Stadt teilen: Altlindenau

"Gerade, dass da gar nichts ist!"

Lindenau wandelt sich: der Stadtteil zieht Kreative, Studierende und Lebenskünstler an, gleichzeitig verschwinden immer mehr Freiräume. Die Folgen für das Lebensgefühls spürt besonders die dortige Kulturszene.
Hinter diesem Tor verbirgt sich eines der jüngeren Theater Leipzigs
Hinter diesem Tor verbirgt sich eines der jüngeren Theater Leipzigs

 Die Lützner Straße in Lindenau. Stadtauswärts auf der linken Seite lässt sich hier ein unscheinbarer Toreingang entdecken. Im Innenhof verborgen liegt dahinter das Neue Schauspiel. Markus Czygan hat diese Spielstätte vor etwas mehr als fünf Jahren mitbegründet.

Gentrifizierung in Lindenau - ein Beitrag von Maximilian Enderling

Er hat den Wandel Lindenaus in den letzten Jahren auf eine ganz besondere Weise erlebt. Geboren und aufgewachsen ist er in Bayern. Dort ist er vom Schreinern zur Bühnenbildnerei und schließlich zur Regie gekommen. Er wirkt glücklich, zur richtigen Zeit den Schritt in das boomende Leipzig gewagt zu haben.

Klar kriegst du ja auch immer noch irgendeine Fabrik mit 5000 Quadratmetern, die irgendwo vor sich hin fault. Aber das ist ja unmöglich da zu investieren - da braucht man schon einen riesigen Investor hinten dran. Also so etwas in der selben Größenordnung wie hier, das war damals schon auch nicht mehr einfach und ich glaube, jetzt ist das Thema wirklich durch. Da findest du hier auch nichts mehr.

Markus Czygan, Betreiber des Neuen Schauspiels

Seine Spielstätte fand er in einer ehemaligen Druckerei – ein Glücksfall. Heute ist sie einer der vielen Kulturorte des Viertels. Regelmäßig stellen dort beim „Westslam“ Poeten ihre Texte vor, es finden Theaterprojekte und Konzerte statt. Markus Czygan erklärt sich den Erfolg des Neuen Schauspiels ganz simpel.

Wir hatten ein gewisses Konzept und haben uns gedacht: So etwas in der Art gibt es so hier eigentlich nicht, vor allem nicht im Westen. Lasst uns das ausprobieren! Und wir haben im Laufe der Jahre einfach gemerkt, dass das, was mir machen hier bisher definitiv gefehlt hat!

Markus Czygan, Betreiber des Neuen Schauspiels

David Horsters ist Bühnenbildner am Neuen Schauspiel. Seit acht Jahren wohnt er nun in Lindenau. Er sieht die Veränderung in seinem Kiez in letzter Zeit vor allem kritisch.

Naja, es gibt ganz viel jetzt dieses Immobilienmanagement, wo die Leute versuchen mit einem grünen Gesicht einen auf „alternativ“ zu machen – was man gerade im Stadtgarten unglaublich gut sieht, wo ein Drittel der Fläche jetzt zubetoniert werden soll und das Ganze sich „Gartenquartier“ nennt. Das ist ein ganz klarer Gesichtsverkauf!

David Horsters, Bühnenbildner

Ein anderes Beispiel: das historische Kaufhaus Held in der Merseburger Straße. Nach der Enteignung der jüdischen Erbauer im Dritten Reich wurde es in der DDR zum „Centrum Warenhaus“. Die Lindenauer Einwohner nannten es jedoch inoffiziell weiter nach den Gebrüdern Held. In den Jahren des Leerstands nach der Wende wurde es eine Weile für Ausstellungen genutzt. Bis 2018 sollen dort nun 50 Wohnungen entstehen. Auch im angrenzenden Plagwitz ist für David Horsters der Wandel stark zu spüren.

Auch das Jahrtausendfeld soll mit einer Schule bebaut werden, was ja erst mal schön und gut ist. Ich finde es dennoch genau so schade dass einfach eine wahnsinnig große Freifläche, die für mich sehr wichtig ist  – auch wenn da gar nichts ist, oder gerade weil da garnichts ist – damit sterben wird.

Trotzdem genießt er es in einem Stadtteil zu wohnen, wo es einem leicht gemacht wird, sich zuhause zu fühlen. Ganz abgesehen vom großen Kulturangebot natürlich.

Dass alles auch von den Leuten her nicht so gemacht ist und nicht so aufgesetzt. Dass man auch auf der Straße ziemlich schnell ziemlich viele Leute im Viertel kennt und auch ganz normal mit der Frau im Tabakladen über Gott und die Welt redet.

Doch mit dem kleinstädtischen Charme könnte es bald vorbei sein. Die Bevölkerung des Viertels ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Der Betreiber des Neuen Schauspiels sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen.

Mit Sicherheit wird die Gentrifizierung hier noch zunehmen, da bin ich mir ganz sicher. Das ist nun mal nicht aufzuhalten. Und das ist auch eine ganz normale Stadtentwicklung!

Markus Czygan, Betreiber des Neuen Schauspiels

 

Kommentieren

Hervorgegangen ist Lindenau aus einem vor rund 1000 Jahren gegründeten Bauerndorf. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte es sich zum erfolgreichen Fabrikstandort und wurde zunehmend proletarisch geprägt. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein blieb es zusammen mit dem benachbarten Plagwitz eines der wichtigsten Industriegebiete Mitteldeutschlands. Seit dem Ende der DDR war der Stadtteil allerdings vor allem von Verfall geprägt. Seit einigen Jahren zieht Lindenau vor allem junge Kreative und Lebenskünstler an.