 97.6: Woran liegt es denn, dass Harry Potter auch über eine so lange Zeit erfolgreich geblieben ist?

Ronthaler: Ich glaube, da kann man nicht einen Grund festmachen und das wäre auch eine Analyse, die den Rahmen dieses Interview sprengen würde. Aber in der Kurzfassung gibt es mehrere Gründe. Das eine ist, dass die Texte an sich recht anspruchsvoll sind, aber auf ein heranwachsendes Publikum ausgerichtet sind, was sie auch für Erwachsene interessant macht. Das Nächste ist, dass es eben sieben Bände von Harry Potter gibt und so die Bücher für die Leute, die zu der Zeit aufgewachsen sind, zum Begleiter wurden.

Die inneren Aspekte, die zum Erfolg beitrugen, liegen in der Mischung aus Altem und Neuem. Also tradierte, alte Muster werden mit neuen vermischt. Und das in einem postmodernen Sinne, nämlich der neuen Nutzung alter Modelle. Und natürlich haben sie die Schule als Zentrum – die jeder kennt, weltweit, überall. Und darauf setzte dann auch sicher der Vermarktungshype, der mit dem vierten Band und den Filmen einsetzte.

mephisto 97.6: Sie haben ja schon angesprochen, dass die Bücher sowohl Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene anspricht. Ist das etwas Einzigartiges, dass Harry Potter die Generationen verbindet?

Ronthaler: Also vielleicht für die Dauer, die die Bücher das schon tun – also zehn Jahre oder sogar 20, wenn man vom ersten Band ausgeht. In der heutigen Zeit, wo so etwas tendenziell schneller vergeht als vielleicht noch im 18./19. Jahrhundert, ist das auf die Dauer schon etwas Einmaliges.

Es ist aber nicht so, dass es nicht andere Bücher gäbe, die diese Verbindung herstellen können. Gerade heute als "Klassiker" gehandelte Kinderbücher haben häufig den Anspruch, Kinder, Jugendliche und Erwachsene anzusprechen, wie z. B. Robinson Crusoe, den jeder kennt oder in der deutschen Literatur auch Emil und die Detektive, und Bücher am Beginn dieser "Fantasy-Welt", wie Alice im Wunderland.

mephisto 97.6: Haben Erwachsene und Kinder am Ende des Textes dann das gleiche Leseerlebnis?

Ronthaler: Das ist eine sehr interessante Frage. Sie haben natürlich denselben Text im Sinne des physischen Textes vor sich. Obwohl auch da stocke ich, Sie werden wissen, dass es beim Erscheinen der ersten, englischen Ausgaben im Bloomsburry Verlag eine Ausgabe für Kinder und eine für Erwachsene gab. Sodass, wenn man in der U-Bahn saß, und Harry Potter las, man sich nicht dadurch verriet, dass man ein Kinderbuch liest, was man am Cover erkennen konnte.

Da gab es also Erwachsenen-Ausgaben, aber der Text selbst war identisch. Allerdings ist der Text, also zumindest von der literaturwissenschaftlichen Perspektive aus, nicht identisch, wenn man ihn in den Kopf kriegt. Also wenn man als Kind Harry Potter liest oder als Jugendlicher oder Erwachsener, und als Literaturwissenschaftler liest man es dann nochmal anders. Aber ich denke es gibt auch Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. 

mephisto 97.6: Kommen wir doch mal zur literaturwissenschaftlichen Perspektive: Inwiefern ist die Harry Potter Reihe denn typisch für die Literatur der letzten 20 Jahre? 

Jürgen Ronthaler

Ronthaler: Also man kann schon sagen, dass die Bücher ein typisches Phänomen der postmodernen Literatur sind, wie wir das nennen. Also Literatur, die modernistische Aspekte abgelöst hat. Es ist und bleibt aber ein Kinderbuch, also nicht gerichtet an einen Leserkreis, der sich mit allzu großen intellektuellen Spielereien abgeben möchte.

Aber wenn Sie als zwei Hauptmerkmale der postmodernen Literatur in der Textualität den Bezug von zwei oder mehreren Texten zueinander oder aber die Mischung existierender Formen, so wie die Universität Leipzig an ihrer Fassade am Augustusplatz, wo man die alten Formen noch sieht, aber sie nachgestaltet wurden, dann werden Sie sehen: Harry Potter hat beides. Traditionelle jugendliche Helden, den Außenseiter, der durch die Welt geht und sie retten muss, das geht ja schon zurück auf die griechische Mythologie. Aber auch neue, witzige Elemente wie die Eulen, die die Welt zersetzen, oder solche Spielereien.

Und auf der anderen Seite, und das ist für Literaturwissenschaftler besonders interessant, sind die Erzählstrukturen, also wie der Text aufgebaut ist, angelehnt an ganz verschiedene Roman-Modelle: Der Bildungsroman, der Abenteuerroman, der Schulroman, der Kriminalroman, der eine ganz wichtige Grundlage für die Struktur der Einzeltexte und auch der Gesamtbände abgibt, sind ja alle vereint. Und noch viele andere mehr. Und diese Mischung zu untersuchen, über die Hype-Strukturen hinaus, ist natürlich faszinierend.

mephisto 97.6: Das ist natürlich klasse, wenn man ein Buch als Erstklässler lesen kann und dann als promovierter Literaturwissenschaftler und trotzdem noch seine Freude findet.

Ronthaler: Ja, aber da ist Harry Potter nicht das einzige Buch, das geht uns auch mit anderen so. Aber Harry Potter ist schon ein gutes Beispiel dafür. Aber am Ende bleibt natürlich immer die individuelle Kraft eines Autoren und einer Autorin, und da muss man sagen: Es gibt sicher viele Kritikpunkte, die man anbringen kann, und die sind auch alle schon vorgebracht worden, aber man muss J. K. Rowling schon zugestehen, dass sie ein wirklich unglaubliches Reservoir an Einfällen hat und dass ihre Fantasie sprudelt. Und das hat sie ja auch in den folgenden Jahren mit ihren Kriminalromanen gezeigt, dass sie offensichtlich für sie auch wichtig sind.

mephisto 97.6: Wenn wir jetzt mal das große Ganze betrachten: Was hat die Romanreihe in den letzten 20 Jahren bewirkt?

Ronthaler: Das ist auch wieder so eine Frage, wo man lange drüber reden könnte! Ich glaube, was sie wirklich bewirkt hat, war, dass wieder ein Bewusstsein für das Phänomen des Lesens in unserer digitalen Welt geschaffen wurde. Zum einen auf der ganz einfachen Ebene, dass Kinder wieder angefangen haben, Texte zu lesen. In Deutschland vielleicht sogar mit dem Seitenphänomen, dass Kinder angefangen haben, englische Texte zu lesen, weil sie nicht warten wollten, bis der nächste Band in deutscher Ausgabe erscheint. Dass auf einer anderen Ebene das Lesebewusstsein, also der Wert des Lesens als Aufnahme von Wissen, als Pool des Spaßes, jenseits von Videospielen und Filmen, uns wieder stärker bewusst geworden ist.

 

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Der Interviewgast:

Dr. Jürgen Ronthaler ist promovierter Literaturwissenschaftler am Institut für Anglistik an der Universität Leipzig. Er hat sich wissenschaftlich mit der Harry Potter Reihe auseinandergesetzt.