Frisch Gepresst: Katie Von Schleicher

Getriebene Schönheit

Drei Jahre nach ihrem Debüt „Shitty Hits“ meldet sich Katie Von Schleicher mit einem neuen Album zurück. Das trägt den Titel „Consummation“ und ist thematisch schwere Kost verpackt in charmantem Indierock.
Katie Von Schleicher
Katie Von Schleicher

Dass popkulturelle Phänomene Musiker gerne mal beim Schreiben beeinflussen, ist nichts neues. Genau das ist auch der Fall bei „Consummation“. Katie Von Schleicher hat sich für die Platte von Alfred Hitchcoks Filmklassiker „Vertigo“ inspirieren lassen. Laut eigener Aussage hat sie einen bisher kaum analysierten Subtext in dem Film erkannt. Das Thema: Missbrauch in Beziehungen. Das berührte sie, denn diese Thematik ist ihr nicht fremd, hat sie doch persönliche Erfahrungen damit gemacht. Und so ist genau das die Grundlage für „Consummation“. Dabei geht Von Schleicher textlich nicht ins Detail, es geht viel mehr um die Stimmung, die sie erzeugen will. Die Diskrepanz zwischen Musik und Texten ist dabei der Grund, warum das Album so spannend ist.

 

Der Ernst des Lebens

„Consummation“ ist gelinde gesagt bedrückend – zumindest textlich. Denn Von Schleicher arbeitet sich nicht nur durch das Thema Missbrauch, sondern auch den Zerfall von Beziehungen, sowohl romantisch als auch freundschaftlich, und sie macht es weder sich selbst noch dem Zuhörer einfach. Die Texte zerren an einem, man fühlt den Ernst, mit dem Von Schleicher sie geschrieben hat. Bereits die ersten Zeilen des Openers „You Remind Me“ bereiten darauf vor, dass man hier eine eher schwierige Reise vor sich hat.

 

One hand and my teeth on the cage
We were wrong in this together
Funny, like you fell out of rage
You're a wrong hand making gestures

Katie Von Schleicher - "You Remind Me"

Man spürt, wie persönlich „Consummation“ für Katie Von Schleicher wirklich ist. Das ist nicht weiter überraschend. Schon beim Vorgänger „Shitty Hits“ warf Von Schleicher einen sehr genauen Blick auf zerbrochene Beziehungen und Depression. Dieser Blick wurde auf „Consummation“ noch verstärkt, fast fühlt es sich an, als hätte Von Schleicher diesmal eine Lupe benutzt, um all das noch genauer und detaillierter zu betrachten. Das Gefühl der Melancholie, des Verlorenseins, der Einsamkeit, der Wut – alles fühlt sich fast schon übermächtig an.

 

I hate this empty room
I let the air come in
And it when it fills me up
I'll be lonely again

Katie Von Schleicher - "Nowhere"

Von Schleicher trägt ihre Texte meist mit einer dünnen, fast zerbrechlichen Stimme vor, so dass man das Gefühl hat, ihr gegenüber zu sitzen, während sie einem ihr Leid klagt.

 

Musikalische Entlastung

Dagegen wirkt die musikalische Untermalung der Texte zum Teil fast schon höhnisch. Denn all diese Spannungen und Gefühle sind verpackt in poppigen Indierock. Zwar versucht Von Schleicher nicht, mit der Musik gute Laune zu erzeugen. Viel mehr nimmt die Musik den Texten die Schärfe und Härte und macht so den Schmerz erträglich. Manchmal kann Von Schleicher ihn nicht ganz zurückhalten, dann wird die Musik schwerer, düsterer. Aber die Melodien und die Instrumentierung schaffen es eine Art fröhliche Melancholie zu erzeugen. Es gibt zwar Songs wie „Can You Help?“, die ein wenig flachfallen. Dem stehen dann aber Songs wie „Messenger“ gegenüber, die fast schon hymnisch sind. Aber die Mehrheit der Tracks besticht durch diese traurige Schönheit.

 

Bemerkenswert ist, dass die Songs zum Teil sehr kurz sind. Es gibt Tracks, die im Grunde nur aus sich wiederholenden Textzeilen bestehen. Auch das hilft Von Schleicher, zu unterstreichen, was sie sagen will. Dabei fühlen sich die Songs aber nicht zu kurz an. Viel mehr nutzt sie diese Kürze, um den Zuhörenden ihre Gedanken wirklich klar zu machen. Dabei tritt die Musik häufig in den Hintergrund, denn der Fokus auf die Texte gibt nicht wirklich den Freiraum für musikalische Experimente. Das ist die große Schwäche des Albums. So klingt „Consummation“ zumindest musikalisch nicht besonders aufregend oder neu. Wenn man die Texte ignoriert, dann wird die Musik zur Hintergrundberieselung.

 

Fazit

„Consummation“ ist spannendes Album. Obwohl Texte und Musik von der Stimmung her Welten von einander entfernt sind, ergänzen sie sich gegenseitig gut. Katie Von Schleicher zeigt, dass schwermütige Texte nicht in schwermütige Musik verpackt werden müssen, um ihre Wirkung voll zu entfalten. Denn die Diskrepanz zwischen diesen beiden Aspekten kann ebenfalls sehr viel aussagen. Und wem das alles zu düster und komplex wird, der kann sich einfach zurücklehnen und sich von der Musik berieseln lassen.

 

 

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Katie Von Schleicher: Consummation

Tracklist:

1. You Remind Me

2. Wheel

3. Nowhere

4. Caged Sleep

5. Messenger

6. Loud

7. Strangest Thing

8. Can You Help?

9. Brutality

10. Hammer

11. Power

12. Gross

13.  Nothing Lasts

Erscheinungsdatum: 22.05.2020
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