#vulvarious

Hände weg, ich will das nicht!

Sommer, Sonne, warme Tage. Kurze Hosen und Kleider werden morgens wieder erste Wahl. Eigentlich sehr schön, aber gerade als Frau gehören oft auch anzügliche Blicke oder Kommentare dazu. Wo aber verläuft die Grenze zur sexuellen Belästigung?
Sei doch nicht so empfindlich? Nein!

mephisto 97.6-Redakteurin Johanna Bastian über gefühlte und rechtliche Grenzen sexueller Belästigung:

Ein Beitrag von Johanna Bastian
 

Sexuelle Belästigung ist ein Schlagwort. Spätestens seit der "Nein heißt Nein"-Debatte im vergangenen Jahr wird vermehrt auch die Frage nach rechtlichen und gefühlten Grenzen diskutiert. Was ist Sexismus, was sexuelle Belästigung, was vielleicht sogar sexuelle Gewalt? Fälle wie der ungefragte und anzügliche Kommentar Rainer Brüderles über die Dirndl-Passform einer einer Journalistin - hier ist wohlgemerkt die Passform ihres Körpers, nicht die des Dirndls gemeint - wurden ausführlich besprochen; Ereignisse wie die Kölner Silvesternacht von verschiedensten Seiten instrumentalisiert.

Stell dich nicht an, war ja nicht so gemeint

Das ist die eine Seite. Auf der anderen stehen unzählige Fälle sexueller Belästigung im Alltag, die oft gar nicht als solche benannt werden. Vielleicht geht alles zu schnell. Eine kurze Berührung im Vorbeigehen, ein tiefer Blick in den Ausschnitt von dem Fremden gegenüber im Bus. Der Moment ist vorbei, bevor man überhaupt die Möglichkeit hat, etwas zu sagen. Oder die Unsicherheit darüber, was Absicht ist und was nicht. Wenn mein Vorgesetzter mir zufällig mit der Hand an der Brust entlangstreift, während er sich an mir vorbei zur Kaffeemaschine beugt. Oder im Club ein Fremder seine Hände kurz auf meinen Hintern legt. "Hab dich mal nicht so, das war ja gar nicht so gemeint."

Sexuelle Belästigung wird im Alltag häufig nicht wirklich ernst genommen. Irgendwie gehört es beim Ausgehen ja mit dazu, dass man mal von der Seite angemacht wird und der anzügliche Kommentar war, klar, eigentlich ein Kompliment. Die Schwierigkeit bei dem Thema ist: Natürlich kann es sein, dass man im Club gar nichts dagegen hat, angetanzt zu werden. Natürlich kann es sein, dass man sich über ein Kompliment freut. Aber das Gegenteil ist genauso möglich. Denn bei sexueller Belästigung geht es vor allem um persönliches Empfinden und um eigene Grenzen:

Die Hauptkriterien für sexuelle Belästigung sind: Sie ist einseitig und sie ist ungewollt. Und das ist komplett subjektiv, aber so ist es genau richtig. 

Susanne Hampe, Frauennotruf Leipzig

Klar ist, dass nicht nur Frauen sexuelle Belästigung erleben, aber sie bleiben am häufigsten davon betroffen. 2013 gaben in einer Umfrage 58% der Befragten an, schon mindestens einmal eine Form von sexueller Belästigung erfahren zu haben. Sexuelle Belästigung wird so zu etwas Alltäglichem. Dass sie trotzdem häufig als Kavaliersdelikt abgestempelt wird, kann für Betroffene zusätzlich belastend sein. Sie fühlen sich albern oder im schlimmsten Fall alleine mit ihren Problemen.

Individuelle Erfahrungen ernst nehmen 

An dieser Stelle können Beratungsstellen weiterhelfen. Hier kann von Erfahrungen berichtet und über nächste Schritte nachgedacht werden. Zunächst einmal hilft es oft, sich über Probleme und Gefühle auszutauschen. Entscheidet man sich dafür, rechtliche Schritte einzuleiten, zum Beispiel weil es sich um wiederkehrende, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz handelt, bieten Beratungsstellen häufig auch Unterstützung an.

Der umfassende, juristische Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ist in Deutschland seit 1994 geregelt. Bis November 2016 war ein rechtliches Vorgehen gegen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum hingegen wesentlich komplizierter. Es gab schlicht keine eindeutige Definition sexueller Belästigung abseits von Arbeits- und Ausbildungsplatz. Erst durch die Umsetzung einer EU-Richtlinie wurde das Strafgesetzbuch um einen entsprechenden Paragrafen ergänzt. Die angesprochene EU-Richtlinie gegen sexuelle Diskriminierung stammt aus dem Jahr 2002. 

Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften mit schwerer Strafe begangen ist.

§ 184i, Strafgesetzbuch

Sexuelle Belästigung ist keine Kleinigkeit

Natürlich braucht es mehr als die Änderung im Strafgesetzbuch. Es braucht vor allem eine Veränderung in der Gesellschaft. Es sollte klar sein, dass sexuelle Belästigung keine Kleinigkeit ist und dass jeder seine oder ihre Grenzen selber definieren darf. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist deutliche Kommunikation um diese Grenzen aufzuzeigen. An dieser Stelle gibt es aber schon das nächste Problem. Denn gerade Frauen lernen meistens nett zu sein, Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Aus so einer Position "Nein, ich will das nicht" zu sagen und das auch noch im Moment einer sexuellen Belästigung ist nicht einfach. Zusammen mit dem Mut sich auch von Anderen Unterstützung zu holen, kann ein klares "Nein" allerdings zu einem wirkungsvollen Mittel werden. Denn: Nein. Wenn dir etwas nicht behagt, musst du es dir auch nicht gefallen lassen!

 

Kommentieren

Mehr zum Thema:

Informationen und Unterstützung bei Fällen von sexueller Belästigung gibt es unter anderem beim Koordinierungskreis gegen Sexualisierte Gewalt und der Frauenberatungsstelle Leipzig.

Studierende und Mitarbeitende der Universität Leipzig können sich an das Gleichstellungsbüro wenden.