Frisch Gepresst: Helena Deland

"Fill the Rooms..."

Auf ihrem Debütalbum „Someone New“ findet die Kanadierin Helena Deland zu ihrem Sound – und zu sich selbst.
Helena Deland
Die kanadische Sängerin Helena Deland

"…with music"

Die bisherige Karriere von Helena Deland als spektakulär zu bezeichnen, wäre maßlos übertrieben. Bis zum Debütalbum veröffentlichte sie ausschließlich die „Drawing Room“-EP aus dem Jahr 2016 und zwei Jahre später die Sammlung "Altogether Unaccompanied", eine vierteilige Serie bestehend aus jeweils zwei bis drei Songs - allesamt sehr moderate, wenig ausproduzierte Projekte.

Dass also keiner der bisherigen EPs und Songs auch nur ansatzweise an den Sound des neuen Albums erinnert, ist durchaus als Kompliment zu verstehen. „Someone New“ wirkt weniger skizzenhaft, deutlich dynamischer, abwechslungsreicher und ausformulierter. Bereits der Titeltrack ist wesentlich komplexer strukturiert als jegliche Deland-Songs zuvor. Auf einer brummenden Dronefläche baut sich der Song auf, bis diese von einer folkigen Gitarre abgelöst wird, diese wiederum von Schlagzeug und E-Gitarre im Laufe des Songs unterstützt wird und schließlich in einer großen Klimax mündet.

Zudem zeigt sich das Album auch stilistisch vielfältig. Zwar ist das alles irgendwie Indiepop, reizt die Grenzen des Genres aber vollends aus. „Comfort, Edge“ ist eine soulige, schaukelnde Low-Tempo-Ballade; „Pale“ hingegen ist der vielleicht monumental-poppigste Moment der Platte, mit dröhnenden Bläsern im Refrain, giftig-verspielten Synthesizern in der Bridge und prägnanten Drums. Überhaupt begeistert die Platte mit dezentem, aber stets passenden Schlagzeugeinsatz, der „Someone New“ erst die vorhandene Dynamik und Rhythmik verleiht.

Nur ab und an vergisst das Album, sich auf seine Stärken zu besinnen. Das Interlude „The Walk Home“ verliert sich ein bisschen zu sehr darin, ein Interlude zu sein und trägt nichts Substanzielles zum Album bei. Und so perfekt durchdekliniert die meisten Songs auch sind, lässt das eigentlich großartige „Lylz“ ein wenig unbefriedigt zurück – nicht ganz zu vermeiden bei einem Song, der gut drei Minuten auf einen musikalischen Höhepunkt zuarbeitet, aber auf halbem Wege dorthin stoppt. Nichtsdestotrotz sind die detailreich ausgearbeiteten Songs die Basis für die sehr einfühlsamen Geschichten Delands.

"…with poetry"

Und diese Geschichten sind vielleicht die größte Stärke des Albums, denn ähnlich detailreich wie die Produktion der Songs sind auch die Texte. Die Lyrics beschreiben die Suche nach Delands Selbstbild, Selbstwert und Selbstbewusstsein. Und so allgemein und allgemeingültig diese Themen in der Kunst auch zu sein scheinen, werden sie doch selten so poetisch verpackt wie auf „Someone New“.

I'm used to being the actress
Surprised in mid-practice
Rehearsing love 'til it's real
And also the audience
Before velvet curtains part
And finally reveal if I feel anything
Let alone love

Helena Deland in "Mid Practice"

Überhaupt sind die Texte Delands ein großer Kraftakt – für sie selbst. Auf dreizehn Tracks puzzelt sie ohne Gnade ihre Verhaltensweisen, Sehnsüchte und auch die Erwartungen an sie als Frau auseinander. Das macht sie so überzeugend, dass das bloße Zuhören schon falsch wirkt, ganz so, als würde man heimlich in Helena Delands Tagebuch lesen.

A stranger to remind me
I don't contain the world
That is outside, can't I see?
And in it, I'm this lucky girl
And how to play my role
'Til I get too old
By then remembering, no
It better be enough

Helena Deland in "Someone New"

Nur selten wirken die Texte zu kitschig, aber auch diese Momente gibt es auf der Platte. „Smoking at the Gas Station“ ist zwar musikalisch makellos, plustert sich textlich aber streckenweise ein bisschen zu sehr mit Effekthascherei und Pathos auf. Ein bisschen Kitsch ist dennoch zu entschuldigen, vor allem wenn es Deland dabei gelingt, die Menschen um sie herum zu porträtieren.

"...with people"

Denn inmitten der Selbstanalyse Delands tauchen ab und an andere Akteure auf, die die Kanadierin mal rührend, mal abstoßend, aber immer beeindruckend präzise skizziert. Zum Beispiel erzählt das bereits erwähnte „Lylz“ von ihrer gleichnamigen Freundin und deren gegenseitigem Versprechen, im Falle eines Todesfalls das Werk der anderen zu verbreiten und am Leben zu erhalten – ganz nach dem Vorbild der Schwestern Boulanger (siehe Infobox). Das ist zwar auch nicht komplett frei von Kitsch, aber dafür unglaublich liebenswürdig.

Vergleichbar unscheinbar kommt hingegen „Seven Hours“ in der Tracklistdaher, eine ruhige Akustikgitarrennummer. Darauf singt Deland gerade einmal ein paar Zeilen über eine Autofahrt mit einem Mann, die nicht nur abstoßend und bedrückend, sondern auch so gnadenlos präzise beschrieben sind, dass sich innerlich alles auftürmt.

Blood on my thigh
You lick your finger
I don’t know why
I push your hand away
Seven-hour drive
With nothing to say

Helena Delands Lyrics zum Song "Seven Hours"

"...with Helena Deland"

Der Titel „Someone New“ ist programmatisch. Deland traut sich mehr zu, klingt eigenständiger als auf den vorherigen Projekten, noch selbstbewusster, noch stärker. Und so sehr die Texte teilweise bedrücken, kommt man aus der Platte mit einem wohligen Gefühl heraus. Denn so schöne Arrangements und Instrumentals wird man dieses Jahr wohl nicht mehr hören. Insofern: Please fill the rooms with Helena Deland, denn „Someone New“ ist ein überragendes Album.

 

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Helena Deland: Someone New

Tracklist:

1. Someone New*

2. Truth Nugget*

3. Dog*

4. Fruit Pit

5. Pale*

6. Comfort, Edge*

7. The Way Home

8. Seven Hours*

9. Smoking at the Gas Station

10. Lylz*

11. Mid Practice*

12. Clown Neutral

13. Fill the Rooms*

 

*Anspieltipps der Redaktion

 

Erscheinungsdatum: 16.10.2020
Luminielle Records

Die Geschichte der Schwestern Boulanger:

Die beiden Schwestern Nadia und Lili Boulanger waren französische Komponistinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Da die beiden sich nicht nur familiär, sondern auch musikalisch und freundschaftlich eng verbunden waren, schworen sie sich einen Eid: Sollte eine der beiden frühzeitig sterben, würde die andere die Kunst und Geschichte der Verstorbenen weiterverbreiten. Als Lili 1918 im Alter von nur 24 Jahren nach langer Krankheit verstarb, löste Nadia ihr Versprechen ein und hielt das Andenken an ihre Schwester zeitlebens aufrecht.