CD der Woche

Gleichberechtigung mit Retroschick

Hey, eigentlich ist doch total egal, ob jemand einen Pullermann oder 'ne Mumu hat. Das haben sich auch of Montreal gedacht. In ihrem neuen Album Innocence Reaches besingen sie in tanzbarer Manier, dass wir doch alle gar nicht so unterschiedlich sind.
of Montreal
Schmeißen sich auch mal in Schale: Die Band of Montreal

Jeder kennt diesen einen Typen, ob man ihn jetzt auf der Party getroffen hat oder er/sie Teil des eigenen Freundeskreises ist. Dieser eine Typ, der behauptet Musik ist seit dem Zeitraum x/y einfach nicht mehr besser geworden, oder „alte Band x/y“ hat eigentlich schon alles über Musik gesagt, was gesagt werden muss. Kevin Barnes, der Sänger der amerikanischen Band of Montreal, ist wahrscheinlich genau diese Art von Typ. Of Montreal sind schließlich dafür bekannt, sich ganz gerne Mal in vergangenen Musikepochen zu bedienen. Mit der Einstellung scheinen sie auch eine Zeit lang ganz gut gefahren zu sein, allerdings haben ihre letzten beiden Alben bei Kritikern und Fans eher ein verwirrtes „hä?“ ausgelöst. Doch auf „Innocence Reaches“ sollte jetzt alles anders werden. Wahrscheinlich hat Barnes in der Zwischenzeit 30 Jahre Popmusik nachgeholt, denn mit dem Album wollte er einen Schritt auf Musikgenres wie EDM zugehen.

80er Jahre Retrofimmel

Und tanzbar hört sich das Album auf jeden Fall an. Für den Sound von dem Album haben of Montreal auch ordentlich in der Retro Kiste gekramt. Da wunderts auch nicht, dass man sich bei dem ein oder anderen Song so ein bisschen an David Bowie oder Prince erinnert, schließlich ist dieser 80er Jahre Sound ja gerade so ein bisschen in Mode. Auch bei of Montreal ist das jetzt nicht unbedingt originell, allerdings hört sich das Album deshalb auf keinen Fall belanglos an. Im Gegenteil: Man muss sich ein paar Songs wirklich ein paar Mal anhören bevor es Klick macht. Songs wie Ambassador Bridge beispielsweise kommen da zuerst mit einem funky Discoriff um die Ecke, hauen einem dann aber eine eher melancholische Strophe um die Ohren.

 

Ein Stück Emanzipation

Auf dem Album geht es viel um Identität und Selbstwertgefühl. Kevin Barnes geht auch ganz gerne mal in Drag auf die Bühne. Im Opener des Albums „Let’s Relate“ wird immer wieder danach gefragt, wie man sich identifiziert. Als Antwort darauf kommt, dann immer wieder „talk to me“ und im Refrain schließlich:

Amalgam, I think that you're great, let's relate
I already like you, I like that you like you, I think that you're great, I want to relate

 

Auch im Video zur ersten Single „It’s Different For Girls“ hat sich der Barnes in Frauenklamotten in Schale geworfen. Auch die Lyrics lassen einen gewissen gesellschaftskritischen Touch durchscheinen. In dem Song geht es recht offensichtlich um die Unterdrückung der Frau.

It's different for girls
From when they are children
They're depersonalized
Aggressively objectified

 

Die Trennung von seiner Frau ist ein weiteres zentrales Thema auf dem Album. Ein Großteil der Songs sind ihr gewidmet. In recht harschen Tönen besingt Barnes den Umgang seiner Exfrau mit ihrer Trennung.

I think you're just looking for a reason to go off the rails, start another bender

To wound yourself, though it's never critical

 

You called me two weeks later to get some sort of closure

So you wouldn't have to feel like such a pig

 

Fazit

Innocence Reaches ist ein Flirt mit dem EDM, oder zumindest, was sich Pitchfork Hipster unter EDM vorstellen. Tanzbar ist der Sound des Albums auf jeden Fall, allerdings würde man die Songs wohl eher nicht in der Disco zwischen David Guetta und Co finden. Dafür sind viele Songs auf dem Album einfach zu sperrig und brauchen zu lange bis sie sich im Ohr festsetzen. Dafür sind die Lyrics ein richtiger Hinhörer und regen einen doch bei jeden Mal Durchhören zum Nachdenken an. Wer allerdings Bock auf ein Album voller tanzbarer Songs hat, bei denen man sich trotzdem nicht für die Lyrics schämen muss, kann bei Innocence Reaches ruhig zugreifen.

 

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Heinrich Jakunin
16.08.2016 - 13:21
  Kultur

of Montreal: Innocense Reaches

Tracklist:

1. Let's Relate*

2. It's Different For Girls*

3 Gratuitous Abysses

4. My Fair Lady

5. Les Chants De Maldoror

6. A Sport and a Pastime

7. Ambassador Bridge

8. Def Pacts*

9. Chaos Arpeggiating*

10. Nursing Slopes

11. Trashed Exes

12. Chap Pilot

 

Anspieltipps*

Erscheinungsdatum: 12.08.2016
Polyvinyl Record Co.