Rotes Sofa: C. J. Göpfert & B. Messinger

Ferne Revolte

Die 68er-Bewegung wird 50. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres erinnern Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger in ihrem Buch an „Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968.“ Lebendig, persönlich – aber leider auch nostalgisch und angestaubt.
Interview
Redakteurin Louisa Grübler im Gespräch mit Claus-Jürgen Göpfert.

Abschluss und Festanstellung vor Augen, teure Statussymbole in der Tasche: Studierende scheinen heute immer bürgerlicher zu werden. Viele sprechen von einer „neuen Spießigkeit“. Dieses Bild unterscheidet sich deutlich von den Fotos auf dem knallroten Buchcover. Dort sind Straßenkämpfe, besetzte Uni-Gebäude und hitzige Diskussionen zu sehen. Sie stammen aus dem Jahr 1968, Höhepunkt einer beispiellosen studentischen Protestbewegung und bis heute ein Reizthema. Fünfzig Jahre danach ist es ruhig an den Universitäten. Gleichzeitig ist vom Rechtsruck die Rede, die AfD sitzt im Bundestag und Alexander Dobrindt ruft in einem viel diskutierten Artikel zur „bürgerlich-konservativen Wende“ auf.

Und doch dominiert in vielen Debatten eine linke Meinungsvorherrschaft eine dieses Schauspiel ertragende bürgerliche Mehrheit. Der Ursprung dafür liegt vor genau 50 Jahren, im Jahr 1968.

Alexander Dobrindt

"Notwendiger denn je"

Es gibt also genügend Gründe, sich wieder mit den 68ern auseinanderzusetzen. Diese Ansicht teilen der Journalist Claus-Jürgen Göpfert und der Grünen-Politiker Bernd Messinger. Beide haben einen Bezug zu Frankfurt, dem Brennpunkt der 68er-Revolte neben West-Berlin. Ihr Buch, so die Autoren, sei „notwendiger denn je.“ Im Vorwort heißt es:

Vieles von dem, was tatsächlich geschah, droht fünfzig Jahre später in einem Mythos zu verschwimmen. Dieses Buch ist auch der Versuch, die wirklichen Geschehnisse wieder in Erinnerung zu rufen.

Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger

Dafür haben die Autoren 24 Zeitzeugen befragt, darunter Prominente wie Peter Härtling und Daniel Cohn-Bendit. Außerdem möchten sie den Bezug zur Gegenwart herstellen und so das Erbe der 68er deutlich machen.

Zu viele Erinnerungen

Etwa die Hälfte des Buches besteht aus einem chronologischen Abriss des ereignisreichen Jahres 1968 in Frankfurt. Das Verhalten der US-Streitkräfte im Vietnamkrieg, die veralteten gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik, die kleinbürgerliche Spießigkeit des Wirtschaftswunders und die geplanten Notstandsgesetze der Großen Koalition in Bonn: Das alles trieb tausende junge Menschen, vor allem Studierende der Goethe-Universität auf die Straße. Die Protestformen reichten von friedlichen Demonstrationen bis hin zu Blockaden, Besetzungen und Brandstiftungen.

Göpfert und Messinger flechten die Zeitzeugenaussagen in die Abfolge der Ereignisse ein und nutzen die Chancen dieser Technik. Es entsteht eine gut lesbare, lebendige Chronik des Protestjahres 1968 mit persönlichen Einblicken. Doch leider unterliegen die Autoren den Schwierigkeiten, die eine zu starke Fokussierung auf Zeitzeugen mit sich bringt: Das Buch verliert sich oft in Anekdoten und Exkursen, beispielsweise zu Akteuren des Prager Frühlings. Diese lesen sich wie verklärt-nostalgische Rückblicke ohne wirklichen Bezug zum selbstgesteckten Ziel des Buches. Einige sprachliche Fehltritte verstärken diesen Effekt: Personen werden kumpelhaft mit Vor- oder Spitznamen genannt, Abkürzungen erst viel zu spät erklärt. Dazu kommt, dass sich die Autoren nicht auf einen einheitlichen Stil einigen konnten. Das führt zu einem wilden Wechsel der Zeitformen. Außerdem gibt es mal dramatisierende Halbsätze und mal ausschweifende erzählerische Episoden. Das alles verstärkt den Eindruck eines Erinnerungsbuches für Alt-68er.

Die Autoren selbst waren 1968 noch Teenager. Aber sie haben beide an der Frankfurter Goethe-Universität studiert und zumindest die Nachwirkungen des Protestjahres mitbekommen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich ein umfangreiches Kapitel des Buches einem ganz anderen Jahr widmet, nämlich 1976, das genau in die Studienzeit der Autoren fällt. Und wenn dann detailverliebt legendäre Kneipen und die Geschichte eines Blasorchesters beschrieben werden, fragt man sich schon, ob man es nicht eher mit einem angestaubten Memoire zu tun hat.

Stadt der Philosophen

Immerhin: Die Universität war auch 1968 das Epizentrum der Protestbewegung in Frankfurt. Hier liefert das Buch durchaus interessante Inneneinsichten in den Studienbetrieb. Am legendären Institut für Sozialforschung lehrten philosophische Größen wie Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas. Ihre Kritik der Nachkriegsgesellschaft wurde zum theoretischen Überbau für die Proteste.

Viele, die 1968 in Frankfurt studierten, kamen wegen Adorno hierher. (...) Sie begriffen Adorno als einen der ihren, den es aber zugleich zu bekämpfen galt.

Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger

Die Revolte wandte sich auch gegen die Universität selbst. Im Mai 1968 wurde sie von den Studierenden besetzt, begleitet von Forderungen zur Reform des Lehrbetriebs. Diese muten in Bologna-Zeiten geradezu utopisch an: Demokratische Entscheidungen über Lehrinhalte, eine Vollversammlung, die zur Hälfte aus Studierenden besteht und die Abschaffung von Pflichtprüfungen zugunsten eines ständigen Diskussionsprozesses.

Rückblick ohne Roten Faden

Einige Protagonisten der 68er-Revolte werden im zweiten Teil des Buches in Portraits vorgestellt, zusammen mit zwei Exkursen über die Rolle der Frauen und linke Anwaltskanzleien. Das bringt interessante persönliche Geschichten zum Vorschein. Aber damit zerfasert auch endgültig das Gesamtkonzept der Autoren. Hier fehlt der rote Faden komplett. Und während im ersten Teil durchaus auch kritische Töne über die 68er-Bewegung anklingen, wirken manche Portraits fast zu schmeichelhaft.

Es bleiben die persönlichen und lokalen Einblicke. Sie machen die Stärke von „Das Jahr der Revolte“ aus. Doch am Ende fehlt die ausführliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Errungenschaften der 68er. Für den Blick ins Heute, für die Frage, was 2018 noch mit 1968 zu tun hat, muss man auf die nächsten Publikationen warten. Die wird das Jubiläumsjahr mit Sicherheit bringen. Oder man wartet auf die nächste Revolte. Die erleben wir dann vielleicht irgendwann in den kommenden 50 Jahren.

Auf der Leipziger Buchmesse war Claus-Jürgen Göpfert bei auf unserem Roten Sofa zu Gast und hat mit uns über sein Werk, die 68er-Bewegung und persönliche Erinnerungen gesprochen:

Redakteurin Louisa Grübler im Gespräch mit Claus-Jürgen Göpfert.
1503 Das Jahr der Revolte 68
 

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"Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968." von Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger

erschienen im Verlag Schöffling & Co.

302 Seiten

Preis: 22 Euro