WM 2014

"Grottenkick!"

"Kopfball - abgewehrt - aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt - Tor! Tor! Tor! Tor!" Fast jeder kann diese Worte von Reporter Herbert Zimmermann mitsprechen. Aber wie klingen Kommentatoren eigentlich heute?
Matthias Uhlig (links) und Uwe Brückner (rechts) in Aktion im Neuen Schauspiel Leipzig.

Die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft wird hierzulande von einigen wenigen Stimmen dominiert: Tom Barthels oder Belá Réthy zum Beispiel. Die Netzgemeinde hat für beide oft nur Spott übrig - verbale Fehlpässe und Entgleisungen gehören allzu oft zum Repertoire der Kommentatoren, da sind sich die Zuschauer einig. Grund genug, sich einmal eine andere Art der Fußballkommentare anzuschauen - oder besser: anzuhören.

"Willkommen in der Sepp-Blatter-Arena!"

"Für den Anfang nehm ich mal ein Radler, der Schnaps kommt später", sagt der Mann hinterm Mikro. Das Headset hat er sich mit Tesafilm an die Wange geklebt, gebannt schaut er nach vorne auf die Wand, auf der gleich das Spiel Italien gegen Uruguay angepfiffen wird. Sein Kollege dreht sich derweilen noch entspannt eine Zigarette, die letzten Wetten werden angenommen. Die beiden Männer am Kommentatorentisch, das sind Matthias Uhlig, seines Zeichens engagierter Mitarbeiter beim Ökolöwen, und Uwe Brückner, Kabarettist und Ur-Leipziger. Bereits vor zwei Jahren, bei der Europameisterschaft 2012, haben die beiden Fußballspiele kommentiert - und sich dabei gefunden. "Das harmoniert einfach", sagt Uwe Brückner. Und so sitzen die beiden auch zu dieser WM wieder 90 Minuten vor der Großleinwand und reden um die Wette: Das Neue Schauspiel verwandelt sich zu einigen Spielen in die Sepp-Blatter-Arena in Leipzig-Lindenau, im Hof gibt es auch "original Favela-Feeling". Zum Spiel Italien gegen Uruguay sitzen die gut 15 Zuschauer allerdings drinnen in der Kneipe.

3-5-2 oder doch 5-5?

17:58 Uhr, der Originalton des Fernsehmoderators wird abgeschaltet, man hört nur noch die Fangesänge im Stadion. Matthias Uhlig und Uwe Brückner legen los: Mit Sportfachwissen, das zumindest den Laien fasziniert, beeindruckt vor allem Matthias. Er läuft zur Hochform auf, als es um die Aufstellung der jeweiligen Mannschaften geht, und erklärt die Strategie der Trainer. Uwe sitzt währenddessen entspannt zurückgelegt in seinem Stuhl und spinnt die satirischen Geschichten im Hintergrund. "Bernie Ecclestone und Sepp Blatter sitzen in diesem Moment im Bunker unter dem Stadion und knobeln, wie das Spiel ausgehen soll" - nur einer von vielen Seitenhieben gegen die FIFA. Fußball sei ein toller Sport, den sie beide gerne schauen, aber die Vorfälle im Vorfeld der WM in Brasilien und die anhaltenden Proteste dürften nicht außer Acht geraten.

"Sich solidarisieren, aufmerksam machen"

Matthias Uhlig und Uwe Brückner sind sich einig, dass Fußball gucken trotzdem noch in Ordnung geht - es sei aber eine Medaille mit zwei Seiten. Während Uwe Brückner die Fans als entscheidende Kraft sieht, die allein aufgrund ihrer Zahlenmäßigkeit etwas bewirken könnte, sind für Matthias Uhlig auch die Spieler und ihre Teams wichtig.

Das war eigentlich meine Erwartung, dass auch mal ein Neymar oder irgendein großer Spieler sagt: Übrigens hier - mal das Trikot hochhält und sich soldarisiert. [...] Sowas kann ja dann eine Welle auslösen.

Mit ihrer Arbeit wollen sie Aufmerksamkeit schaffen und einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass diese Welle vielleicht entsteht. Bis dahin bestehen ihre Kommentare aber natürlich nicht nur aus politischer und gesellschaftskritischer Satire.

Phrasendreschen - oder:
Wie es zur Marco-Reus-Gedächtnis-Frisur kam

Fast jeder Spieler bekommt an diesem Abend sein Fett weg - sei es nun, dass er rein sportlich gesehen nicht die Leistung bringt, die man erwartet, oder seien es ihre Frisuren oder ihr Schauspieltalent. Mario Balotelli ist hier besonders beliebt: Die Wehleidigkeit des Italieners ist eine leichte Zielscheibe. Darin stehen die beiden Hobby-Kommentatoren den Profis in nichts nach: Ob nun die Spieler, der Schiedsrichter oder das Spiel an sich - für alles haben sie die passende Phrase parat. Eine Auswahl:

Die [Nationalität] müssen jetzt aber wirklich kommen.
Das Spiel lebt von seiner Spannung.
Kann man pfeifen, muss man aber nicht.
Eine gute Flanke, aber leider stand niemand in der Mitte.
Was [Spielername] da macht, da fragt man sich schon warum der noch als [Position] spielt.
Nach 90 Minuten werden dann schonmal die Beine schwer.

Aber nicht nur die Beteiligten auf dem Platz werden auf den Arm genommen. Matthias Uhlig und Uwe Brückner nehmen sich auch selbst mit Humor - so hat Matthias vor der WM eine Marco-Reus-Gedächtnisfrisur (an den Seiten kurzen, oben lang) von seiner Freundin verpasst bekommen, kurz darauf verletzte sich der deutsche Nationalspieler: Die Voodoo-Frisur war geboren. Als Nächstes will Matthias Neymar's Haarpracht nachahmen - und hofft, dass Brasilien dann aus dem Turnier fliegt. 

Redakteurin Verena Ritter war beim Public Viewing der besonderen Art im Neuen Schauspiel dabei.
 

 

 

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Verena Ritter
25.06.2014 - 14:23

Matthias Uhlig und Uwe Brückner kommentieren ab kommenden Samstag alle K.O.-Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft. Bei gutem Wetter im Hof des Neuen Schauspiels, bei Regen in der Tante Manfred.