Sziget Festival: Tag 4

Halbzeit

Eine Insel wie eine eigene Welt: Vom 10. - 16. August findet in Budapest das Sziget Festival statt. Mit am Start sind neben Weltstars wie Rihanna, Muse und Manu Chao auch Geheimtipps – mephisto 97.6 berichtet täglich vom Inselwahnsinn.
Kind
Frühe Erziehung auf dem Sziget Festival

Wenn das Sziget ein Fußballspiel mit 2x45 Minuten wäre und jeder Tag 15 Minuten lang, dann wäre an diesem Samstag Halbzeit. Drei Tage rum, nach diesem noch drei Tage mehr! Ein guter Moment, um ein wenig über die Bühnenvielfalt zu erzählen. Laut Festivalkarte gibt es auf dem Sziget 60 verschiedene Venues. Es sind zwar nicht alle davon Musikbühnen, man wird aber trotzdem von einer Vielfalt erschlagen, die man nicht einmal in einer Woche vollständig entdecken kann. Auf der Europe Stage spielen die besten lokalen Newcomer des Kontinents. An diesem Tag die französische Band We Are Match. Mit ihrem Elektro-Indie-Pop begeistern die Franzosen einige tanzende Fans vor der Bühne. Die Mehrheit nutzt das Konzert zum Picknicken oder „in-der-Sonne-liegen-und-Bier-trinken“. Auf der Main Stage spielt währenddessen die ungarische Band Quimby. An den meisten Tagen eröffnet ein Local Act die große Open-Air Bühne um 16 Uhr. Darauf folgen Superstars aus Rock, Elektro, EDM und Pop: an diesem Tag vor allem die britischen Helden Muse. Doch dazu später mehr.

Soviet
 

Während Quimby mit ihrem tanzbaren Rock ein paar Leute auf dem großen Platz der Main Stage begeistern, bildet sich eine lange Schlange vor dem Canary und Calibri Tent. Hier ist der Cirque du Sziget zuhause und bietet jeden Tag mehrere Shows von verschiedenen Zirkussen aus aller Welt. An diesem Samstag (neben Donnerstag übrigens der zweite ausverkaufte Tag) ist der Andrang aber besonders groß. Das Zelt hätte womöglich zweimal gefüllt werden können – leider kommt es zum Einlass-Stopp. Na gut, dann halt morgen. Ist ja nicht so, als würde es noch 59 andere Aktivitäten geben. Einmal wieder an der Main Stage vorbei, und auf zur World Music Stage. Hier geben sich Künstler die Hand, die tanzbare Musik aus aller Welt spielen. Wer Lust auf Party, Pogo, Vodka und Gulak-Ansagen hat, der ist hier genau richtig. In der brennenden Abendhitze reißt die französische Band Soviet Suprem komplett die Bude ab. Die Franzosen spielen nicht nur ihren russisch-klingenden Rock herunter, sie liefern auch eine Show mit gespielter Verhaftung auf der Bühne. Und Vodka und Gulak überall. Hop, einmal Stagediving über den Moshpit und prompt das Handy aus der Hose gefallen. Zum Glück ist Peace & Unity auch hier die Devise und ein freundlicher Osteuropäer gibt mir das Handy zurück. Es werden Küsse verteilt, Frauen und Männer, Männer und Männer – hier findet die Party statt.

Color
 

Von da an heißt es für viele Besucher: Main Stage. Zumindest für diejenigen, die nicht so viel Wert auf ihre Klamotten legen. Die Hauptbühne, die dieses Jahr übrigens nach dem tragisch verstorbenen Sziget-Booker Dan Panaitescu benannt ist, ist um 19 Uhr Schauplatz für die Color-Party. Ob geklaute, falsch-umgesetzte indische Tradition oder nicht, dem Publikum ist’s egal und nach einem Countdown fliegen die Farbfetzen. Ein geiles Bild – das kann man nicht leugnen. Den zehntausenden Teilnehmern ist der Schmutz komplett egal. Die meisten suchen sogar weiter nach Farbbeuteln auf dem Boden, um für den kompletten fucked-up Look zu sorgen. Um 19:15 hat die isländische Band Sigur Ros die schwierige Aufgabe das Publikum auf Trab zu haben. Das Trio lässt das Publikum komplett in sphärischen Klangwelten verschwinden. Gitarrist und Bassist streicheln ihre Saiteninstrumente liebevoll mit Geigenbögen. Das 90-minütige Set ist schön, aber leider ein wenig deplatziert. Die Energie der Color-Party können und wollen Sigur Ros nicht halten. Ab 20:45 heißt es dann: Warten auf DEN Headliner. Den ganzen Tag über entdeckt man gefühlt mehr Fans mit Muse-Shirts als mit Bier in der Hand. Um 21:30 ist es soweit: Das britische Trio enttäuscht nicht und liefert eine Show der Extraklasse. Auch wenn Sänger Matthew Bellamy immer weniger Lust auf das Gitarre- und Klavierspielen hat und bei vielen bekannten Songs lieber einen auf Popstar und Bono macht, ist die Show perfekt. Der rockige Start mit alten Hits wie „Plug In Baby“ und „Hysteria“, der Mittelteil mit den bekannten Hits und das fulminante Finale mit der 10-Miunten-Hymne „The Globalist“ und dem überragenden „Knights Of Cydonia“ – alles funktioniert. Das Publikum quittiert die Show mit einer großen Party inklusive Moshpits und vielen Sing-Alongs.

Muse
 

Die Masse verlässt langsam den Platz vor der Bühne, voller Konfetti und Luftschlangen. Auf der Tribute-Stage spielt eine Band die Hits der Red Hot Chilli Peppers – leider etwas leise. Das gemeinsame Gröhlen zu „By The Way“ und „Californication“ ist trotzdem durchaus witzig. Nach einem kurzen Abstecher in die stets überzeugene Jack Daniel’s Experience geht es auf die Suche nach neuen Locations. Im westlichen Teil der Insel stößt man auf Unbekanntes: „Ach hier ist diese Bühne“. Auf der Asus Snowattack Stage gibt es schrecklichen EDM vom Feinsten. In vereinzelten Bars tanzen die Leute schon wieder auf den Tischen. Das hört wohl nie auf. Wieso auch? Etwas professionellere Tischtänzer gibt es im Magic Mirror Zelt. Tagsüber laufen hier Filme der avantgardistischen Art. Abends lädt die Bühne zum Tanz ein – inklusiver zweier leicht bekleideter Herren, deren Tanz vor allem die Queer-Community begeistern dürfte. Den Gegenpart gibt es nebenan. Hot Girls, Go-Go-Dancers an Stangen. Ahja. Hier gibt es einfach alles. Zum finalen Ausrasten der Nacht laden die kanadischen DJs Excision und Snake. Dubstep vom feinsten verzaubert die A38-Stage von halb zwei bis in die tiefe Nacht. Die Moshpits öffnen sich: Die immer noch mit Farbe verschmierten Fans schubsen sich hin und her. Ein Bild für die Götter. Sziget: Das war die geilste Halbzeitpause der Welt!

 

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Till Bärwaldt
14.08.2016 - 16:43
  Kultur