Musikhighlights KW-23

Freaky Friday

Endlich Wochenende! Der Gin steht kalt, die Nachbarn sind weg, Zeit die Anlage aufzudrehen und den spannendsten Releases dieser Woche zu lauschen.
Musikhighlights der Woche KW 23

Unser Album der Woche ist "Italian Ice" von der New Yorkerin Nicole Atkins. Die Rezension findet ihr hier.

Sports Team - "Deep Down Happy"

Album-VÖ: 05.06.20

Sports Team haben ein Ego-Problem. Und zwar eins, das sich sehr gut verkauft: Die jungen Londoner*innen erwähnen bei jeder Gelegenheit ihre großen Ambitionen, aber nicht ohne gleichzeitig ihre Kollegen unter Beschuss zu stellen. Großangelegte Witze auf Kosten von HMLTD oder The 1975 schienen zeitweise Sports Teams einzige Beschäftigung zu sein, doch nein: Wie sich herausstellt, haben die sechs Indie-Rocker auch fleißig an ihrem eigenen Portfolio gebastelt. Das groß angekündigte Debütalbum wurde noch einmal vom ursprünglichen Termin in den Juni geschoben, um es zu perfektionieren. „Deep Down Happy“ und ist (wie seine Band) vielleicht nicht unbedingt sympathisch, aber dafür überraschend und voll mit Leidenschaft für die eigene Sache. Das Album liefert eine aufgeladene Mischung aus Indie-Rock und Post-Punk und behandelt mit spitzer Zunge die Sorgen und Probleme seiner Urheber*innen. Also grob zusammengefasst: Mein Land wird regiert von einem Mann mit wirrem Haar und losem Verstand („ The Races“); die soziale Ungerechtigkeit frustriert mich („Here’s The Thing“) und meine Freundin liebt mich nicht mehr („Fishing“). Getragen von impulsiven Gitarren und Alex Rices charismatischer Schmörgelstimme ist „Deep Down Happy“ eine absolut empfehlenswerte Platte. Vorausgesetzt, man kann gut zwischen den Zeilen lesen.

Ariane Seidl

Sonic Boom - "All Things Being Equal"

Album-VÖ: 05.06.20

„Sonic Boom,“ so heißt das Geräusch, das entsteht wenn etwas so schnell durch die Luft fliegt, das die Schallmauer bricht. Schwer vorstellbar, wie sich so etwas anhört. Ob Musiker „Sonic Boom“ dieses Geräusch im Kopf hatte, als er sein neues Album „All Things Being Equal“ schrieb ist möglich. Die LP ist ein Wirrwarr aus Synthiesounds: verzerrt und dunkel, dramatische Voicepatterns, dann wieder gemütlich: eingängige Melodien, die an Dreampop erinnern. Jedes Lied überzeugt durch Einzigartigkeit und beweist: hier war ein Profi am Werk. Kein Wunder, schließlich machte Sonic Boom bereits in den 80'er-Jahren mit der Rockband „Spacemen 3“ Karriere. Trat aber noch unter seinem Geburtsnamen Peter Kember auf. Nachdem die Band sich 1990 auflöste, widmete sich Kember seinem Klangexperiment „Spectrum“, aus dem eine weitere Band und sein bis heute bestehender Künstername „Sonic Boom“ hervorgingen. Seine damals begonnene Liebe zu modularen Synthesizern und Circuit Bending ist auch aus „All Things Being Equal“ herauszuhören. Mit dem Album beschreitet Sonic Boom musikalische Abwege, fern von Mainstream und Pop, die sich als absolut zielführend herausstellen.

Hannan El Mikdam-Lasslop

LA Priest - "GENE"

Album-VÖ: 05.06.20

„GENE,“ das ist nicht nur der Titel des neuen Albums von LA Priest, sondern auch der Name einer Drum-Machine. Um genau zu sein, der Drum-Machine, die Sam Estgate, aka Sam Dust, der Kopf hinter LA Priest, innerhalb von über zwei Jahren selbst entwickelt und gebaut hat. Dass diese Drum-Machine jetzt namensgebend für das Album ist, ist nicht weiter verwunderlich. Denn auf „GENE“ testet Eastgate ihre Grenzen aus. Er experimentiert mit Rhythmen, Melodien, Verzerrung. Dabei bewegt er sich ständig im Rahmen des Psych-Pop. Mal klingen die Songs bunt und lebhaft, dann wiederum wird der Sound düster und schwer oder kreischend und wirr. Gerade die zweite Hälfte des Albums ist sehr experimentell. Je tiefer man in das Album eintaucht, desto mehr lernt man über GENE. Am Ende des Albums hat man nicht nur einen guten Eindruck von dieser Drum-Machine und ihren 12 Schaltkreisen gekriegt. Sondern auch von der Vielseitigkeit, die LA Priest mit sich bringt.

Charlotte Peters

Hinds - "The Prettiest Curse"

Album-VÖ: 05.06.20

Mit von Garagepunk inspirierten E-Gitarren Riffs und verzerrten Vocals bringen uns Hinds ein klassisches Indierock Album. Auch wenn “The Prettiest Curse” nicht besonders viele Überraschungen bietet, haben Hinds ihren Sound weiter entwickelt. So hört man zum Beispiel bei dem Song „Come Back And Love Me 3“ Einflüsse aus ihrem Heimatsland Spanien. Denn neben immer wieder eingeschobenen spanischen Zeilen klingt auch die Gitarre nach traditionellem Spanischen Folk. Ein weiterer erwähnenswerter Track ist „Riding Solo,“ der als Vorabsingle schon vor einem halben Jahr erschienen ist. Trotz Gutem-Laune Flair, handeln die Lyrics vom Alleinsein. Die vier Frauen aus Madrid bringen mit „The Prettiest Curse“ geballte Girlpower, verpackt in Lo-Fi Indierock, der zum Tanzen animiert. Das Album liefert gute Laune und den perfekten Soundtrack für den Sommer!

Emma Dressel

Muzz - "Muzz"

Album-VÖ: 05.06.20

Die Mitglieder von Muzz sind eigentlich viel zu beschäftigt für ein weiteres Bandprojekt. Paul Banks kennen die meisten als Leadsänger von Interpol oder als Teil von Bankz & Steelz, Matt Barrick ist Schlagzeuger von The Walkmen und Josh Kaufman hat mit Produktionen für The National oder War On Drugs, aber auch mit seiner Band Bonny Light Horseman alle Hände voll zu tun. Der Grund, warum es Muzz trotzdem gibt ist – so kitschig das auch klingen mag – die Freundschaft der drei Männer. Banks und Kaufman kennen sich bereits seit ihrer Kindheit und fanden unabhängig voneinander Gefallen am umtriebigen und fleißigen Barrick. Die Musiker liefen sich immer wieder über den Weg, wodurch die Frage nach einer Zusammenarbeit irgendwann unausweichlich wurde. 2015 fiel dann der Groschen:

I don’t ever write with the intention of giving records an overarching theme, as that feels very limiting, but looking back, I think the through line for me is meditations on mental health, and the quest for happiness and the way in which the mind can play tricks on us. But, ultimately, the music speaks for itself. We have a genuine, organic artistic chemistry together. It’s partly a shared musical taste from youth, as with me and Josh, but then it’s also the souls of my friends that resonate with me when expressed through music. I think it’s cosmic.

Paul Banks, Leadsänger

Ihr selbstbetiteltes Debüt ist jetzt das Zeugnis dieser künstlerischen Chemie untereinander. Die Songs finden an den richtigen Stellen zueinander, lassen aber auch die mitgebrachten Stärken der einzelnen Mitglieder glänzen. Die anmutige Schwere eines Paul Banks („Bad Feeling“) und die ausfüllenden Gitarrenmelodien Kaumans („Evergreen“) genauso wie die pointierten, richtungsgebenden Drums Barricks („Knuckleduster“). Ein Album, das beweist: Aus Freundschaft kann doch mehr werden.

Ariane Seidl

Terrace Martin, Denzel Curry - "Pig Feet"

Single-VÖ: 01.06.20

Wenn heute im öffentlichen Diskurs über die großen Werke der Musik oder der Kunst im Allgemeinen philosophiert wird, dann wird immer wieder ein konkreter Maßstab angelegt: Zeitlosigkeit. Und meistens hat diese Zeitlosigkeit einen einzigen Zweck: Unterhaltung für die Hörer*innen, möglichst oft und möglichst lang, herausgerissen aus jeglichem räumlichen und zeitlichen Kontext. Nach diesem Maßstab wäre „Pig Feet“ kein großes Werk. Und trotzdem ist der Song von Terrace Martin und Denzel Curry der wichtigste, der dieses Jahr hervorgebracht werden wird. Denn der Track hatte nie das Privileg, sich Gedanken über artifizielle Kategorien wie „Zeitlosigkeit“ zu machen. „Pig Feet“ ist musikalischer Protest, ein Produkt seiner rassistischen Umwelt, Gegenwehr gegen polizeiliche Willkür, die BIPoC in den USA, aber auch auf der ganzen Welt widerfährt.

Helicopters over my balcony
If the police can't harass, they wanna smoke every ounce of me

Denzel Curry in „Pig Feet“

„Pig Feet“ ist wütend, manisch, aggressiv. Verantwortlich sind dafür in erster Linie die Strophen von Denzel Curry und Daylyt, welche Widerstand sind; Widerstand gegen eine weiße Gesellschaft, die die beiden Rapper und andere BIPoC nicht akzeptiert und im Zweifelsfall eher tötet, als ihnen zu helfen. Und dass das keine Übertreibung, sondern schlicht und ergreifend bittere Lebensrealität ist, zeigt allein die Tatsache, dass sowohl der Bruder Denzel Currys und auch enge Angehörige von Daylyt durch Polizeigewalt umgebracht wurden.

They gon' pay for takin' my brother
Nas say we need one mic and they shot the brown one

Daylyt in „Pig Feet“

Dass der Song dieses Gefühl auch musikalisch transportiert, ist umso faszinierender. Klaustrophobisch und unangenehm wirken die Helikoptergeräusche, die wilden Drums, der alleinstehende, düstere Pianoakkord. Und inmitten dieser Wut mischt sich die Trauer in Form der wehklagenden Saxophon-Passagen von Kamasi Washington. „Pig Feet“ wurde nicht mit dem Anspruch geboren, große Kunst zu sein, und ist es dennoch. „Pig Feet“ macht sich keine Gedanken darüber, ein zeitloser Song zu sein. Genau genommen ist der Track nur so zeitgemäß, wie es nur geht, indem er die Proteste aufgreift, die momentan vor allem in den USA stattfinden. Und trotzdem ist „Pig Feet“ zeitlos. Denn die vermittelte Wut, die Angst und die Ungewissheit um das eigene Leben als BIPoC, wenn das Blaulicht naht – die existiert leider seit Jahrzehnten. Insofern ist der Song ein Mahnmal. Nicht nur gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt, sondern gegen Rassismus, selbst in seiner kleinsten, scheinbar unbedeutendsten Form. Und der Track ist ein Dokument der Stärke, des Willens, des Widerstands gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Und das ist große Kunst.

Y'all sleep, y'all don't see how the image changed
'Member the times, n*****
I'm here to remind n***** we kings
 

Daylyt in „Pig Feet“

Scott Heinrichs

 

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Hannan El Mikdam-Lasslop
05.06.2020 - 16:40
  Kultur

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