Integration

Halal - Ein Markt der Zukunft?

Der Markt mit halal-Produkten boomt. Rund vier Millionen Muslime haben auch in Deutschland große Kaufkraft. Deshalb produzieren große Firmen wie Haribo und Wiesenhof inzwischen spezielle halal-Produkte. Doch merkt man die Entwicklung auch in Leipzig?
halal
Alles halal - Fleischtheke im internationalen Lebensmittelladen

Die Zahlen wirken gigantisch. So machten halal-Produkte 2009 insgesamt 17 Prozent des weltweiten Umsatzes aus, der mit Lebensmitteln erzielt wurde. Allein in Deutschland leben derzeit rund vier Millionen Muslime. Der Verein Lebensmittelwirtschaft geht von ca. 760.000 türkischen Haushalten aus, die im Schnitt 360 Euro monatlich für Lebensmittel ausgeben - eine Kaufgruppe, die in Deutschland nach wie vor "unterrepräsentiert" sei, so der Verein. Doch der Markt wächst. Inzwischen produzieren auch immer mehr nicht-muslimische Firmen und Global Player speziell für Kunden, die halal kaufen wollen. So werben Haribo, Nestlé, Wiesenhof und Meggle Produkte mit eigenen Kennzeichen an. Auch auf der Ernährungsmesse ANUGA, einer der größten weltweit, haben 2013 knapp 19 Prozent der Aussteller halal-Produkte angeboten.

halal
Produkte für jeden Geschmack

Sichtbar mehr Angebot – auch in Leipzig

Auf der Leipziger Eisenbahnstraße haben allein in diesem Jahr bereits fünf neue Läden eröffnet, die Produkte im Einzelhandel vertreiben. Dazu kommen zwei Großhändler und acht gastronomische Einrichtungen, so die Informationen von der Industrie- und Handelskammer Leipzig (IHK). Einer der neuen Läden heißt "Halal-Land" und lockt in seinen Auslagen mit frischem Obst und Gemüse. Alle Preistafeln sind auf Deutsch und Arabisch beschriftet, drinnen findet sich alles von Couscous, über verschiedenste Sorten Bohnen in der Dose bis hin zu Haribo aus Rindergelatine mit halal-Siegel. Nichts, was das Geschäft von anderen auf der Eisenbahnstraße unterscheiden würde. Der Inhaber macht sich angesichts der großen Konkurrenz allerdings keine Sorgen:

„Dass man viele Anbieter hat, belebt das Geschäft. Ich denke, das ist dasselbe, was die deutschen Geschäfte hier haben.“

Auch Zimnako Jebari und sein Bruder sehen der Marktsituation gelassen entgegen. Seit 1995 betreiben sie den Laden „Internationale Lebensmittel“. Es ist damit einer der ältesten Geschäfte dieser Art in Leipzig. Die Konkurrenz sei zwar größer geworden, so Jebari, die Nachfrage aber auch. Etwa 80 Prozent seiner Kunden würden halal wählen, schätzt er.

Haribo
Gummibärchen mit halal-Siegel

Was ist halal?

Der Begriff halal ist nicht lebensmittelrechtlich geschützt, denn was als halal gilt, ist Auslegungssache. So unterscheiden sich in diesen Punkten auch die verschiedenen Rechtsschulen im Islam voneinander. Auch gibt es in Deutschland kein einheitliches Siegel, das halal-Produkte kennzeichnet, sondern neue Firmen zertifizieren jeweils nach eigenen Regeln – was immer wieder für Verwirrung sorgt. Dies gibt auch Dr. Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Leipzig zu. „Man hat als Konsument nur eine begrenzte Möglichkeit. Man hat ein solches Zertifikat. Aber man muss als Kunde nochmal nachfragen, was sich dahinter verbirgt.“

Halal - mehr als nur Glaubenssache

Was ist die Motiviation, sich für halal-Produkte zu entscheiden? Nicht allein die Religion, so sagt Abdulaziz Ramadan. Der 29-jährige Student kommt aus Syrien und wohnt seit 2012 in Leipzig, wo er auch die Union Kurdischer Studierender vertritt. Für ihn ist halal vor allem eine Sache des Geschmacks, wobei er zugibt, dass es hier einen großen Unterschied zwischen ihm und seinen Eltern gebe.

Ich bin nicht religiös. Aber meine Eltern, meine Familie -  alle sind gläubig, sie glauben an Gott. Ich auch. Aber trotzdem trinke ich Bier und esse Wurst. Ich weiß, es gibt nur ein Leben. Man muss rechnen.

halal
Abdulaziz Ramadan beim Einkaufen

 

Auch erinnere ihn das Essen an Syrien. Er nennt es einen „Stabilitätsfaktor“, hier essen zu können, was es auch in der Heimat als Angebot gab. Ein wichtiger Aspekt, auch in Bezug auf das Gefühl der Zugehörigkeit, sagt der Religionssoziologe Professor Gert Pickel.

 

 

Es erinnert einen an die Religion. Es erinnert einen, dass man Mitglied ist – und es unterscheidet einen von anderen, die das nicht machen.

Das sei Chance zur Integration, biete Möglichkeit zum kulturellen Austausch, kann gleichzeitig für Einzelne aber auch Abgrenzung sein. Diese Wirkung nach außen ist für Gert Pickel auch einer der Gründe, warum es in Leipzig bislang noch kaum halal-Produkte in den Regalen großer Supermarkt-Ketten gebe.

Wir wissen, wir haben es mit einer nicht unwesentlichen Skepsis gegenüber dem Islam zu tun. Und wegen der Hinweise im Supermarkt - Es ist ja nicht so, dass das halal das Problem ist – die Leute wissen ja nicht mal, was das ist. Sondern jetzt sind die Muslime auch schon hier.

Trotz wachsender Nachfrage kein Boom

Obwohl die Nachfrage wächst, lässt ein merklicher Durchbruch von Halal-Produkten in Leipzig auf sich warten. Weder die Verbraucherzentrale, noch die Industrie- und Handelskammer haben dazu viele Anfragen - was sie von anderen Bundesländern unterscheide, so beide Stellen. Pickel führt das vor allem auf den Umstand zurück, dass in Sachsen derzeit vergleichsweise wenige Musliminnen und Muslime leben würden. Anfang 2015 ging der sächsiche Ausländerbeauftragte von etwa 20 000 Personen muslimischen Glaubens aus, was in Sachsen einen Anteil von 0,48 Prozent ausmachen würde. Gleichzeitig betonte er, durch die neu hinzugekommen Geflüchteten könnte dieser Anteil noch steigen.

Eine Reportage von Anna Vogel zum Halal-Angebot in Leipzig
halal

 

 
 
 

Kommentare

Kommentieren

"Halal" kann aus dem Arabischen mit "rein" oder "erlaubt" übersetzt werden. Bezeichnet werden damit alle Dinge und Handlungen, die gemäß islamischem Recht zulässig sind. Davon zu unterscheiden ist, was "haram", also verboten ist.

Regeln zu den Speisevorschriften im Islam gehen auf den Koran und die Sunna zurück. Ausdrücklich verboten sind in erster Linie Fleisch und Nebenprodukte vom Schwein, sowie Alkohol. Ausdrücklich erlaubt, also "halal", ist Fleisch von Tieren, das nach islamischem Ritus geschlachtet worden ist.