Musik-Highlights: KW 14

Großer Protest und großes Comeback

Auch in dieser Woche hat sich die Musikredaktion durch den Dschungel an Veröffentlichungen gekämpft und dabei richtig gute Alben, Singles und sogar ein Comeback aufgesammelt. Herzlichen Willkommen bei den Musikhighlights!
Die Musikhighlights der KW 14
Die Musikhighlights in dieser Woche

Bei Frisch Gepresst gibt es diese Woche die Platte "High Risk Behavior" von der australischen Punkband The Chats. Eine ausführliche Rezension zu unserem Album der Woche findet ihr hier.

Thundercat - „It Is What It Is“

Album-VÖ: 03.04.2020

Nach vier Vorab-Singles ist es endlich so weit: Thundercat veröffentlicht sein neues Album. „It Is What It Is“ mischt dabei Funk, Jazz und Soul und macht unglaublich nachdenklich.

Das Album ist kurz - und das nicht nur weil kaum ein Song über drei Minuten geht. Die Tracks schwimmen ineinander; Thundercat ignoriert weitestgehend klassischen Songaufbau und lässt das gesamte Album damit wie einen langen vertieften Gedanken wirken. Schon das Intro “Lost In Space/ Great Scott/ 22-26” legt sich wie ein nachdenklicher Schleier über die gesamte Platte.

Inhaltlich ist es eher eine existenzialistische Introspektive und Thundercat verarbeitet einiges, vor allem den Tod seines Freundes und Kollaborateurs Mac Miller.

Komplett melancholisch-traurig kann Thundercat dennoch nicht. Denn spätestens mit der Single „Black Qualls“ betritt Disko-Funk die auditive Bildfläche. Und auch die an Videospiele erinnernden kurzen Interludes machen Spaß.

Der Bassist und Sänger versucht trotz aller Traurig- und Nachdenklichkeit zu akzeptieren und kommt am Ende zu dem beruhigenden Schluss: „It Is What It Is“ – es ist halt was es ist.

Henriette Seifert 

Yves Tumor - „Heaven To A Tortured Mind“

Album-VÖ: 03.04.2020

Der US-Amerikaner Sean Bowie verschaffte sich in den letzten Jahren unter dem Künstlernamen Yves Tumor einiges an Aufmerksamkeit im Bereich experimenteller Musik. Gerade sein letztes Album „Safe in the Hands of Love“ von 2018 wurde für seine düstere Mischung aus elektronischen Loops und analogen Klängen gefeiert.

Mit seinem neuen Album „Heaven to a Tortured Mind“ schließt Yves Tumor an den Vorgänger an, hat sich dabei jedoch auch hörbar weiterentwickelt: Die zwölf neuen Songs sind noch eine Spur rockiger und gitarrenlastiger, nicht selten machen sich auch warme Soul-Klänge bemerkbar. Vor allem aber scheint Yves Tumor aus dem Erfolg seines letzten Albums einiges an positiver Energie gezogen zu haben. Auf der neuen Platte klingt zwischen dem Krach eine romantisch-optimistische Stimmung hindurch, in der man sich auch an sonnigen Tagen leicht verlieren kann.

„Heaven to a Tortured Mind“ wirkt so, dem Titel entsprechend, wie Yves Tumors Geschenk an den bedrückten Teil seiner Fanbase. In Zeiten von Corona nimmt man das gerne entgegen.

Martin Pfingstl

Mystery Jets - „A Billion Heartbeats“

Album-VÖ: 03.04.2020

„Unite For Europe“, „Black Lives Matter“ und „Women’s March“ – das sind nur einige von vielen Protestzügen, die im Jahr 2017 durch das Londoner Zentrum gezogen sind. Blaine Harrison, Sänger und Songwriter von Mystery Jets, ließ sich von den Demonstrationen und den Stimmungen, die dort herrschen inspirieren und begann darüber ein Album zu schreiben.
„A Billion Heartbeats“ ist ein Protestalbum zwischen Wut, Angst und Hoffnung, das vom Rechtsschwung („Screwdriver“), über Frauenrechte („History Has Its Eye On You“) bis hin zur Privatisierung von Gesundheitssystemen („Hospital Radio“) alle Themen bedient, die ein aufmerksames Publikum im 21. Jahrhundert beschäftigen sollten.

Living in these changing times
Let's redesign how we co exist
They can't shame you if you fight
So join the line girl and resist
Always listen to both sides
Take pride and keep those fires lit

Song: „History Has Its Eyes On You“

Aber die Platte stimmt auch persönlichere Töne an, wenn es zum Beispiel ums Erwachsenwerden („Campfire Song“) und Heimat („Endless City“) geht.   All das trifft auf schwere Gitarren und leidenschaftliche Hymnen – ein Album, das zeigen soll, dass „Musik lauter ist als Worte“. 

Marie Jainta

Born Ruffians - „JUICE“

Album-VÖ: 03.04.2020

Das letzte Album der Band Born Ruffians ist jetzt etwas über zwei Jahre alt. Nun kommt ihr neuestes Werk und trägt den Titel „JUICE“. Mit 9 Titeln ist es zwar recht kurz, die damit einhergehende, sprichwörtliche Würze ist dabei aber nicht zu überhören. Keiner der Songs hält zurück, worum es geht. Der Song „Hey You“ beschäftigt sich mit romantischer Liebe? Dann wird ein Duett mit Kollegin Maddy Wilde gemacht. Bei unangenehmen Erinnerungen kriegt man eine sogenannte Cringe-Attack? Der Song „Breathe“ erinnert einen durch fast mantraartige Wiederholung des Titels daran, tief durchzuatmen.

Diese Themen sind untermalt von stimmigem und launigem Indie-Rock. Ab dem ersten Song ziehen sich Saxofon-Klänge mal mehr, mal weniger ausgeprägt durch das Album und sorgen beim Hören für eine Menge Spaß. Und abgerundet wird das Ganze durch die positiven Kompositionen des Albums, die einen mit einem breiten Lächeln zurücklassen.

Charlotte Peters

Acht Eimer Hühnerherzen - "album"

Album-VÖ: 27.03.2020

Wer bin ich, wo gehör' ich hin, und was mach ich hier eigentlich? Acht Eimer Hühnerherzen stellen auf ihrem zweiten Album “album” viele Fragen, ohne dem Zwang zu erliegen, auch Antworten geben zu müssen. Die Lieder, in denen es vor Allem um Ungewissheiten auf dem eigenen Lebensweg oder auch in der Liebe geht, kommen wie auf dem Vorgängeralbum im „Nylonpunk”-Sound daher – leiser, weniger verzerrt und entspannter als Rock, aber mindestens genauso mitreißend. Die akustische Version des klassischen Garagerock-Three-Piece liefert treibende Beats und Bassläufe und on top liefert Sängerin Apocalypse Vegas‘ rotzige Stimme wundersam komisches Wortgewurschtel und Melodien, die auch im Social Distancing hochinfektiös sind.

Lucas Schwarz

Pabst - „Skyline“

Single-VÖ: 31.03.2020

The city is no place for losers like us

Hinter dem Titel der dritten Single „Skyline“ der Indie-Rock-Band Pabst könnte man zwar zunächst Großstadtromantik vermuten, der Song ist aber das genaue Gegenteil davon. Darin beschreiben Pabst die ganzen kleinen Details, die ihre Stadt hässlich und verabscheuenswert machen – Müll, grelle Neonlichter, die Abscheu aller anderen vor den Außenseitern der Stadt. Untermalt wird das Ganze von einem Sound, der ein wenig nach Oasis mit mehr Edge klingt.

Das Musikvideo von Chris Schwarz zeigt niemand Geringeren als das Enfant terrible der deutschsprachigen Indieszene Drangsal, der als Cowboy durch die gentrifizierte Großstadt schleicht und dabei als Outlaw von Anzugträger*innen verfolgt und gejagt wird. 

Scott Heinrichs

Einstürzende Neubauten - „Ten Grand Goldie“

Single-VÖ: 03.04.2020

Fast pünktlich zum 40. Bandjubiläum sind die Industrial-Legenden von Einstürzende Neubauten rund um Frontsänger Blixa Bargeld zurück. Nachdem Fans in den letzten Tagen von der sonst so stillen Band bereits Instagram-Content en masse bekamen und die Gruppe die gesamte Diskografie auf allen Streamingdiensten zur Verfügung stellte, folgt nun die erste Singleauskopplung „Ten Grand Goldie”, die für Neubauten-Verhältnisse schon fast poppig rüberkommt und einer der zugänglicheren Songs der Band ist.

Dass Band und Fans seit 40 Jahren eine eingeschworene Gemeinschaft sind, wird auch durch den Entstehungsprozess des neuen Albums deutlich. Das finanzierten die Anhänger zum Großteil selbst via Patreon und Supporters Club. Einige Videoausschnitte zeigen Bargeld, wie er Fans um Textfetzen bittet, um sie in Texte für das neue Album einzubauen. Das wird „Alles in Allem” heißen und erscheint am 15. Mai.

Scott Heinrichs

PIPIMANE - „S-Bahn“

Video-VÖ: 01.04.2020

Zum Schluss noch eine Songempfehlung für alle selbstständigen Kräutergärtner*innen, die gerade in Quarantäne hocken: Der Rapper PIPIMANE hat ein Musikvideo zu seiner Ticker-Hymne „S-Bahn” veröffentlicht, die sich zuvor auf Soundcloud bereits zu einem Untergrund-Hit gemausert hatte. Das Video stammt dabei von den Jungs von Breitband, die unter anderem schon Videos für OG Keemo gedreht haben. Und das Video zeigt PIPIMANE nicht nur zuhause in Quarantäne, sondern sogar ganz vorbildlich mit Maske. Wer also Entzugsentscheinungen vom öffentlichen Personennahverkehr zeigt, dem sei „S-Bahn”  mehr als nur empfohlen.

Scott Heinrichs

 

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