CD der Woche

Flucht aus der Hauptstadt

Alle Augen richten sich in Richtung Hauptstadt. Nach mehreren erfolgreichen EPs veröffentlichen Isolation Berlin ihr erstes Album "Und aus den Wolken tropft die Zeit" und machen damit spannenden, etwas sperrigen Deutsch-Pop.
Isolation Berlin in Schwarz/Weiß
Isolation Berlin mögen es gerne altmodisch

Berlin, Berlin – oh du große Stadt, die immer wieder als Aushängeschild für Coolness und Subkultur gilt. Was hast du uns da nur für eine Band beschert? Sie trägt sogar deinen Namen. Sind „Isolation Berlin“ dein neues Gesicht? Diese vier gleichzeitig coolen und schrägen Typen mit Mützen, die so locker flockige Songs mit verworrenen Texten schreiben?

Irgendwie schon. In der Hauptstadt sind „Isolation Berlin“ schon länger ein Ding. Mit dem Rest des Landes sollte es etwas länger dauern. Zahlreiche „Tipps für 2016“-Listen tun dann aber ihr Übriges – und auf einmal sind Isolation Berlin in aller Munde. Das Debütalbum – wenn man es denn so nennen darf – steht in den Startlöchern und hört auf den abgefahrenen Namen „Und aus den Wolken tropft die Zeit“.

Alles neu

Zwei EPs und ein paar zusätzliche Songs haben die Berliner schon veröffentlicht – und damit schon eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Mit ungewöhnlichen Zeilen wie in „Alles Grau“ („Der Wahnsinn hält uns warm“) und musikalisch überzeugenden Songs wie das namengebende Stück „Isolation Berlin“ – ein 7-Minuten Meisterwerk irgendwo zwischen Indie-Rock und ganz viel Noise. Unter Youtube-Videos befinden sich begeisterte Kommentare, die glauben, Rio Reiser wäre wieder auferstanden und hätte Ton Steine Scherben im 21. Jahrhundert wiederbelebt. Die Erwartungen an das erste Album waren dementsprechend hochgesteckt – und Isolation Berlin haben alles richtig gemacht.

Die erste gute Nachricht: Das Quartett nimmt nicht seine alten Hits, packt sie lieblos auf ein Album und fügt ein Füller hinzu. „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ besteht nur aus neuen Liedern (kleiner Seitenhieb an AnnenMayKantereit: so verhindert man einen Mini-Shitstorm der eigenen Fans). Nebenbei erscheint mit „Berliner Schule/Protopop“ eine Ansammlung der bereits bekannten Songs – eine gute Lösung, die natürlich nur funktioniert, wenn man so viel gutes Material wie Isolation Berlin produziert.

Große Überraschungen im Vergleich zum bereits bekannten Stil der Berliner gibt es auf ihrem Debüt nicht. Fette Gitarren sind Fehlanzeige. Die Instrumente verändern selten ihre Klangfarbe. Isolation Berlin brauchen auch keine dicken Effektgeräte – sie haben schließlich vor allem ihre Songs. Nach der Einleitung durch „Produkt“, das vor allem von der Orgel getragen wird, legt „Fahr Weg“ erst so richtig los. Mit einem dominanten Basslauf und einer cleanen Gitarre wird eine schunkelnde, melancholische Stimmung erzeugt. Im Refrain bricht schließlich Sänger Tobis Stimme und wird zu einem flehenden Nahezu-Geschrei – eines der größten Markenzeichen von Isolation Berlin. „Schlachtensee“ ist noch eine Spur ruhiger, überzeugt aber mit einer schönen Gitarren-Harmonie. Die Musik von Isolation Berlin ist durch und durch handgemacht – und könnte auch aus einem anderen Jahrhundert stammen. Selbst produziert haben die Berliner die 12 sogar auch noch. Wer mit der aufkommen DIY-Ästhetik vor allem dumpfen Macbook-Electro verbindet, der wird hier eines besseren belehrt. Viele Songs wie „In manchen Nächten“ reihen sich wunderbar in die Grundstimmung des Albums ein. Positive Ausreißer gibt es auch: „Verschließe dein Herz“ fährt das Tempo ein bisschen in die Höhe und überzeugt mit funky Gitarren. Ein Highlight.

Alles echt

Auf „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ ist zwar nicht alles grau, aber doch vieles. Dafür sorgen vor allem die Lyrics von Sänger Tobi. Liedernamen wie „Du hast mich nie geliebt“ lassen das schon erahnen. Es steckt aber noch viel mehr hinter der traurigen-melancholischen Grundstimmung des Albums. Der Song „Aufstehn, Losfahrn“ handelt zum Beispiel vom Thema der Depression, das selten so ehrlich behandelt wurde. Die verzweifelten und ins-Mark-treffenden Texte kommen nicht von ungefähr. Texter Tobi stand in seinen jungen Jahren selbst an der Grenze zum Abgrund und weiß daher wie kaum ein Anderer, der dieses Thema behandelt, wovon er singt. Daher übrigens auch der Name „Isolation Berlin“. Dieser beschreibt den Gemütszustand, den Tobi zu dieser Zeit in der Hauptstadt hatte. „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ ist also wohl eines der ehrlichsten und intimsten Alben der letzten Zeit. Unter dem Anblick bekommen auch Songs wie „Wahn“, die durchaus viel Krach enthalten und unzugänglich sind, eine ganz andere Stimmung. Selbst wenn das dem ein oder anderen zu viel ist, bieten sie keinen großen Störfaktor.

Fazit

Ein bisschen Zeit braucht man schon, um sich in das Album einzuhören. Dafür gewinnt es dann mit jedem Durchgang. Die schwere Melancholie ist spürbar – und trotzdem erwischt man sich selbst, wie man zu diesen bittersüßen und teilweise auch krassen Texten mitsingt. Trotz vieler Kanten und teilweise auch Krach ist der Pop-Faktor in vielen Melodien klar zu erkennen. Isolation Berlin werden mit diesem Debütalbum sicher auch außerhalb der Hauptstadt zu einem Ding. Sänger Tobi trifft mit seinen Texten einen Nerv und untermalt diese mit ungewöhnlichen, stimmlichen Ausschlägen. Musikalisch graben Isolation Berlin tief in der Vergangenheit und packen unter anderem die Orgel wieder aus. Damit gelingt ihnen der schwierige Spagat zwischen alt und neu und zwischen lässig und ehrlich.

 

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Isolation Berlin: Und aus den Wolken tropft die Zeit

Tracklist:

1. Produkt
2. Fahr Weg
3. Aufstehn, Losfahrn*
4. Schlachtensee*
5. Verschließe dein Herz*
6. Ich küss dich
7. Ich wünschte, ich könnte...
8. Du hast mich nie geliebt*
9. Der Garten meiner Seele
10. Wahn
11. In manchen Nächten
12. Herz aus Stein

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 19.02.2016
Staatsakt

Isolation Berlin im Web 2.0:

Eine Live-Version vom Lied "Schlachtensee" kann man hier finden.

Eine ganze Session haben die Jungs für ALEX gespielt.

Konzerte:

Isolation Berlin spielen in der Moritzbastei am 30. März 2016.