Musik-Highlights: KW 27

Fette Beats und Feminismus

Eine weitere Woche bringt neue Musik, und auch diesmal hat unsere Musikredaktion die besten Releases gehört und besprochen. Mit dabei sind polierter Deutschrap, eine komplett weibliche Produktion und ein Hoffnungsschimmer für Fans von Kanye West.
Haiyti - Dream WIfe - Disclosure - Kanye West
Musikhighlights der Woche - KW 27

Frisch Gepresst: unser Album der Woche ist "Mordechai" von Khruangbin. Die Rezension findet ihr hier.

Haiyti - "Sui Sui"

Album-VÖ: 03.07.2020

Erst ein Jahr ist vergangen seit ihrem letzten Album „Perroquet“. Doch genau so sind wir es von der Hamburger Rapperin Haiyti auch gewohnt: so viel Output wie möglich, ohne viel darüber nachzudenken, aber immer real. Von „Sui Sui“ sind im Voraus schon sechs Singles veröffentlicht worden. Und trotzdem kriegen wir noch genug Neues zu hören. Denn bei den 15 Songs zeichnet sich ganz deutlich ab: Haiyti wird immer poppiger. Während man bei ihren älteren Mixtapes noch sehr viel Wut in der Stimme der Rapperin gehört hat, stellt man nun fest, dass die Songs sehr viel melodischer und eingängiger sind. Die Vorabsingle „Paname“ klingt wie ein echter Sommertrack, zu dem man auch direkt das Bedürfnis verspürt im Sonnenuntergang mit einem Cocktail in der Hand zu tanzen. Auch der Track „Toulouse“ mit dem französischen Rapper Albi X hat großes Hitpotential.

Haiyti zeigt sich auf dem Album auch von ihrer ruhigeren und fast schon melancholischeren Seite. So auch auf dem Track „Drogenfilm“. Das etwas getragene Pianosample unterstreicht hier die ganze Atmosphäre noch zusätzlich.

Thematisch ist sich die Rapperin jedoch treu geblieben. Es geht um Geld, Drogenkonsum, das Fahren von schnellen Autos und natürlich auch Klamotten. Außerdem hat sie mit dem Track „Ich hab mit dem Money getalkt“ einen Cloudrap Hit gelandet, den sich Moneyboy nur hätte wünschen können.

Am Ende hat man ein wenig das Gefühl, dass Haiyti erwachsener geworden ist. Es gibt mehr Gesangseinlagen und die Beats sind langsamer und eingängiger. Doch trotz allem fehlt ein bisschen das krächzende Etwas und die verrückten Adlibs nach jeder zweiten Zeile, die Haiyti immer von der Masse abgehoben haben.

   Emma Dressel

 

Dream Wife - "So When You Gonna..."

Album-VÖ: 03.07.2020

Dream Wife haben eine klare Agenda: Frauen* zu vereinen, zu bestärken und sie zu ermutigen, das zu tun, was sie wollen. Das hat das britisch-isländische Trio schon auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vor zwei Jahren klar gemacht. Was damals noch in typischer Riot-Grrrl-Manier vor allem mit lauten Gitarren funktioniert hat, klingt auf „So When You Gonna…“ deutlich geordneter und vielfältiger. Trotz poppigerer Ansätze sind Alice Go, Ella Podpadec und Rakel Mjöll aber immer noch genau so gerade heraus wie gewohnt: Auf der neuen Platte geht es, neben Liebes- und Tourgeschichten wie dem grandiosen „Sports!“, auch um die Gleichstellung der Geschlechter, Abtreibung („After The Rain“) und Fehlgeburten („Temporary“).

If the heartbeat fails
Know I’m here
With a full embrace
How is it to love and live temporary?

Dream Wife - "Temporary"

Dream Wife lassen ihren Worten aber auch Taten folgen. “So When You Gonna…” wurde von einem ausschließlich weiblichen Team produziert und gemastert, denn auch Dream Wife haben sich in der Vergangenheit von der vorherrschend männlichen Musikwelt erdrückt gefühlt.

Sie geben Frauen* nicht nur in ihrer Musik eine Stimme, sondern haben auch einen Podcast gestartet, in dem sie Frauen aus den verschiedensten Ecken der Musikbranche interviewen. Den Podcast kann man sich hier anhören.

    Marie Jainta

Kanye West ft. Travis Scott - "Wash Us In The Blood"

Single-VÖ: 30.06.2019

Die Stille um Kanye West in den letzten Wochen und Monaten hat gutgetan. Keine Hot-Takes zur BLM-Bewegung oder Corona, keine Pro-Trump-Statements, keine Kontroversen. Stattdessen: Arbeit im Studio, Sunday Services mit seinem Gospelchor und biblische Treue. Und das scheint sich ausgezahlt zu haben, denn die neue Single „Wash Us In The Blood“ ist Balsam für die Seele der Kanye-Jünger.

Dabei geht Kanye zwei bis drei Schritte in seiner Diskografie zurück. Er behält die religiösen Elemente aus seinem verkorksten und unfertigen Gospel-Album „Jesus Is King“ bei und verbindet sie mit einem heulenden Sirenen-Beat, der so oder so ähnlich auch 2013 auf „Yeezus“ hätte stattfinden können. Und so ist der Track eine religiöse Antwort auf die politischen Verhältnisse in den USA – Industrial-Gospel, gewissermaßen.

Wash us in the blood (Blood)
Whole life bein’ thugs (Hah)
No choice sellin' drugs (Ooh)
Genocide, what it does (Ah)
Mass incarc', what it does (Huh)

Kanye West in "Wash Us In The Blood"

Ganz ohne die egotriefenden, kanyeesken Zeilen kommt der Song dann aber doch nicht aus: Die Musikindustrie will ihm zum „Calm-Ye“ machen, die News über ihn sind generell fake. Dafür ist der Miniauftritt von Travis Scott unerwartet politisch und kommt ohne Egotrips aus.

Execution, thirty states (That's right)
Thirty states still execute (Ah)
Thou shall not kill, I shall not spill, Nextels at the rendezvous (Ooh)

Travis Scott in "Wash Us In The Blood"

„Wash Us In The Blood“ ist weit weg vom „Jesus Walks“-Kanye, aber eben auch genauso weit weg vom Chaos-Kanye der letzten drei Jahre. Das allein ist schon Nachricht genug und macht Hoffnung darauf, dass die kontroversen und musikalisch unterwältigenden Jahre hoffentlich vorbei sind.

   Scott Heinrichs

 

Disclosure fr. Aminé & slowthai - "My High"

Single-VÖ: 30.06.2019

Tanzbare Beats mögen in schwitzigen Clubs eine sichere Garantie für volle Dancefloors sein; ohne vermarktbare Gesangsmelodien kommt man damit aber nicht ins Radio. Auch Disclosure haben diese Lektion schon gelernt. Die britischen House-Erneuerer können zwar auf die Unterstützung einer eingeweihten Fangemeinde zählen. In die Charts hätten sie es ohne prominente Gaststimmen wie Sam Smith wohl aber kaum geschafft.

Was nicht heißen soll, dass sich die Brüder Howard und Guy Lawrence dem Mainstream anbiedern. Dass sie kantigen Klängen und Sound-Experimenten gegenüber weiterhin aufgeschlossen sind, beweist das Duo aus Surrey mit ihrer neuen Single „My High“. Der Beat ist hier ein hyperaktives Brett wie für die nächste Ecstasy-Party. Um dem gerecht zu werden, haben sich Disclosure erstmals keine Sänger, sondern gleich zwei Rapper ans Mikrofon geholt, den US-Amerikaner Aminé und den Briten Slowthai. Vor allem Letzterer kennt sich mit ruhelosen Beats ohnehin schon bestens aus, weshalb man sich beim Hören von „My High“ wie nah am Adrenalinschock fühlt. Der armen Seele auf der Krankenliege im dazugehörigen Video dürfte es ähnlich ergehen.

    Martin Pfingstl

 

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Direkt bei Spotify reinhören:

Haiyti - "Sui Sui"

 

Dream Wife - "So When You Gonna..."

 

Kanye West ft. Travis Scott - "Wash Us In The Blood"

 

Disclosure ft. Aminé & slowthai - "My High"