Stadtspaziergänge in Leipzig

Flanieren im Leipziger Osten

Seit dem Lockdown im März dieses Jahres erfreut sich das Spazierengehen bei vielen Menschen wieder großer Beliebtheit. Neue Routen werden ausgekundschaftet; das eigene Viertel spazierend entdeckt.
Park, Spaziergang
Herbstlicher Spaziergang

 

Flanieren im Leipziger Osten. Ein Audio-Spaziergang von Josephine Kanditt
Flanieren im Leipziger Osten   

Ich gehe viel spazieren. Seit dem Lockdown im März dieses Jahres eine Stunde täglich. Durch mein Viertel, hier in Leipzig Anger-Crottendorf. Ich verlasse meine Tür, blicke die Straße hinauf: Gründerzeithäuser, mal mehr, mal weniger verfallen, eine große Brachfläche mit umgekippten Zäunen direkt gegenüber.

Ich biege an der nächsten Ecke ab, die „Grüne Gasse“ entlang. Mittlerweile habe ich ein paar gute Routen gefunden, die mich vergessen lassen, dass ich in einer Großstadt lebe, Ich tauche ein in den urbanen Dschungel: Brachflächen, Trampelpfade. Unkräuter wohin ich schaue. Ich komme an einer Kleingartensparte vorbei und erhasche einen Blick über den Zaun. Ein wenig blasse Tomaten, dafür aber eine Riesen-Zucchini warten darauf geerntet zu werden. Ein kleines Gärtner*innenglück. Auch das scheint seit der Pandemie ein neuer Sport zu werden.

Von nachdenklich stimmenden Straßennamen und idyllischen Pfaden

Es geht weiter, die Liselotte-Hermann-Straße lang – eine der wenigen Straßen auf meiner Tour, die eine weibliche Namensträgerin zum Vorbild hat. Eine kurze Beschreibung fasst ein ganzes Leben zusammen: „1909-1938, Studentin, hingerichtet, beteiligt am Widerstand gegen den Nationalsozialismus“. Ich schlucke und laufe weiter zur Unterführung an den stillgelegten Bahngleisen, die später mal den Parkbogen Ost bilden sollen. Die Büsche werden hier höher, das Gehölz dichter. Mein Weg führt mich weiter entlang eines kleinen Baches, der östlichen Rietzschke. An einigen Stellen ist allerdings kein Wasser mehr zu sehen. Der Bach ist ausgetrocknet. Im 18. Jahrhundert war die Rietzschke-Aue fruchtbares Land für die Kohlgärten ganz in der Nähe des Weges, verrät mir ein Wikipedia-Artikel. Je öfter ich diese Strecke gehe, desto mehr Details fallen mir auf, ich stelle mir Fragen zu meinem Umfeld. Wo laufe ich hier lang? Was ist Geschichte dieses Gebäudes? Wie sah der Straßenzug vor 30 Jahren aus? Ich versuche die Stadt zu lesen.

Kleine Kulturgeschichte des Spazierens

Bereits in der Antike macht Platon auf den Zusammenhang von Gehen und Denken aufmerksam. Viel später dann, im 19. Jahrhundert stellt Nietzsche fest: „Trau nur dann einem Gedanken, wenn er sich zehn Kilometer mit dir bewegt hat.“

Flanieren wird das ja auch genannt. Was steckt denn eigentlich hinter diesem verheißungsvollen Umherwandern?
Die sprachliche Herkunft des Wortes Flanieren, kommt vom französischen Verb Flâner, was so viel bedeutet wie „umherstreifen oder umherschlendern“. Die großen Boulevards im Paris des 19. Jahrhunderts verlocken das aufstrebende Bürger*innentum und die Dandys der Zeit, sich treiben zu lassen. In den 1920er Jahren holen Walter Benjamin und Franz Hessel das Flanieren nach Berlin.

Bevor Lucius Burckhardt die „Promenadologie“ in den 1980er Jahren zur wissenschaftlichen Disziplin erklärte, kamen noch einmal entscheidende Impulse aus Paris: die Situationistische Internationale, eine Gruppe linker Künstler*innen und Intellektueller bediente sich subversiver Spaziergangspraktiken. Das Dérive, wie sie das Umherschweifen nannten, wurde zur zentralen Methode ihrer Feldforschung.

Auf dem Weg zur Flâneuse

Das klingt jetzt doch ziemlich avantgardistisch, weiß und männlich. Darf denn niemand anderes flanieren? Der 2019 erschienene Sammelband FLEXEN. Flâneusen* schreiben Städte widmet sich genau dem Pendant des Flaneurs, nämlich der Flâneuse. Einer Figur der Ermächtigung.

Im Vorwort heißt es:

Denn das, was ich mache, ist nicht einfach nur ein nettes Herumspazieren, ein Lustwandeln, eine Selbstverständlichkeit. Ich bin noch kein Teil einer Tradition, es gibt von mir noch kein Bild mit Spazierstock und Zylinder auf den großen Boulevards.

Es geht um andere Perspektiven auf Städte, geschrieben und erlebt von Frauen*, People of Color oder queeren Menschen.

Nachdem ich das Buch gelesen habe, schärft sich auch mein eigener Blick. Dafür, wie sich die Menschen in der Stadt bewegen, wie viel Freiheit sie sich selber nehmen und den anderen lassen. Wer noch Flâneur ist und wer schon schon Flâneuse.

Eine Verschnaufpause im Park und verlassene Fabrikgebäude

Ich mache mich nun auf den Weg in den Stünzer Park, für eine kleine Rast. Inmitten des Parks befindet sich ein Teich, einige Leute sitzen und plaudern am Ufer, es wird gepicknickt. Ich eigne mir mein Viertel an, indem ich es genau betrachte. Gleichzeitig frage ich mich, was mich mit den Leuten verbinden könnte, denen ich auf meinem Spaziergang begegne.

Auf dem letzten Stück des Weges komme ich an einem imposanten, leerstehenden Fabrikgebäude vorbei. Das polygraphische Maschinenwerk Karl Krause für Buchbindereimaschinen. Das Licht fällt durch die mittlerweile glaslosen Fenster, hier rattern schon lange keine Maschinen mehr. Stattdessen beobachte ich eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die die Ruine als Kulisse für ein Fotoshooting nutzen. Die Nachmittagsssonne steht schon sehr tief.
Nun geht es einfach wieder geradeaus, meine Runde nähert sich dem Ende.

Seit einigen Wochen haben Theater, Cafés, Bars und Kinos wieder geöffnet. Wer spaziert weiterhin? Oder sind Kulturveranstaltungen und lauschige Abende im Biergarten doch verlockender?
Ich habe in den letzten Monaten eine große Leidenschaft für Spaziergang entwickelt. Und werde mir auch weiter flanierend und spazierend die Stadt zu eigen machen. Leipzig ist zum Glück groß genug, da bleiben noch viele unentdeckte Spazierrouten.

 

 

 

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Josephine Kanditt
15.09.2020 - 22:56
  Kultur

Ein paar literarische Spaziergänger*innen und weiterführende Links:

Elkin, Lauren: Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London. München 2016.

Dündar, Özlem Özgül u. A: Flexen. Flâneusen schreiben Städte. Berlin 2019.

Hessel, Franz: Spazieren in Berlin. Berlin 2012.

 

Ein sehr empfehlenswerter Audio-Walk von Diana Wesser:

https://www.xn--pge-haus-n4a.de/de/projekte/hafen-der-stadt/audiowalk/