100 Jahre Leunawerke

"Früher haben alle hier geraucht"

Eine der größten Chemieanlagen in Deutschland: die Leuna-Werke südlich von Halle. Vor 100 Jahren wurde hier zum ersten Mal Ammoniak hergestellt. In der DDR als Dreckschleuder verschrien, laufen die Anlagen noch heute. Doch es hat sich viel verändert.
Wiege der Chemieindustrie: 1916 wurde in Leuna zum ersten Mal Ammoniak hergestellt. Heute wird vor allem Kraftstoff produziert.
Wiege der Chemieindustrie: 1916 wurde in Leuna zum ersten Mal Ammoniak hergestellt. Heute wird vor allem Kraftstoff produziert.

Es ist einer der größten und ältesten Chemieparks in Deutschland – die Leuna-Werke südlich von Halle. 1916 wurde hier zum ersten Mal Ammoniak hergestellt. Heute produziert der Chemiepark vor allem Kraftstoffe wie Benzin und Diesel - aber auch Kleber, Plastikfolien und zahlreiche chemische Stoffe zur weiteren Verarbeitung in der Industrie. Nach dem Ende der DDR standen die Leuna-Werke vor dem Aus. Doch heute arbeiten auf dem riesigen Gelände wieder rund 9.000 Menschen.

mephisto 97.6 Redakteur Alexander Moritz war in den Leuna-Werken unterwegs. Er begleitete zwei Angestelle bei ihrer Arbeit:

mephisto 97.6-Reporter Alexander Moritz hat zwei Angestellte bei ihrer Arbeit in den Leunawerken begleitet.
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Zwei Generationen Leuna

Selina Spatzier hat gerade ihre Ausbildung beendet, Wolfgang Müller arbeitet seit über 40 Jahren hier. Wie viel sich in dieser Zeit verändert hat, erfährt man bei einem gemeinsamen Rundgang durch die Anlage.

Zwei Generationen Leuna: Selina Spatzier hat gerade ihre Ausbildung beendet, Wolfgang Müller arbeitet seit über 40 Jahren hier.
Zwei Generationen Leuna: Selina Spatzier hat gerade ihre Ausbildung beendet, Wolfgang Müller arbeitet seit über 40 Jahren hier.

 

Stimmt die Qualität? Selina nimmt eine Probe aus dem Methanoltank.
Stimmt die Qualität? Selina Spatzier nimmt eine Probe aus dem Methanoltank.

Schutzhelm, Gasmessgerät, säurefeste Arbeitskleidung – so steht Selina Spatzier vor einem riesigen weißen Chemietank auf dem Gelände der TOTAL-Raffinerie in Leuna. Eine kleine Pumpe saugt das Methanol aus dem Tank in ein Glasgefäß. Sieht aus wie Wasser – ist aber hochgiftig. Die Probe bringt Spatzier später zur Analyse in Labor.

Die Zwanzigjährige hat gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen. So hat auch ihr Kollege Wolfgang Müller angefangen – vor über 40 Jahren.

DDR-weit wurden ja Arbeitskräfte gesucht in der Chemie, wir haben unseren Lehrvertrag gekriegt und haben dann angefangen. Am ersten Tag sind wir am Nordbahnhof ausgestiegen und mussten dann zu Fuß laufen ins Wohnheim. Vorbei an der Winkleranlage, die hat ja damals noch mächtig viel Kohlenstaub ausgepustet – keine schönen Erinnerungen an den ersten Tag.

Wolfgang Müller, Schichtführer in der TOTAL-Raffinerie Leuna

Später hat Müller die POX-Methanolanlage mit aufgebaut. Er kennt hier jedes einzelne Rohr. Die Anlage war damals hochmodern - die Technik kam größtenteils aus dem Westen. Sie läuft noch heute. Erdölreste aus der Kraftstoffproduktion in der Raffinerie nebenan werden hier zu Methanol, einem wichtigen Grundstoffe zum Beispiel für Lösungsmittel und Kunststoffe.

Dampf und schwefliger Geruch: die POX-Methanolanlage stammt noch aus der DDR. Damals wurde die Technik aus dem Westen importiert
Dampf und schwefliger Geruch: die POX-Methanolanlage stammt noch aus der DDR. Damals wurde die Technik aus dem Westen importiert

Die Reaktionen laufen in glänzenden Stahltürmen ab – verbunden durch kilometerlange Rohrleitungen. Metall rankt dicht an dicht, dazwischen steigt Dampf auf, schwefliger Geruch liegt in der Luft. Mittendrin ein orange gekachelter Rundbau: die alte Leitwarte.

Mittlerweile gibt es eine neue Warte, doch der Großteil der Anlage stammt noch aus der DDR-Zeit.

„Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit.“

Im Krieg schwer zerstört, wurden die Leuna-Werke schnell wieder aufgebaut – ein Prestigeprojekt für die DDR-Führung. Das Motto: „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit.“ Beim SED-Parteitag 1958 malte der Direktor des damaligen VEB „Leuna-Werke Walther Ulbricht“ eine rosige Zukunft.

Die Produkte der chemischen Industrie sind nicht nur Grundlage für die weitere Entwicklung unserer gesamten Volkswirtschaft – sie machen unser Leben auch angenehmer, reicher, vielfältiger.

Wolfgang Schirmer, Generaldirektor des VEB Leuna-Werke "Walter Ulbricht"

Vor allem aber auch schmutziger: die Leunawerke waren als Dreckschleudern bekannt. Zentimeterhoher Ruß auf den Fensterbänken – in den Städten rund um das Werk ganz normal. Auch um die Umwelt machte man sich keine Gedanken. Mit 375 Mio. Tonnen CO² hatte die DDR in den 80er-Jahren die größte Pro-Kopf-Emission weltweit. Das alles zählte nicht, wenn es um das Planziel ging: möglichst viel produzieren.

Planziel statt Sicherheit

Auch die Sicherheit der Mitarbeiter war zweitrangig: Fast täglich gab es Störungen in Leuna, mehrfach auch größere Explosionen mit Verletzten. Der Grund: Anlagenteile waren verrostet – Schutzbestimmungen mangelhaft. Kleine Aufenthaltsräume für die Arbeiter standen damals direkt neben den Behältern mit explosiven Stoffen.

Ringsrum waren Stühle und da waren fünfzehn Mitarbeiter hier drin. Und fünfzehn von denen haben geraucht, wenn nicht sogar mehr. Es war Raucherlaubnis hier drinne, das war regulär.

Wolfgang Müller, Schichtführer in der TOTAL-Raffinerie Leuna

Heute ist Rauchen streng verboten. Und Selina Spatzier ist nur noch für Kontrollgänge in der Anlage da. Sie fühlt sich sicher: "Im Fall der Fälle sitzt man nicht mehr mittendrin, sondern ist etwas außerhalb.“

Störungen gibt es immer noch - wie 2010, als es auf dem Gelände zu einer Explosion kam. Vor zwei Jahren fiel das Kühlwasser komplett aus. Um solche Fälle zu trainieren gibt es mittlerweile einen eigenen Simulator. Den hätte man früher gar nicht gebraucht, schmunzelt Leuna-Urgestein Müller.

Die Ausbildung war früher praxisnaher, da die Anlage nicht so störungsfrei lief wie heute. Meistens ist dann Komplettausfall oder ein Strang ist ausgefallen. Und wenn das einmal die Woche passiert oder einmal im Monat, hat man da viel mitbekommen.

Nach der Wende drohte das Aus für Leuna. Doch der damalige Bundeskanzler Helmuth Kohl vermittelt einen Deal mit dem französischen Mineralölkonzern ELF. Es flossen Schmiergelder in Millonenhöhe - mehrere Manager wurden verurteilt.

Schmiergelder retten Leuna

Für Leuna aber folgten Milliardeninvestitionen. Elf baute hier die damals modernste Raffinerie Europas. Doch von den rund 30.000 Arbeitern im einst größten Betrieb der DDR ist nur ein Drittel geblieben. Ganze Anlagenteile wurden geschlossen, viele Arbeitsschritte automatisiert. Dass damals viele Kollegen gehen mussten, kann Wolfgang Müller nur zum Teil verstehen: „Wenn die Anlage im ruhigen Betriebsverlauf ist, ist das in Ordnung. Aber wenn eine Störung auftritt, wird jede Hand noch gebraucht.“

Doch die Sparkur hat gewirkt: auch wenn einige Flächen leer stehen - Christof Günther, der Geschäftsführer des Standortbetreibers InfraLeuna ist zufrieden. Er ist stolz auf das historische Erbe des Standorts. Und betont die Vorteile der gewachsenen Strukturen.

Über hundert Unternehmen sind hier tätig, die immer noch so zusammenarbeiten wie ein Unternehmen. Gute Voraussetzungen, um auch künftig erfolgreich zu sein.

Christof Günther, der Geschäftsführer des Standortbetreibers InfraLeuna

Dafür setzt Leuna verstärkt auf Spezialprodukte, wie zum Beispiel spezielle Isolierungen für Starkstromkabel. Und einige forschen dort schon an der Zukunft: biologisch abbaubare Kunststoffe zum Beispiel.

 

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Alexander Moritz
14.06.2016 - 10:46