Rotes Sofa: Alex Raack

Gladbach-Fan in der DDR

Eine alte Fußball-Weisheit lautet: Man sucht sich seinen Verein nicht aus. Wolfgang Großmann hat Pech gehabt, er ist Gladbach-Fan. Warum Pech? Er lebt in der DDR. Ein Sachbuch über die große Liebe.
Redakteur Nico van Capelle im Gespräch mit Autor Alex Raack.
Redakteur Nico van Capelle im Gespräch mit Autor Alex Raack.

Ein Satz von Wolle reicht, um zu verstehen, was Gladbach für ihn bedeutet hat: Freiheit.

Ich habe die DDR doch nicht verlassen, weil mir die Wurst nicht schmeckte – sondern weil ich auf den Bökelberg wollte.

Wolfgang Großmann

Amen. Wolfgang Großmann gibt es wirklich. Man kann ihn angucken, auf YouTube zum Beispiel. Die Interviews hat Alex Raack geführt, er arbeitete unter anderem für das Fußballmagazin 11Freunde. Und – um das stilistische Fazit vorweg zu nehmen – das merkt man auch. Das Buch "Wolle" ist irgendwas zwischen Interview und Magazin-Reportage. In Teilen ist es sogar als Artikel bei 11Freunde zu lesen. Aber das ist wirklich nicht das Interessante an dem Buch, deshalb schnell zum Inhaltlichen.

Wolle, Wolle, Wolle

Wolles Geschichte ist beeindruckend. Als Fußballfan eines West-Clubs in der DDR hatte man es sicher nicht leicht, Wolle hatte es aber besonders schwer. Er machte aus seiner Liebe zu Borussia Mönchengladbach kein Geheimnis, rannte schon als Jugendlicher mit Raute im Herzen und auf der West-Jeans-Jacke rum, gründete einen Bundesliga-Fanclub in der DDR und verprügelte andere.

Hups, er verprügelte Leute? Und wie! Er war neben Gladbachfan auch Hooligan, rechts und Fußball war auch in der DDR sein Stückchen Freiheit, da konnte er mal alles rauslassen. Bis er rausgelassen wurde, aus der DDR. Nach mehreren Ausreiseanträgen, Stasi-Verhören und IMs, die auf ihn angesetzt wurden, ließ man ihn und seine Familie 1984 ausreisen. Endlich frei und auf dem Bökelberg war dann natürlich doch nicht alles perfekt.

Der Artikel bei 11Freunde heißt übrigens "Wie ein glühender Gladbach-Fan zum Staatsfeind wurde", und das ist der wirklich interessante Teil des Buches. Als der Staatsfeind dann nicht mehr im Staat war, spätestens als es den Staat nicht mehr gab, verliert das Buch an politischer Brisanz. Das ist aber gar nicht so schlimm. Wolle erzählt weiter aus seinem Leben und damit von seiner Liebe zu Borussia Mönchengladbach, und die ist so wahrhaftig, so ehrlich und damit mitreißend, dass man ihr auch ohne DDR-Überbau gerne folgt. Spätestens als er gegen Ende mit Autor Alex Raack den Borussiapark besucht, hat man vergessen, dass er eigentlich ein Dynamo-Hool ist oder zumindest war.

Fazit? Ein sehr geschmeidig geschriebenes Buch über einen Menschen, dessen Geschichte einfach so gut ist, dass es sträflich gewesen wäre, sie nicht aufzuschreiben. Ach ja, und wenn Sie sich jetzt die ganze Zeit gefragt haben, ob das Buch auch für nicht-Gladbacher interessant ist: JA!

Nico van Capelle hat auf der Leipziger Buchmesse mit Alex Raack gesprochen. Im Interview geht es – kurz und knapp gesagt – um Fußball, Altbier und die Stasi. Und darum, wer vor der Stasi "gekuscht" und wer Zähne gezeigt hat:

Redakteur Nico van Capelle im Gespräch mit Autor Alex Raack.
1603 Alex Raack
 

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