Kunst und Kultur in Zeiten von Corona

Glück muss man haben

Die Kunst- und Kulturbranche ist mit am stärksten vom Lockdown betroffen. Von staatlicher Seite: Ein Dschungel an Unterstützungsprogrammen. Doch kommen die bei allen Kulturbetrieben an? Eine Gegenüberstellung.
Außenansicht Kunsthalle.Ost "The Sunny Side Up" von Julia Boehme
Kunst wird in den Öffentlich Raum verlagert. Aktuell zeigt die Kunsthalle.Ost "The Sunny Side Up" von Julia Boehme

Kulturinstitutionen sind geschwächt, einige Kunsträume bangen um Ihre Existenz. Programme zur Förderung und Unterstützung von staatlicher Seite gibt es mittlerweile viele. Fast schon zu viele. Leicht verliert man den Überblick, welche Maßnahme für die eigene Arbeit greift.

Die Kunst- und Kulturbranche kann einerseits durch die Kulturförderung, andererseits durch die Wirtschaftsförderung vom Staat unterstützt werden. (Kleine) Kunsträume haben es so oft noch schwerer, denn die meisten Angebote sind Programme zur Wirtschaftsförderung. Damit sind sie an Bedingungen wie Umsätze, oder Betriebskosten gebunden, die bei kleineren Institutionen entfallen. Dieses Problem hat das Land Sachsen versucht mit dem Programm „Härtefälle Kultur“ zu lösen. Kunst- und Kulturschaffende können bis zu 10.000 (in Ausnahmefällen bis zu 50.000) Euro beantragen, um zahlungsfähig zu bleiben. Dafür müssen sie nachweisen, dass sie durch Corona Einbußen erlitten haben oder mehr Geld, zum Beispiel für Hygienekonzepte, ausgeben müssen. Auch für laufende Kosten wie die Miete eines Ausstellungsraums kann Hilfe beantragt werden. „Das ist schon recht schlau gedacht“, sagt Katja Großer, von KREATIVES SACHSEN.

Hilfe für Kulturschaffende

Die Organisation Kreatives Sachsen wurde 2017 von Kreativunternehmer:innen selbst zur Stärkung der Branche ins Leben gerufen. Sie beraten, unterstützen und vernetzen Kunst- und Kulturschaffende in ganz Sachsen. Getragen wird das Projekt KREATIVES SACHSEN vom Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen, gefördert wird es vom Freistaat Sachsen. Aktuell bietet Kreatives Sachsen auch Corona-Sprechstunden für Kunst- und Kulturschaffende an, in denen zu den Hilfsprogrammen im Einzelfall beraten wird.

Vom Land Sachsen gibt es außerdem seit August 2020 die „Kulturmilliarde“ – eine Milliarde Euro zur Kulturförderung. Damit sollen zum Beispiel Hygienekonzepte umgesetzt werden, um Kultur in Zeiten von Corona zu ermöglichen. Inzwischen wurden damit über 60 Projekte gefördert.

Als Magnet für Kreative hat die Stadt Leipzig ebenfalls einige Förderprogramme aufgesetzt. Mit dem digitalen Kleinprojekt Fond konnten Kunst- und Kulturschaffende der Stadt bis zu 1.500 Euro für digitale Projekte wie etwa eine virtuelle Ausstellung beantragen. Außerdem gab es ein Stipendienprogramm der Stadt, von dem aber nur etwa 50 Künstler:innen profitierten. 

Das war schön schnelle Hilfe, aber natürlich überhaupt nicht nachhaltig.

Katja Großer, Kreatives Sachsen

Im Jahr 2021 stehen vorbehaltlich rund 10 Millionen Euro im Haushalt der Stadt Leipzig für die Förderung gemeinnütziger sowie kulturell-künstlerischer Einrichtungen und Projekte zur Verfügung. Doch kommen die bei den Kulturbetrieben an?

“Wir haben Glück gehabt.” 

Das Museum der bildenden Künste in Leipzig (MdbK), eines der größten Ausstellungshäuser Deutschlands, hat ein entscheidendes Privileg. Träger des Museums ist die Stadt Leipzig, weshalb sich keine:r der Mitarbeitenden mit existenziellen Problemen konfrontiert sehen musste.

Wie für jede kulturelle Institution entstanden pandemie bedingt unerwartete Kosten durch die Entwicklung neuer digitaler Formate und Hygienemaßnahmen. Hier profitierte das MdbK vom Neustart-Programm. Neben der Stadt und Neustart Kultur sind es Stiftungsgelder, welche die Realisierung von Ausstellungen ermöglichen.

Jörg Dittmer, Leiter der Pressestelle des MdbK, zeigt sich erfreut über die Flexibilität der Stiftungen. Das MdbK habe die gewöhnlich an einen zeitlichen Rahmen gebundenen Mittel problemlos in die Zukunft transportieren können dürfen.

Insofern haben wir Glück gehabt, das geht aber nicht allen Museen und Kulturinstitutionen so.

Jörg Dittmer, Leiter der Pressestelle MdbK

Und im kleinen Raum?

Garnicht fern von den 10.000 m2 Ausstellungsfläche des MdbK wird Kunst auf 10 m2 gezeigt.

Die Kunsthalle.Ost im Leipziger Südosten existiert seit Anfang 2020 und hat seit Sommer ein kontinuierliches Ausstellungsprogramm. Betrieben wird die Kunsthalle von vier hauptsächlich ehrenamtlichen Künstler:innen. In ihrem Ausstellungsraum an der Riebeckstraße werden jährlich sechs bis sieben Projekte gezeigt.

Kunsthalle Ost, Innenraum Bilder Julia Boehme
Die Kunsthalle.Ost zeigt aktuell die Ausstellung der Künstlerin Julia Boehme.

Mit fehlenden Veranstaltungen, bleiben auch Besucher*innen und damit Spenden aus, sodass die Kunsthalle.Ost, auf Förderung und Hilfen angewiesen ist. Bei den staatlichen Corona-Hilfen fällt die Kunsthalle, nach Aussage von Hannes Uhlenhaut, einer der Gründer*innen, aber durch jegliche Raster, da sie weder ein Verein noch anderweitig unternehmerisch organisiert sind und es sich bei ihrer Arbeit hauptsächlich um ein privates Ehrenamt handelt. Immerhin werden sie von Stipendien der Stadt und mittlerweile auch vom Freistaat Sachsen unterstützt. Trotzdem sei es nie leicht gefördert zu werden, sagt Uhlenhaut: „Da hatten wir Glück.“ Neben diesen Hilfen fließt auch viel eigenes Geld in die Arbeit.

Alternative Ausstellungskonzepte

Trotz Lockdown arbeitet das Team der Kunsthalle.Ost weiter und entwickelt, wie viele andere auch, Konzepte, um den Kunst auch in dieser Zeit zugänglich zu machen. Zeitweise waren Besichtigungen mit vorheriger Anmeldung möglich. „Da fehlen aber ganz viele Aspekte einer Ausstellung“, betont Uhlenhaut. So sind Künstler*innen und Veranstalter*innen nicht wie bei einer Vernissage direkt ansprechbar, wodurch auch die soziale Funktion eines Kunstraums verloren geht. Um den Leuten trotzdem Kunst zu präsentieren, plakatiert die Kunsthalle das Fenster neben der Eingangstür. Aktuell ist dort „The Sunny Side Up“ von Julia Boehme zu sehen. Das sei auch bereits vor dem Lockdown eine Idee gewesen, da man den Ausstellungsraum von der Außenwelt abgrenzen wollte. Außer dem Plakat beschränken sich die Möglichkeiten der Kunsthalle aktuell stark auf soziale Medien. „Das ist natürlich sehr unbefriedigend“, sagt Uhlenhaut. 

Auch das Museum der bildenden Künste musste die geplanten Ausstellungen pandemie bedingt anpassen und neue Ausstellungskonzepte ins Leben rufen. So entstanden laut Jörg Dittmer etwa das Videotalk-Format MdbK insights, welche das Museum ganz bewusst in den Schließungsphasen einsetzte. Mit dem Instagram-Format MdbK outside stellt das Museum Kunstwerke aus der Sammlung im öffentlichen Raum vor. Viele dieser Formate seien aber nicht nur Notlösungen wegen Corona und hätten ihre Berechtigung. „Wahrscheinlich auch weiterhin, wenn wir wieder ein offenes Haus sind, wo sie dann eine Ergänzung des analogen Betriebs sein sollen.“, so Dittmer.

Aktuell wird die Stadt zum Ausstellungsraum. Mit „Citylights” zeigt das MdbK Reproduktionen von Gemälden aus seinen Sammlungen auf Plakatflächen.

 

Anstatt des Audioguides im Museum, ist zu jedem Gemälde ein Hörstück online abrufbar. Es sei wichtig, den Kontakt zwischen Museum und den Bewohner*innen Leipzigs zu erhalten, so Dittmer.

 

Also ab und zu ein Zeichen zu senden. Da gehört jetzt natürlich auch diese Plakatkampagne dazu, wo wir fünf Gemälde für drei Wochen zu den Menschen bringen - bis dann irgendwann die Menschen wieder zu den Gemälden kommen können.

Jörg Dittmer, Leiter der Pressestelle MdbK

In Zukunft: Ist das Kunst oder kann das online?

Die Wiedereröffnungen kultureller Institutionen und kleiner Kunsträume werden zwangsläufig mit starken Hygieneauflagen verbunden sein. So würden alle Formate des sozialen Austauschs, etwa  Vermittlungsprogramme, Gespräche und Führungen schwierig bleiben und vorerst nur online stattfinden, erzählt Dittmer. Das Digitale sei auch abseits von Corona eine wichtige neue Kommunikationsplattform der Museen. Onlineausstellungen werden sich wohl auch nach Corona etablieren, meint Uhlenhaut. „Diese werden aber niemals das live Kunsterlebnis ersetzen können.“

 

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Förderprogramme auf einen Blick:

 

"Härtefall Kultur"

Das Förderprogramm wird vom Land Sachsen gestellt, gilt für Kunst- und Kulturschaffende und beinhaltet eine Liquiditätshilfe. Bedingung: Es muss ein Nachweis vorgelegt werden, der beweist, dass durch die Corona-Zeit Einbußen entstanden sind. Die Fördersumme kann bis zu 10.000€, in Härtefällen bis zu 50.000€, betragen. Um die Förderung zu erhalten, muss selbständig ein Antrag gestellt werden.

"Neustart Kultur"

Das "Neustart Kultur" Programm (aktuell schon ausgelaufen) wurde vom Bund gestellt und unterstützte Ausstattungs- und Umbaumaßnahmen.

"Kulturmilliarde"

Die Kulturmilliarde bezeichnet den Förderprogrammkomplex des Bundes "Neustart Kultur" (von der Beauftragten für Kultur und Medien). Innerhalb dieses Komplexes existieren ca. 60 Teilprogramme, darunter auch für Clubs, Theater etc.
Aktuell läuft das Förderprogramm der Kulturmilliarde noch, soll aber mit nochmal um eine Milliarde aufgestockt werden.