Musik-Highlights: KW17

Gelüftete Geheimnisse und Alpenpanorama

Eine neue Quarantäne-Woche ist vorüber und das bedeutet unsere Musikredaktion hat sich wieder mit ganz viel neuer Musik beschäftigt und die besten Releases herausgepickt. Willkommen zu den Musikhighlights der Woche!
Die Musikhighlights dieser Woche
Die Musikhighlights dieser Woche

Frisch Gepresst: Unser Album der Woche ist „SAWAYAMA“ von Rina Sawayama. Die Rezension gibt es hier.

Fiona Apple – „Fetch the Bolt Cutters“

Album-VÖ: 17.04.2020

Fiona Apple gehört zu jener Art von Künstlerin, die das große Rampenlicht bewusst zu meiden scheint.

Als sie 1996 im Alter von 19 Jahren mit ihrem Debüt-Album „Tidal“ und der dazugehörigen Hit-Single „Criminal“ durchstartete, wurde sie als eine Art Pop-Wunderkind gefeiert. Legendär wurde ihre Rede bei den MTV-Video-Music-Awards, mit der sie der Oberflächlichkeit des Musik-Business den Mittelfinger zeigte.

Sämtliche künstlerischen Entscheidungen, die die Amerikanerin seither getroffen hat, waren eine bewusste Absage an den Kommerz. Ihre Alben wurden immer sperriger, mit unglaublich langen Titeln, ihr Veröffentlichungsrythmus immer länger. Trotzdem, oder gerade deswegen, steigerte sich ihr Ansehen bei eingeweihten Musikfans immer weiter.

Mit „Fetch the Bolt Cutters“, dem ersten Fiona Apple Album seit 2012, setzt die eigensinnige Künstlerin nun ein weiteres Ausrufezeichen. Ihre Musik ist roher als je zuvor, wobei Apples Stimme und Klavier-Spiel häufig von polternder Percussion begleitet werden. Ihre Texte sind intim und ungeschminkt, und schrecken auch vor Themen wie psychischer Instabilität oder Missbrauch nicht zurück. Fiona Apples Vortrag ist mal stoisch, mal verspielt, dann wieder druckvoll und mit viel Wut im Bauch. So entsteht ein vielschichtiges Werk, irgendwo zwischen Singer-Songwriter, Jazz und Art-Pop. „Fetch the Bolt Cutters“ ist ein großes Statement, dem man auch nach zahlreichen Höhrdurchläufen noch neue Facetten abgewinnen kann.

Martin Pfingstl

Bright Eyes – „Forced Convalesence“

Single-VÖ: 21.04.2020

An dieser Stelle haben wir erst vor drei Wochen über die neue Single „Persona Non Grata“ von Bright Eyes geschrieben. Nachdem man neun Jahre nichts von der Band um Conor Oberst gehört hatte, liefern sie uns jetzt mit „Forced Convalesence“ bereits den zweiten Track von einem neuen Album, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Darauf singt Oberst mit gewohnt zerbrechlicher Stimme über seinen eigenen Lebensüberdruss, Existenzängste und hofft, dass die Zukunft mehr für ihn bereithält.

I’m not afraid of the future
Have to suffer and repeat
I tend to agree
What happens will be
Pain of my own making
Cut short by eternity

Dazu kommen gospelige Backing Vocals und ein beschwingter Sound, der für Bright Eyes Verhältnisse geradezu fröhlich klingt. Auf das Album darf man also auf alle Fälle gespannt sein.

Marie Jainta

Florence + The Machine - „Light of Love“

Single-VÖ: 17.04.2020

Florence Welch liebt ihre Fans sehr und gibt sich immer viel Mühe, dies verständlich zu machen. Obwohl die Fanliebe von vielen MusikerInnen beteuert wird (und bei den meisten sicherlich zu recht), nimmt sie die Sache so ernst, dass man ihr auch glaubt: Gemeinsam mit zwei Fans betreibt sie seit acht Jahren einen Buchclub; sie beschreibt in Essays und Interviews immer wieder, wie der Austausch mit ihrer Fangemeinde ihr beim Kampf gegen Alkohol- und Drogenprobleme geholfen hat und selbst auf Stadientourneen verschwindet sie nach dem Konzert nicht direkt im Backstage, sondern im Bühnengraben – wo sie solange Umarmungen und Unterschriften verteilt, bis die Security sie fast wegtragen muss.

Die Engländerin ist so volksnah, wie sie es als Weltstar nur sein kann und versteht ihre Karriere als Symbiose, die nur durch und mit anderen funktionieren kann. Diese Botschaft will sie auch während der Coronakrise vermitteln: Vergangene Woche veröffentlichten Florence + the Machine überraschend den Song „Light of Love“. Dieser sollte ursprünglich auf ihrem letzten Album landen, verstaubte dann aber als verworfene Demo. Nun hat die Band ihre Meinung geändert und will die Single nutzen, um einerseits an Mut und Zusammenhalt in schweren Zeiten zu plädieren, aber auch um mit den Einnahmen das Personal auf Intensivstationen zu unterstützen.

Ariane Seidl

Joji – „Gimme Love“ 

Single-VÖ: 16.04.2020

Wenn Menschen im Rampenlicht auch noch anfangen Musik zu machen, klappt das nicht immer gut. George Miller, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Joji (ehemals auch Filthy Frank oder Pink Guy) ist einer von denen, bei dem es funktioniert hat. Nach einer erfolgreichen Youtube Karriere konzentrierte sich der US-Amerikaner mit australisch-japanischen Wurzeln komplett auf seine Musikkarriere und schaffte es mit seinem Debütalbum „Ballads 1“ unter anderem die Billboard RnB/HipHop Charts zu erklimmen. Zwei Jahre später ist nun das nächste Werk in Arbeit: Seine neue Platte „Nectar“ erscheint im Juli.

Mit „Gimme Love“ veröffentlicht Joji nun die dritte Singleauskopplung des kommenden Albums. Was mit Lo-Fi Beats und Snares beginnt, endet in einem orchestralen Finale. Der Titel klingt poppiger und aufgeregter als die Vorgänger-Singles „Run“ und „Sanctuary“. Mit dem Musikvideo zu "Gimme Love" knüpft Joji an das Weltraumthema der Videos zu den vorherigen Singles an. Joji spielt hier einen Raumfahrttechniker, dessen größter Wunsch es ist, selbst einmal ins All zu fliegen.

„Gimme Love“ erzählt die Geschichte unerwiderter Liebe und ist ein weiterer Vorbote für ein Album, auf das man sich freuen darf.

Lina Kordes 

Jamie XX - „Idontknow“

Single-VÖ: 15.04.2020

Überraschungen - die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Eine ganz besonders gute gab es vergangene Woche von Jamie XX. Der britische Musikproduzent veröffentlichte seine brandneue Single „Idontknow“ und bekannte damit Farbe. Denn schon vor dem offiziellen Release war der Track in diversen Clubs zu hören gewesen. Unbekannt war zu diesem Zeitpunkt nur der Urheber. Als geheimes „Pre-release“ hatte Jamie XX „Idontknow“ nämlich schon befreundeten DJ's zugespielt, die den Track dann in ihre Live-Sets einbauten.Einen besseren Auftritt hätte es kaum für die lang ersehnte Single geben können. Seit seinem zweiten Album „In colour“ 2015 ist „Idontknow“ das erste Release des Produzenten. 

Anders als seine bisherige Arbeit treibt „Idontknow“ das Publikum förmlich über die Tanzfläche. Über fünf Minuten baut Jamie XX die Dynamik des Tracks immer weiter auf, der schließlich in hypnotisierenden Vocals gipfelt. Das macht richtig Spaß. 

Hannan El Mikdam-Lasslop

AWOLNATION – „Angel Miners & The Lightning Riders“

Album-VÖ: 24.04.2020

Die ewige Suche nach dem bestmöglichen Ich – auch für Aaron Bruno, das musikalische Mastermind hinter Awolnation ein präsentes Thema. Während viele die Indie-Rockband (bewusst oder unbewusst) mit Werbespots und Vines verbinden, schätzen Fans Bruno für seinen Einfallsreichtum und Wagemut. Beides gelingt ihm durch ewiges Testen und Austarieren, aber eben auch dem Willen zur vermeintlichen Selbstoptimierung:

I’m always on the journey to improving myself, but all along, knowing it’s close to impossible to really be the best at anything. And what does it mean to be the best? And does that really matter? Or maybe it is more about the journey and acceptance of comfort within one’s own existence.

Aaron Bruno über "The Best"

Mit der Singleauskopplung „The Best“ kündigten Awolnation ihr viertes Album „Angel Miners & Lightning Riders“ an. Ob das Album nun unter dem Stern des ewig Besseren entstanden ist, ist fraglich. In einigen Punkten scheint es sich doch stark am Vorgänger „Here Come The Runts“ zu orientieren, was der Platte aber insgesamt keinen Abbruch tut. „Angel Miners & Lightning Riders“ setzt vor allem auf Energie – und die gibt’s auf den zehn Songs zur Genüge. Mit kleinen Spielereien überrascht es uns, ohne dabei das Hitpotential der einzelnen Songs einzutrüben: Streicher und Metal-Atmosphäre hier („I'm A Wreck“), ein Intro das klingt als hätte man aus Versehen das Alpenpanorama eingeschaltet da („Mayday!!! Fiesta Fever“). Eine energische, kurzweilige Platte, die sich lohnt.

Ariane Seidl

Enter Shikari – „Nothing is True & Everything is Possible“

Album-VÖ: 17.04.2020

Enter Shikari, das ist die Band, die mit einem simplen Klatschrythmus jedes ehemalige Szene-Kid in Hörweite outen könnte. Schon mit ihrer 2017 erschienen LP „The Spark“ haben sie aber hörbar der Szene, dem Shouting und der Zuordnung zu jeglichen Genres im Bereich Hardcore/Screamo/… den Rücken gekehrt. Geblieben sind die elektronischen Elemente, die auch auf dem aktuellen Album „Nothing is True & Everything is Possible“ den musikalischen roten Faden bilden. Zwischen tanzbaren Hits (wie „The Dreamer’s Hotel“) und wirklichen klassischen Tanzmelodien (wie „Waltzing off the Face of the Earth“ (ft. crescendo)) verstecken sich aber auf diesem Album auch die gewohnt politischen und gesellschaftskritischen Lyrics, die Enter Shikari ganz unabhängig von Musikstil und aktueller Fanbase immer liefern.

Davon abgesehen haben Enter Shikari für dieses Album auch die Sonderzeichen Tastatur entdeckt. Ob hinter dieser Spielerei ein tieferer Sinn steckt, erschließt sich beim bloßen Hören nicht unbedingt, dafür visualisiert es aber die Vielfältigkeit, mit der Enter Shikari dieses Album zusammensetzen. Neben den genannten Songs fällt auch „Elegy for Extinction“ besonders ins Ohr, da es ein Klassik Stück ist. Dieses wurde vom Orchester „Prager Philharmoniker“ eingespielt. In seinem epischen Aufbau mischt es Klassik mit typischen Enter Shikari-Songstrukturen und fühlt sich an, als würde uns die Band auf den Beginn eines fantastischen Abenteuers senden.

Insgesamt fühlt sich das Album ein bisschen wie ein Abenteuer an. Man weiß nicht genau, was man bekommt, es ist alles gleichzeitig neu und trotzdem vertraut. Mit „Nothing is True & Everything is Possible“ blicken Enter Shikari also mal wieder über ihren bisherigen musikalischen Horizont und nehmen die HörerInnen gleich mit.

Gesa Koy 

Lance Butters - „Loner“

EP-VÖ: 21.04.2020

Nach zwei Jahren veröffentlicht Lance Butters, der kiffende Rapper mit der Ironman Maske, seine neue EP „Loner“. Und dabei ist es natürlich überhaupt kein Zufall, dass die erste Single „Therapie“ am 20.4. (oder auch 4/20) rauskam. Lance erklärt hier, dass das Gras für ihn nicht nur ein Rauschgift ist. Stattdessen nutzt er es als Therapiemittel, um seine Probleme zu verarbeiten.

Doch die EP ist keineswegs melancholisch oder traurig geworden, nein, Lance‘s Stimme klingt gewohnt aggressiv. Fast so als würde er einem mit seinen Songs mitten ins Gesicht spucken wollen. Und das stimmt auch irgendwie, zumindest mit der Deutschrapszene rechnet er auf „Tot“ ab. Das ist jetzt kein neues Thema, es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Diskographie. Außer ihm (und natürlich Ahzumjot) sind alle anderen nur „wack MCs“. Er selbst verlässt auf dem Song auch das gewohnte HipHop Umfeld. Statt mit elektronischen Beats, arbeitet er hier lieber mit düsteren Bassriffs.

Also, wir haben einen Song übers Kiffen, einen Song, bei dem er deutschen Rap für tot erklärt…das heißt eine klassische Lance Butters EP? Nicht ganz, denn der Rapper hat hier das erste Mal auch politisch angehauchte Texte.

Ja, fick' Vater Staat, weil er eh nicht am Start ist.
Doch prahlt, er sei da, du musst nur immer brav sein.

Song: "Riot" 

So versucht er auf dem Track „Riot“ systemkritischer zu sein und nicht nur andere Rapper, sondern auch mal die Gesellschaft zu dissen.

Lance Butters Fans werden bei „Loner“ auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen. Die arrogante Art, mit der er über die Szene herzieht und auch das Marihuana, da bleibt alles beim alten. Doch es ist auch schön zu sehen, dass er versucht sein Themenfeld zu erweitern und ein wenig politischer wirkt. Auch wenn die Zeilen dann etwas abgedroschen und nichtssagend klingen. 

Emma Dressel 

 

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