Rotes Sofa: Wolfram Eilenberger

Geister der Moderne

Heidegger, Wittgenstein, Cassirer und Benjamin. Sie alle waren Philosophen und Kultgestalten des 20. Jahrhunderts. In seinem neuen Buch: "Zeit der Zauberer" erzählt Wolfram Eilenberger die Geschichte dieser vier Philosphieikonen von 1919 – 1929 nach.
RI mit Wolfram Eilenberger
Redakteur Markus Mertens philosophiert mit Autor Wolfram Eilenberger

Noch dazu waren sie innovative Köpfe der deutschen Philosophie. Durch sie haben sich Begriffe von "Sein", "Sprache" und "Kritik" im modernen philosophischen Diskurs weiterentwickelt. Dabei hätten sie, bezüglich ihrer Ansichten, unterschiedlicher nicht sein können. Eilenberger beleuchtet dabei nicht nur die privaten Umstände aus dem Leben der Denker, sondern erklärt auf amüsante und verständliche Weise ihre philosophischen Gedankengänge. Nicht ohne auch wertend zu sein.

Wittgenstein, ein Sorgenkind

Macht euch nichts draus, ich weiß, ihr werdet das nie verstehen.

Mit diesen Sätzen beginnt der biografische Abriss des Buches "Zeit der Zauberer“. Direkt im Jahr 1929, als Vorausschau quasi, auf Wittgensteins Promotion an der Universität in Cambridge. Hier hatte der, zu diesem Zeitpunkt 40-jährige, gebürtige Österreicher damals seine Doktorarbeit mündlich verteidigt. Vor niemand Geringerem als den zwei Größen der analytischen Philosophie: Bertrand Russel und George Edward Moore. Das Zitat klingt süffisant und soll zeigen: Wittgenstein ist selbstbewusst. Dabei erfährt man in Eilenbergs Buch recht schnell: Wittgenstein ist 1919 noch das Gegenteil von selbstbewusst. Geplagt von schweren Depressionen und von existenziellen Sorgen sucht der junge Mann in seinem Leben nach Sinn. Diesen gedenkt er im Extremen zu finden: 1914, zum Ausbruch des Ersten Weltkrieg lässt Wittgenstein sich an vorderste Front versetzen. In der Gefahr also soll der Sinn gefunden werden. Denn:

Die Furcht vor dem Tod ist das beste Zeichen eines falschen, das heißt ein schlechtes Leben.

Und das scheint zu fruchten. Im Jahr 1918 erscheint sein philosophisches Werk: "tractus-logico – philosophicus". Eine Abhandlung, in der er die Grenzen des menschlichen Denkens analysiert.

Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können.

Und doch bleibt in Wittgenstein die Leere. Die Suche nach etwas, das er noch nicht gefunden zu haben scheint. 

Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht der Wert dieser Arbeit darin, dass sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass diese Probleme gelöst sind.

 

Der geniale Asoziale

Große Worte eines 29-Jährigen und Sohn eines Industriellen, der nach dem Krieg sein gesamtes Vermögen an seine Geschwister vererbt. Er wird Grundschullehrer in einem Dorf in Niederösterreich. Der Verantwortung seines tief greifenden philosophischen Talentes ist er damit vorerst entgangen. Erst eine Dekade später, durch Bertrand Russell händeringend und zu seinem eigenen Glück zwingend, findet er den Weg zurück nach Cambridge. Dort hatte er einst studiert. Das Selbstverständnis des großen einsamen Denkers wird Wittgenstein bis zum Ende seines Lebens begleiten. Oder wie es Eilenberger selbst beschreibt das eines "genialen Asozialen".

Wittgenstein scheint trotz dieser Formulierung der Liebling des Autors zu sein. In Eilenbergers sehr direkten und fast neckischen Schreibart kommt er von den vier Philosophen am glimpflichsten davon.

Heidegger und die Angst

Anders als Martin Heidegger. Auf seine spätere Sympathie für die Nazis wird des Öfteren angespielt. Auf ironische aber auch kritische Art und Weise. Denn Heidegger ist eigenbrötlerisch. Auch wenn er, seinen Briefen an seine Frau zu folge, ein einfühlsamer Ehemann und Vater gewesen sein muss. Er ist 1919 gerade einmal dreißig Jahre alt und fest im Sattel. Er ist aus akademischer Sicht anerkannt und seine Laufbahn verläuft bis dato erfolgreich. Er hat vor, die Philosophie im Rang einer eigenständigen Wissenschaft zu verteidigen, und zwar:

Als präzises Erfahrungsfundament vor aller Naturwissenschaft und vor allem auch aller vorurteilsverstellten Weltanschauungen oder Ideologien.

 

Um sich dabei von den Lebenszwängen zu befreien und zu wahrem Lebenserfolg zu kommen müsse sich der Mensch:

In seine Angst reinwerfen, muss für wahren Abgründe seiner Angst offen bleiben, um sich von Ängsten zu befreien.

Und genau diese Art von Wagemut und Forschheit lebt Heidegger auch vor. Er ist dynamisch, sportlich. Fährt in den Pausen von philosophischen Veranstaltungen mit ranghohen Philosophen auch gern mal mit Skiern den Berghang hinunter. Wie in Davos in der Schweiz im Jahr 1929. Die Devise seiner ontologischen Philosophie:

Das faktische Dasein ist, was immer es ist. Immer nur als das voll eigene, nicht Überhauptsein irgendwelcher allgemeiner Menschheit.

Eine Absage an die Objektivität also? Jedenfalls gilt die Tagung von Davos als Gipfel der damaligen philosophischen Denkarbeit. Es war darüber hinaus ein Treffen von der neuen und alten Philosophieschule.

Ernst Cassirer, der alte Hase

Ein weiterer Teilnehmer der Tagung in Davos und in Eilenbergers Buch porträtierter Philosoph ist der zu dieser Zeit schon betagtere Ernst Cassirer. Er steht zu Lebzeiten für sein ausgeglichenes Wesen, das stets auf Vermittlung und Mäßigung aus ist und gilt als Sinnbild der alten Schule. Er vertritt gegenüber Heidegger die Position, dass der Mensch nicht durch die Konfrontation mit der Angst zu wahrer philosophischer Erkenntnis kommt, sondern, dass durch die Philosophie die Angst abgebaut wird. Dies kann man seiner Meinung nach dadurch erreichen, dass man versucht:

Zum aktiven Gestalter des eigenen Lebens zu werden, anstatt zu dessen rein passivem Gefährten. Selbstgestaltung anstatt Fremdbestimmung. Objektive Gründe, anstatt innerlichster Eigentlichkeiten.

 

Also ganz nach der kantischen Tradition, dass das Subjekt im Fokus der Erkenntnis steht: 

Nicht unser Geist richtet sich demnach nach den Gesetzen der Dinge, sondern die Dinge sich nach den Gesetzen unseres Geistes.

 

An der Hamburger Universität wurde er zum Rektor und war damit der Erste einer deutschen Universität mit jüdischen Wurzeln. Schon vor dem Nationalsozialismus erlebt er den wachsenden Antisemitismus in Deutschland und beschließt, gemeinsam mit seiner Ehefrau 1933 Deutschland zu verlassen.

Walter Benjamin, irgendwas mit Medien?

Ein ähnliches Schicksal sollte auch Walter Benjamin ereilen. Er floh 1933 ebenfalls vor den Nazis, nur in eine andere europäische Metropole: Paris. Sein Werdegang ist schon vor 1919 ziemlich ungleichmäßig. Er hat Geldprobleme, seine Schriften erhalten nicht genügend Anerkennung und auch sein Verhältnis zu den Frauen kann man mehr oder weniger als "aufregend" bezeichnen. Trotz Frau und Kind. Eilenberger beschreibt es passend mit: 

Wenn es fortan ein konstantes Muster für Benjamins Leben gibt, dann ist es das Gespür dafür, genau zur falschen Zeit die falschen Entscheidungen zu treffen.

 

Man wird schnell des Umstandes gewahr, dass Benjamin auch zu seinen Eltern ein ambivalentes Verhältnis pflegt, welches nicht gerade auf Vertrauen beruht und von einer ständigen Geldabhängigkeit. Benjamin stammt aus einer wohlhabenden Familie und ihm sind diese Probleme nicht egal. Auch er leidet wie Wittgenstein mitunter an schweren Depressionen. Ihn plagen Fragen wie: Ist die Gestalt eines Lebensweges wirklich bedingt, determiniert und vorhersagbar? Wie viel Raum bleibt einem Menschen, um das eigene Leben zu gestalten? 

Nach seiner Doktorarbeit im Jahr 1919 verfasst er einige Publikationen und versucht sich als Journalist und Übersetzter. Eine akademische Laufbahn bleibt ihm vorerst versperrt: Zu wenig Nachhall haben seine Schriften. Irgendwas mit Medien also? Erst im Laufe der zwanziger Jahre erhält er die nötige Anerkennung seiner Schriften.

Das Bild, das dabei von dem jungen Berliner entsteht, ist das eines psychisch sensiblen Menschen, der den Gegenstand seines philosophischen Denkens präzise aus seiner eigenen Lebenswirklichkeit bezieht. Denn Benjamin sieht für die wirkliche Selbstwerdung eine Hauptvoraussetzung: die Offenheit. Leicht vergisst er, dass zügellose Offenheit auch ausufern kann. Er lebt sprunghaft. Benjamin lebt, wie sein Verständnis von Kunst ist : 

Ein Kunstwerk ist in seinem Wesen nie stabil, es ändert sich im Laufe der Geschichte und bekommt eine andere Dynamik.

Und doch hat er tiefes Vertrauen in die Menschen und sieht in der Selbstwerdung des Menschen einen Schlüssel zu einem positiven Leben:

In Wahrheit ist jeder Mensch, der sein Denken denken kann – also jeder Mensch - solch ein Werk, seiner selbst. Jeder Mensch kann sich üben, sich in gewissen Maße, sein eigenes Werden kritisch zu begleiten und zu gestalten. Jeder Mensch kann so zu dem werden, der er er eigentlich ist,…

 

Eilenberger auch ein Zauberer?

Wolfram Eilenberger vermittelt in seinem neuen Buch Philosophie auf mittelschwere Art und Weise. Philosophisches Vorwissen ist beim Lesen zwar keine Voraussetzungen aber die Fachtermini und die umfangreichen Hinweise zu anderen Philosophen sind für den unerfahrenen Leser nicht immer leicht einzuordnen. Eilenberger liefert durch seine umfassende Recherche fundiertes Wissen über mehrere Philosophieepochen und deren Inhalte. Es gelingt ihm diese Inhalte gut einzuordnen und aus moderner philosophischer Sicht zu kommentieren.

Dabei arbeitet er zumeist nach dem gleichen Schema: Es gibt eine historische Hinführung des jeweiligen Philosophen, daraufhin ein Zitat und als dritten Schritt eine Erklärung des Zitats, dass zumeist auch in den heutigen Kontext eingeordnet wird.

Auch wenn Eilenbergers Buch inhaltlich keine leichte Kost ist, ist es anregend und humoristisch verfasst. Trotz des tiefgründigen Inhalts kann man sich bei diesem Buch auf einige Schmunzler einstellen. Zudem wirkt die Schreibweise ehrlich und direkt. Eilenberger beurteilt seine vier Philosophen dabei zwar höchst subjektiv und kritisch, das wirkt jedoch sehr authentisch. Wer also Lust auf ein Buch hat, das Geschichte, Biografie und höheren philosophischen Inhalt miteinander verbindet, dem sei dieses Buch ans Herz zu legen. 

Autor Wolfram Eilenberger hat zusammen mit Redakteur Markus Mertens auf der Buchmesse philosophiert. Außerdem hat ihm Eilenberger verraten, warum wir alle Benjamin sind:
Redakteur Markus Mertens im Gespräch mit Autor Wolfram Eilenberger.
1503 Wolfram Eilenberger
 

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Wolfram Eilenberger wurde 1972 in Freiburg im Breisgau geboren.

Eilenberger hat Philosophie, Psychologie und Romanistik studiert.